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100 Jahre Autochromes Die 140 Megapixel der Brüder Lumière

05.06.2007 ·  Vor 100 Jahren patentierten die Brüder Lumière ihre „Autochromes“ genannten Farbdias. Sie machten das Farbbild schon vor dem ersten Weltkrieg populär und lieferten gar Ansatzpunkte für Konzepte des digitalen Bildes.

Von Nils Schiffhauer
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Der Eintritt war kostenlos, die Vorführung machte Geschichte: Am 17. Mai 1861 warf der schottische Physiker James Clerk Maxwell das erste lichtbeständige Farbfoto an die Wand der Royal Society in London. Sein Assistent Thomas Sutton - er erfand im gleichen Jahr die Spiegelreflexkamera - hatte dazu einen drapierten Streifen Schottenstoffes dreimal fotografiert. In Schwarzweiß, natürlich. Bei jeder dieser Aufnahmen plazierte er ein andersfarbiges Filter vor dem Kameraobjektiv; Rot, Grün und Blau. Umgekehrt projizierte er die entsprechenden Bilder mit dem Licht der ihnen zukommenden Farben passgenau an die Wand. Dort erschien das Farbbild.

Dass sich aus den drei Grundfarben alle anderen mischen ließen, war Malern seit Jahrtausenden bekannt, wie es beispielsweise Aristoteles 350 v. Chr. in seiner „Meteorologica“ notiert, wobei er Purpur für Blau setzte. Der englische Arzt, Physiker und Ägyptologe Thomas Young nahm an, dass die menschliche Farbwahrnehmung ähnlich ökonomisch funktionierte. Die daher von ihm 1801 postulierten Netzhautpartikel wurden jedoch erst 150 Jahre später als Farbzapfen in Tierversuchen genauer untersucht. Maxwell entwickelte Youngs Überlegungen weiter, bis er in der Art der heutigen Beamer sein erstes Farbfoto zeigen konnte.

Die Grundidee ist einfach

Die Methode erinnert an die Frühzeit auch der digitalen Fotografie. Da der Lichtsensor farbblind ist wie damalige Fotoemulsionen, behalf man sich Anfang der 1990er für hochaufgelöste Aufnahmen ebenfalls mit drei farbgefilterten Aufnahmen. Beides gleich kompliziert, zeitraubend, kostenträchtig sowie geeignet nur für Stillleben. Drolligerweise folgte die Farbertüchtigung elektronischer Sensoren demselben Muster, wie ihn die Brüder Louis und Auguste Lumière für den chemischen Film wiesen. Sie hatten 1895 mit dem Cinématographe das wirtschaftlich durchsetzungsfähige System zur Aufnahme und Projektion von Kinofilmen erfunden. Ihr französisches Brevet (Patent) No 339.223 über „Autochromes“ genannte Farbdias wiederum datiert zwar vom 17. Dezember 1903, doch die zahllosen Schwierigkeiten einer industriellen Massenfertigung überwanden sie erst vor genau 100 Jahren, im Juni 1907. Von da an produzierten sie für begeisterte Profis wie Amateure in jahrelang steigenden Zahlen ihre Farbplatten, bis zu 6000 Stück täglich allein im Jahre 1913. Als 1932 flexibles Filmmaterial in Kleinbildpatronen die empfindlichen Glasdias verdrängte, hatten die Autochromisten mehr als eine Million Glasfotos geschossen.

Wie schon beim Kino, als dessen Geburtsstunde ihr im Juli 1895 gedrehter Streifen „Arbeiter verlassen die Lumière-Fabrik“ zählt, bauten die Lyoner auch in der Farbfotografie munter auf Weiterentwicklungen. Die Grundidee ist einfach. Das Licht fällt durch ein Raster aus den Farben Rot, Grün und Blau auf die lichtempfindliche Schicht. Ein roter Punkt etwa lässt rotes Licht durch und schwärzt die direkt darunter liegenden Bromsilberteilchen von jeweils nur 0,001 Millimeter Durchmesser. Diese werden in einer Umkehrentwicklung schließlich ausgewaschen, so dass sie im Durchlicht die Sicht auf diesen roten Punkt freigeben. Die anderen Farben entstehen in analoger Weise, und aus den Grundfarben setzt sich das gesamte Spektrum zusammen.

