15.12.2009 · Aus einer winzigen Nische wurde ein riesiger Markt: Alle Welt spricht von „Apps“, den Mini-Programmen fürs iPhone. Vor einem Jahr standen rund 10.000 Apps parat, aktuell sind es mehr als 100.000. Der Erfolg von Apple ruft jedoch auch Kritik hervor.
Von Michael SpehrGeld verdienen mit den Ideen anderer Leute. Und mit den längst verkauften Geräten beim Kunden. Diese Maxime hört sich ein wenig nach einem ökonomischen Perpetuum mobile an, aber sie funktioniert verblüffend gut. Die Rede ist von Apples „App Store“, der seit seiner Eröffnung im Juli vergangenen Jahres eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen geschrieben hat. Hier lassen sich Zusatzprogram- me für das iPhone-Kulthandy und den Musikspieler iPod Touch laden: „Apps“, die Kurzform steht für „Applications“. Apples Software-Laden floriert: Vor einem Jahr standen rund 10.000 Apps parat, aktuell sind es mehr als 100.000. Jede Woche werden 10.000 neue Apps eingereicht. Im September verkündete Apple stolz, dass seit der Gründung zwei Milliarden Apps geladen wurden, die Hälfte davon wiederum nur in den vergangenen sechs Monaten, im April wurde die Milliardenmarke geknackt.
(Siehe auch das Ergebnis der FAZ.NET-Umfrage: iPhone: Das geht App!)
Nahezu jeder hat Apps auf seinem iPhone: In dem kunterbunten Allerlei gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Von der Wasserwaage über die elektronische Zeitschrift bis zum „Maggi Eierlaufen“, bei dem Küchenakrobaten mit Ei und EiPhone balancieren sollen, dahinter steckt der bekannte Hersteller von Tütensuppen. Apps gelten in der jüngeren Generation als „cool“, man muss die besten, schönsten oder sinnvollsten entdecken, sie sind ein Instrument der Distinktion angesichts der Hardware im Einheitsdesign. Und das Smartphone wird noch einmal neu definiert, es wird zum Schweizer Taschenmesser des Digitalzeitalters, es transportiert Software, Spiele, Musik und Inhalte aller Art. Apple hat einen bis dahin winzigen Nischenmarkt zu signifikanten Reichweiten gebracht, schon ist die Rede von einer App-Ökonomie. Das iPhone ist bei den deutschen Medien der erste, einzige und wichtigste Kanal für die elektronische Verbreitung von Nachrichten. Über kurz oder lang werden alle wichtigen Zeitungen und Zeitschriften mit einer App auf dem iPhone vertreten sein, die Ankündigungen überschlagen sich geradezu.
Sehr einfache Ideen
Der überraschende Erfolg basiert im Grunde genommen auf sehr einfachen Ideen: Sowohl das iPhone wie auch der iPod Touch (ohne Telefonfunktion) sind hermetisch geschlossene Systeme. Zusätzliche Software lässt sich im Unterschied zu anderen Handys nicht per Bluetooth, Kabel oder Speicherkarte aufspielen, sondern nur mit einem iTunes-Account. iTunes war ursprünglich die Musiksoftware von Apple, sie ist nun im Zweitjob die zentrale Anlaufstelle für Software-Erweiterungen.
Und weil es nur diesen einen Weg gibt, über den jedes Zusatzprogramm gehen muss, kann Apple als Türsteher und Oberkontrolleur eine Position besetzen, für die es bislang kein Beispiel gibt. Kaufte man früher Handy-Software direkt beim Programmierer, hat Apple nun die gesamte Entwicklerwelt im Griff: Das Unternehmen in Kalifornien legt die Richtlinien für die Software-Entwicklung fest, es gibt ein Zulassungsverfahren für jedes einzelne Programm. Apple übernimmt das Marketing und den Vertrieb, bestimmt, welche Software prominent auf sogenannten Schaufensterplätzen hervorgehoben oder gar durch Anzeigen beworben wird. Apple ist der Ansprechpartner des Kunden, nimmt die Verkaufserlöse ein und behält davon 30 Prozent für sich. Der Rest geht an die Entwickler, derzeit sind das rund 125 000, viele davon Einzelpersonen, aber auch etliche große Unternehmen, vor allem Hersteller von Spielen und Navigationslösungen.
