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Audi City Das Autohaus für die iPad-Generation

Den Audi beim Händler kaufen? Oder im Internet? Beides wenig originell. In „Audi City“ kann jeder sein Traumauto virtuell aussuchen, zusammenstellen - und in Originalgröße anschauen.

© Hersteller Vergrößern Zu jedem Riesenbildschirm gehört ein Terminal

Der Kauf eines Autos kann fast so einfach und bequem sein wie das Bestellen von Müsli oder Pizza: Im Internet wählt man auf einer Website seine Lieblingszutaten aus und bestellt. Beim Autokauf lässt sich allerdings der Weg zum Händler für den endgültigen Vertragsabschluss selten vermeiden - doch diese Aktion könnte ebenso gut im Internet stattfinden. Sind Autohäuser also auf dem besten Weg, ein weiteres Opfer des digitalen Zeitalters zu werden?

Audi hält mit „Audi City“ dagegen. Das Unternehmen verpasst dem Autohaus ein neues Image, indem es das Konzept eines Verkaufsraums mit neuester digitaler Technik gehörig aufpeppt. In der vergangenen Woche wurde in London der erste „reale Cyberstore“ vorgestellt. Die nächste „Audi City“ wird Ende des Jahres in Peking eröffnet, bis 2015 sollen sie in 20 weiteren Städten wie Paris, Berlin, Rom, Moskau und New York folgen.

Audi City Wenn der Wagen scheibchenweise „explodiert“... © Hersteller Bilderstrecke 

In London stehen auf 690 Quadratmetern gerade mal drei „echte“ Audis, alle anderen Autos sind digital. Vier Riesenbildschirme geben virtuelle Modelle in Originalgröße wieder. Sie reichen vom Boden bis zur 2,67 Meter hohen Decke und sind fast fünf Meter breit. Um diese Fläche zu erreichen, werden Rückprojektionswände mit LED-Technik eingesetzt, die aus mehreren kleineren Bildschirmen bestehen. Im Vergleich zu üblichen Beamer-Verfahren leidet die Qualität der „Powerwall“ nicht, wenn Licht von anderen Quellen den Raum durchsetzt. Die Auflösung des Bildschirms ist mit zwei Millionen Bildpunkten hinreichend groß, um den Audi nahezu echt erscheinen zu lassen.

Der Kunde entscheidet selbst, was er sieht. Um etwa das Wunschauto konfigurieren zu können oder sich von Filmchen inspirieren zu lassen, wartet auf ihn vor den Projektionswänden jeweils ein Terminal mit berührungsempfindlicher Oberfläche. Der Besucher wählt zum Beispiel eines der 36 Grundmodelle von Audi und beginnt mit der Konfiguration: Lackierung, Sitzbezug, Getriebe und so weiter. Mit Hilfe einer speziellen Geste auf dem Terminal schiebt dann der Kunde sein Auto auf den riesigen Bildschirm.

Einen Konfigurator gibt es zwar auch auf der Audi-Website oder am Computer des lokalen Händlers. Doch das Unternehmen Razorfish, dessen deutscher Standort in Frankfurt für das Herzstück der „Audi City“ verantwortlich ist, hat weitere Funktionen integriert. Das Terminal hat Multitouch-Funktionalität, so dass Verkäufer und Kunde gemeinsam den Bildschirm steuern können. Razorfish ermöglicht den potentiellen Käufern auch, sich per Fingergeste in jede beliebige Ecke des Innenraums ihres Audis zu bewegen, den Motorblock genauer zu inspizieren oder die Türen öffnen zu lassen. Man kann bestimmte Modelle in Bewegung setzen. Der Sound ist dabei jeweils auf den A3, A5 oder A7 abgestimmt. Oder der Neugierige lässt einen Audi „explodieren“, um sich jedes Detail des Wagens genau anzuschauen. Das Terminal reagiert bei all diesen Anwendungen ohne Verzögerung, und die bewegte Darstellung ist flüssig. Razorfish verwendet für die Terminals handelsübliche 32-Zoll-Multitouch-Bildschirme. Der Einsatz der Software erfordert allerdings mehr logistischen Aufwand. Weil sie enorme Rechnerleistung benötigt, hat jede „Audi City“ einen Raum mit mehreren Servern.

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Doch in der virtuellen Umgebung haben die Macher immer wieder Anker in die analoge Welt geworfen. So kann man zum Beispiel anhand von echten Lack-, Stoff- und Holzmuster seine Vorstellungen spezifizieren und den zu konfigurierenden Wagen damit wiederum digital ausstatten. Weiß der Kunde nun, wie der Audi genau aussehen soll, will aber noch ein paar Tage Bedenkzeit, bekommt er seine Auswahl in Form eines USB-Sticks oder als ausgedruckte Farbbroschüre mit nach Hause. Mit einem persönlichen Code kann er sich im Netz auf „myAudi“ seine Daten aufrufen. Entscheidungsfreudige Kunden gehen in der Londoner „Audi City“ direkt in den Untergrund. Einen Stock tiefer befinden sich „private Kundenräume“, wo ein Händler aus Fleisch und Blut dem Käufer Verträge aus Papier vorlegen kann.

Mit diesem Konzept versucht Audi, die Website, den Showroom und Autohaus auf höchstem technischen Niveau mit dem kompetenten Händler zu vereinen. Unterhaltung des Kunden und Werbung für die Marke stehen dabei zweifelsohne im Vordergrund, der Absatz von 20 „Audi Citys“ in der gesamten Welt dürfte sich in Grenzen halten. Audi will nach Aussage einer Pressesprecherin zum einen die „Laufkundschaft“ ansprechen. Nicht ohne Grund werden die Showrooms an prominenten Plätzen in der Innenstadt - wie etwa in London am Piccadilly Circus - eingerichtet und befinden sich nicht wie deutsche Autohäuser eher am Rande der Stadt. Zum anderen will Audi aber auch Interessierte einladen, die schon im Internet recherchiert haben - was die meisten tun - und immer noch unentschlossen sind. Dennoch werden die wenigsten Autokäufer zufällig an einer „Audi City“ vorbeischlendern oder neugierig nach London fliegen. Einige dürfen vielleicht trotzdem staunen, denn Audi-Händler können sich mit einzelnen Modulen ausstatten. Ein Terminal inklusive Riesenbildschirm wäre doch ein netter Anfang.

Quelle: F.A.Z.

 
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