Die lichtempfindliche Schicht bevorzugt Blau

Autochromes sind Farbdias, sie lassen sich nur gegen das Licht betrachten und projizieren, aber immerhin drucken. Erfunden hatte dieses Dreifarbenraster als Basis des Lumière-Patentes der Amerikaner James McDonough schon 1892. Unter den rund 300 Wegen, die zur Nutzung seiner Idee für die Farbfotografie beschritten wurden, setzte sich das Autochrome-Verfahren durch. Auguste und Louis Lumière ließen sich über dessen entscheidende Details nur lückenhaft aus, was viele Zeitgenossen zu einer Art Industriespionage anregte. Alle heute verfügbaren Informationen zusammengenommen, entsteht folgendes Bild vom Produktionsprozess einer Autochrome-Platte.

Dabei wird eine dünne Glasscheibe mit einer klebrigen Kautschuklösung versehen. Auf diese gibt man in lichtechten Teerfarben eingefärbte Körner von Kartoffelstärke. Sie haben einen Durchmesser von etwa 15 bis 25 Tausendstel Millimeter und werden von gröberen durch Schlämmen im Wasserbad abgetrennt. Die eingefärbten Körner sind nicht zu gleichen Teilen gemischt, denn Grün hat - unter anderem wegen der höheren Empfindlichkeit des Auges für diese Farbe - einen etwas höheren Anteil. Nachdem die beschichtete Platte mit Dachshaarpinsel von überflüssiger Stärke befreit ist, kleben auf einer Fläche von 13 × 18 Zentimeter etwa 140 Millionen Farbpixel. Eine Walze presst die Körner mit einem Gewicht von 7000 Kilogramm je Quadratzentimeter platt. Den Zwischenraum füllt lichtsperrende Holzkohle aus. Abschließend schützt eine Lackschicht, die nach Lumière zur verbesserten Transparenz einen kleineren Brechungsindex als die Stärke aufweist, den nun gleichmäßig grau mit leichtem Rotstich erscheinenden Farbfilter. Auf diesen gießt man eine nur 0,014 Millimeter dünne Bromsilber-Gelatine-Emulsion, die für alle Farben empfindlich ist („panchromatisch“). Die Platte ist fertig und mit Gelbfilter zu belichten, da die lichtempfindliche Schicht Blau bevorzugt.

Hefezellen, Pollen oder abgetötete Bakterien

Additive Farbmischung durch Raster mit schwarzen Rändern und Überwiegen von Grün - das erinnert sowohl an das vom Kodak-Mitarbeiter Bryce B. Bayer 1976 patentierte Filtermuster heutiger Digitalsensoren als auch an die Fernsehröhre „Black Trinitron“ von Sony. Wie überhaupt grundlegende Aufnahme- und Wiedergabekonzepte immer wieder neu aufgegriffen werden. Beispielsweise die von den leichter handhabbaren Autochromes verdrängte Technik, durch Interferenz von Lichtstrahlen Farbe in die Fotos zu bringen. Der Luxemburger Gabriel Lippmann stellte 1891 hierfür ein Verfahren vor, für das er 1908 den Nobelpreis erhielt. Die Farbe erscheint hier - analog zu der des Schmetterlings oder einer Öllache - durch Lichtspiegelung an durch die Belichtung photochemisch erzeugter Lamellen aus reinem Silber. Ihr Abstand beträgt nur die Hälfte der Wellenlänge des Lichtes der entsprechenden Farbe. Was damals technisch schwierig zu machen war, erlebt heute als „Imod“ bei elektronischen Farbdisplays wieder seine Renaissance.

Für die Fotografie jedoch hatten die Autochromes ein Vierteljahrhundert lang Erfolg. Agfa durchbrach das französische Monopol 1916 mit dem Ankauf des acht Jahre zuvor erteilten Patents von J. H. Christensen, der den besser durchsichtigen Schellack statt Stärke einsetzte. Das war praktikabler als erst gebleichte und dann gefärbte Hefezellen, Pollen oder abgetötete Staphylokokken, deren Verwendung als Farbfilter ebenfalls unter den Patenten auftaucht.