Klare Richtlinien jenseits allgemeiner Plattitüden fehlen
So wundert kaum, dass die Kritik an der Omnipräsenz des amerikanischen Unternehmens immer lauter wird: Das Genehmigungsverfahren dauert den Entwicklern zu lange. Apple spricht von zwei Wochen, einige Hersteller warten jedoch monatelang. Klare Richtlinien jenseits allgemeiner Plattitüden fehlen. So ist zwar im Lizenzvertrag für Entwickler die Rede davon, dass der „App Store“ nicht für „die Entwicklung, Konstruktion, Herstellung oder Produktion von Atomwaffen, Lenkwaffen oder chemischen oder biologischen Waffen“ benutzt werden dürfe. Auch sind pornographische, illegale oder „arglistige“ Hintergründe untersagt. Aber die Schere des Zensors schnappt bei Apple schnell zu. Im vergangenen Monat ließ die Zentrale in Cupertino die App der Zeitschrift „Stern“ wegen einer einzigen erotischen Bilderstrecke der Redaktion ohne Vorwarnung aus dem Laden nehmen. Mittlerweile ist sie wieder verfügbar, aber das Beispiel ist kein Einzelfall. Dass manche unanständigen Scherzprogramme aus dem „App Store“ flogen, mag man irgendwie hinnehmen. Schwerwiegender ist indes die Regel, dass Funktionsdoubletten verboten sind. So gibt es für iPhone und iPod Touch bislang kein alternatives E-Mail-Programm jenseits des eingebauten und keine Alternative zu Apples Safari-Browser. Ebenso wurde das amerikanische Google Voice bislang nicht freigegeben. Das ist eine Art intelligenter Rufnummer für Festnetz und Mobilfunk, die in den Vereinigten Staaten derzeit Furore macht. Auch Google Latitude (zur Ortung von Freunden) und Google Talk müssen ohne App auskommen, sie laufen aber in einem Browser-Fenster (was Apple nicht verhindern kann).
Unzulässig sind ferner Apps, die bestimmte nichtdokumentierte Funktionsaufrufe des Betriebssystems nutzen. Apple selbst darf sie verwenden, unabhängige Entwickler hingegen nicht. Dass das Betriebssystem von iPhone und iPod Touch nicht offengelegt ist, gilt als weiterer Stein des Anstoßes in der Programmierergemeinde, und tiefgreifende Änderungen der Apple-Software sind ebenfalls verboten. So sucht man beispielsweise einen Zeichenzähler für SMS oder einen Heute-Bildschirm mit den aktuellen Kalendereinträgen unter den mehr als 100 000 Apps vergeblich. Für solche Anwendungen müsste man tief unten im „Motorraum“ des iPhone schrauben, und das unterbindet Apple ebenso wie Änderungen an der Optik der Bedienungsoberfläche.
Zentraler „Gatekeeper“ bei der Handy-Software
Derartige Apps gibt es allerdings, und zwar für die iPhones mit Jailbreak, die also von der digitalen Rechteminderung befreit wurden. Im Cydia-Store versuchen derzeit nicht wenige Programmierer, sich einen neuen Markt jenseits von Apples umfassender Kontrolle zu erschließen. Andere wie Joe Hewitt, der beim sozialen Netzwerk Facebook für die iPhone-Programme verantwortlich war, haben das Handtuch geworfen und ihre Arbeit eingestellt. Dass Apple der zentrale „Gatekeeper“ bei der Handy-Software wird und damit eine Machtstellung wie Google bei der Internetsuche einnimmt, weckt Unbehagen. Oder man stelle sich vor, Microsoft würde allen Windows-Nutzern diktieren, welche PC-Software erlaubt ist - und welche nicht.
Apples Produktmanager Phil Schiller verteidigt die strenge „App Store“-Politik und wirbt um Verständnis: Rund 90 Prozent der Ablehnungen resultierten aus technischen Problemen. Zehn Prozent würden zurückgewiesen, weil sie gegen Gesetze verstießen, „unangemessen“ seien oder versuchten, persönliche Daten zu stehlen. Nur etwa ein Prozent aller Ablehnungen falle in eine Grauzone. Etwa Apps, die beim Schummeln im Kasino helfen. Die strikte Einhaltung der Regeln sei im Interesse der Kunden, wirbt Schiller für die Zulassungspolitik: „Wir haben einen Shop aufgebaut, dem die Leute vertrauen können.“ Apple befinde sich noch in einer Lernphase und werde die Zulassungsbestimmungen klarer und „fair für jedermann“ gestalten.
Eine Suchfunktion steht parat
In der Tat hat das „App Store“-Prinzip für den Kunden etliche Vorteile: Er weiß sofort, wo er Programme findet, und muss nicht durch Hunderte von Seiten im Internet blättern, bis schließlich ein kleiner Anbieter am Ende der Welt entdeckt ist. Mit dem iPhone oder in iTunes am PC lässt sich bequem im ganzen Angebot stöbern. Eine Suchfunktion steht parat, und der Ratgeber „Genius“ empfiehlt neue Anwendungen auf der Basis der bereits installierten. Ferner kann man vor dem Kauf die Bewertungen anderer Nutzer lesen, wobei sich allerdings Klagen häufen, dass manche Hersteller tricksen und ihre eigenen Mitarbeiter positive Bewertungen schreiben lassen.