Analogien in der digitalen Fotografie

Im öffentlichen Bewusstsein hingegen leuchtet die Farbfotografie erst in den 1930er Jahren auf. Agfacolor-Neu von 1936 ist das erste moderne Mehrschichtmaterial, in dem die rot-, grün- und gelbempfindlichen Schichten von jeweils nur 0,005 Millimeter Dicke durch Gelatineschichten voneinander getrennt sind. Mit Kodachrome und Ektacolor entwickelte Kodak zur selben Zeit Verfahren nach einem ähnlichen Prinzip. Es bedient sich statt der additiven der subtraktiven Farbmischung.

Die Farbauszüge ziehen ihren jeweiligen Anteil aus dem weißen Licht ab: Das Bild erscheint farbig. Die digitale Analogie hierzu bildet der ebenfalls aus drei für Rot, Grün und Blau empfindlichen Siliziumschichten bestehende Foveon-Sensor. Trotz unbestreitbarer Vorteile in Auflösung und Farbtreue ist dieser Erfindung von Carver Mead noch nicht der Agfacolor-Erfolg beschieden. Seine X3 genannten Chips stehen seit ihrer Einführung in der Spiegelreflexkamera Sigma SD-9 im Jahre 2002 bislang im Schatten des Bayer-Farbmosaiks, das so sehr an die Autochromes erinnert.

Das Jahrmarkthafte der Farbfotografie

Jede Technik hinterlässt ihre ästhetischen Spuren. Die Autochromes zeigen die Welt in pointillistischer Manier, während spätere Entwicklungen sich gar an nationale Vorlieben herantasteten. Was dem Amerikaner normal erscheint, hält der Europäer nicht für farbig, sondern für bunt. Die digitale Fotografie greift schon aus physikalischen Gründen viele Ideen klassischen Bilderfanges wieder auf. Der Kampf gegen mangelnde Auflösung, unzureichende Farbsättigung, Überstrahlungen, Unschärfe und geringe Empfindlichkeit vereint die Chemiker von gestern mit den Ingenieuren von heute.

Bei aller Farbigkeit jedoch haftet bunten Bildern etwas Jahrmarkthaftes an. Mit der Reduktion auf Schwarzweiß hatte die Fotografie eine eigene Sprache entwickelt. Blicke wie Ansel Adams „Mondaufgang“ sind in Farbe unvorstellbar, wie Philip Jones Griffiths' körnige Vietnam-Aufnahmen nur in Schwarzweiß Zeit und Raum überwinden. Und angesichts von Umbos (Otto Umbehr) die Rätsel aller Welt in eine Dreißigstelsekunde fassenden 1928er Schwarzweiß-Ikone „Unheimliche Straße“, die nicht einmal Rudolf Kicken, Doyen unter Deutschlands Fotogaleristen, verkaufen mag, wirken die 100 Jahre Bemühungen um Farbfotos ohnehin eitel.

Mit Photoshop auf Zeitreise zum Autochrome

Digitale Farbfotos lassen sich am Computer mit Photoshop in jede fotografische Technik transformieren - vom Platinprint über Daguerrotypie und Bromöldruck bis eben zu Autochromes. Softwarefilter ersetzen die Glasfilter früherer Kameras, und jeder Farbkanal Rot, Grün sowie Blau (RGB) steht separat für gezielte Änderungen zur Verfügung. Ein zuvor mit dem Gaußschen Weichzeichner (Radius: 3 bis 5 Pixel) behandeltes Bild kann daraufhin über das Menü „Filter ,Störungsfilter' Störungen hinzufügen“ gleichmäßig mit einem Autochromes ähnlichen Farbgestöber überzogen werden. Dank der Ebenen-Technik lässt sich diese Bearbeitung noch feiner steuern, wie Schritt für Schritt eine Anleitung im Internet erklärt.

Quelle: F.A.Z., 29.05.2007, Nr. 122 / Seite T1
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