Sehen, informieren, kaufen und bezahlen: das ist mit iPhone und iPod Touch ein Vorgang, bei dem nahtlos eins ins andere übergeht. Man muss ein einziges Mal seine Kontoinformationen hinterlegen, und schon kann man mit einem Fingerstreich auf Einkaufstour gehen: direkt mit dem iPhone oder mit dem für Windows und Mac unentgeltlich bereitgestellten iTunes. Die Apps sind überwiegend klein, also flink geladen, und man kann sein Kleinod mit Hunderten davon bestücken, ohne dass es langsamer würde. Kein anderer Online-Dienst macht es einem so einfach. Weil Apple und nicht der Entwickler für den Kunden als Ansprechpartner fungiert, wirkt das Ganze sicher und seriös. Da alle Einkäufe mit iTunes synchronisiert werden, kann man seine erworbene Software zudem reibungslos von einem älteren zu einem neuen Gerät mitnehmen, was alles andere als selbstverständlich ist.
Etwa 90 Prozent aller Programme sind unentgeltlich
Der App-Kunde profitiert des Weiteren davon, dass Apple mit seinem zentralisierten Laden ein Millionenpublikum anspricht, mehr als 50 Millionen iPhone und iPod Touch sind bislang verkauft. So purzeln nun die Preise. Kostete früher ein Editor für Word- und Excel-Dateien rund 50 Euro, ist er im „App Store“ für sechs Euro zu haben. Etwa 90 Prozent aller Programme sind unentgeltlich. Bei den kostenpflichtigen beträgt der Durchschnittspreis drei Euro. Mit der Skobbler-Navigation für acht Euro erwirtschaftet die gleichnamige Firma mehr Umsatz als ihre frühere Unternehmensmutter Navigon, deren Routenführer von 70 Euro an im Apple-Laden steht.
Angesichts der Minibeträge muss es stets die Masse bringen. Und das funktioniert. So gibt es immer wieder Meldungen über Kleinunternehmer, die mit ihrer pfiffigen Idee in kürzester Zeit reich geworden sind. Das Actionspiel iShoot soll seinem Programmierer in nur fünf Monaten 800 000 Dollar eingebracht haben. Andere, die der Goldgräberstimmung folgten, sind jedoch kläglich gescheitert. Die meisten Nutzer gucken auf jene Programme, die in der Hitliste der meistverkauften oder meistgeladenen Apps auftauchen oder von der Zentrale in Cupertino auf den Schaufensterplätzen („Neu“, „Topaktuell“) beworben werden. Wie man dort landet: Das bleibt Apples Geheimnis.
Im August 2007 kündigte Nokia sein Ovi
Nach amerikanischen Studien laden iPhone-Nutzer jeden Monat durchschnittlich zehn Anwendungen auf ihr Gerät, und für jede dritte bezahlen sie, insgesamt etwa neun Dollar monatlich. Apples Umsätze aus dem Software-Geschäft schätzte der Werbevermarkter Admob für den Monat August auf 200 Millionen Dollar. Ein Jahr zuvor waren es nach Angaben von Steve Jobs monatlich 30 Millionen Dollar. Ein überaus beeindruckendes Wachstum, wenngleich nur „Peanuts“ am Gesamtumsatz von geschätzten 40 bis 50 Milliarden Dollar in diesem Jahr.
Dass Apple mit seinem „App Store“ so ungemein erfolgreich ist, trifft vor allem jenen Konkurrenten schmerzlich, der weitaus früher ein ähnliches Konzept vorgestellt hatte: Im August 2007 kündigte Nokia sein Ovi an, das eine ganze Reihe von Internetdiensten bündeln soll. Aus der Idee einer florierenden Einkaufsmeile wurde jedoch eine tote finnische Geisterstadt, ein „vollständiges Desaster“, wie die internationale Presse nahezu einhellig schrieb. Das System ist kompliziert, es ist nicht nahtlos in die Geräte-Software eingebunden, es gibt Hürden an jeder Ecke, und nicht zuletzt fehlen spannende Apps. Ein Ovi-Entwickler muss seine Software an Dutzende von Software- und Hardware-Varianten anpassen. Nokias Symbian gilt zudem als veraltet, es ist fehlerhaft, und ein modernes Smartphone, das mit dem Charme und der Raffinesse eines iPhone aufwarten könnte, sucht man bei Nokia bis heute vergeblich.
Weitere Nachahmer wie Microsoft, Blackberry, Samsung und andere haben in den vergangenen Wochen ebenfalls ihre eigenen „App Store“ eröffnet, noch ist freilich nicht viel zu sehen. Auch sie kämpfen mit der Vielfalt ihrer untereinander nicht kompatiblen Hard- und Software. Die spannendste Alternative zum Apple-Laden ist bezeichnenderweise der von Google, also einem weiteren Unternehmen, das ob seiner marktbeherrschenden Stellung angefeindet wird: Der Android Market des gleichnamigen Handy-Betriebssystems beherbergt zwar „nur“ 20 000 Anwendungen. Aber in qualitativer Hinsicht ist das Angebot besser und innovativer, weil es für die Entwickler kaum Einschränkungen gibt und sie tief ins Betriebssystem eingreifen dürfen. So findet sich im Market etliche Software, die Apple nie und nimmer zulassen würde. Für Tüftler und Bastler ist Android geradezu ein Eldorado. Aber aus der Vogelperspektive sind Googles grüne Robotermännchen noch sehr, sehr klein.