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Android 4.1 Jelly Bean Die süße Gefahr des schlauen Handys

 ·  Zuckerkruste und Gelee: Jelly Bean ist der Codename des neuen Android-Betriebssystems. Google will damit noch mehr von seinen Nutzern wissen. Und Apple wird dreist kopiert.

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Seit Ende Juni hat das Android-Betriebssystem für Smartphones und Tablet PC ein neues Gesicht: Die Version 4.1 erblickte auf der Entwicklerkonferenz I/O in San Francisco das Licht der Welt und trägt den Beinamen „Jelly Bean“. Aber jedwede Auseinandersetzung mit der verbesserten Software beginnt wie immer mit dem Klagelied über den fragmentierten Android-Markt.

Während Apple ein brandneues iOS 6 selbst dem drei Jahre alten iPhone 3GS zur Verfügung stellt und mit der offiziellen Freigabe einen kinderleichten und flinken Kleiderwechsel ermöglicht, ist bei Android alles kompliziert. Es gibt Tausende von Geräten, jeder einzelne Hersteller passt den Betriebssystemkern an seine Modelle an - und darüber vergehen Monate. Ein halbes Jahr nach dem Start des älteren Android 4 warten die meisten Nutzer noch immer auf ihr „Ice Cream Sandwich“ - von Jelly Bean wagt man gar nicht erst zu träumen. Bei den führenden Herstellern gibt es nur vage Ankündigungen und diffuse Planungen. Und natürlich ist auch gleich die Frage aufgeworfen, wie viel Android der Käufer eines Sony, HTC oder Samsung letztlich zu sehen bekommt. Denn hier wird stets eine fette Soße über die Nouvelle Cuisine des fein strukturierten Betriebssystemkerns gekippt, etwa das Sense von HTC.

Das neue Android 4.1 gab es im Juni zunächst nur für ein einziges Gerät, das Google Nexus 7, produziert von Asus. Google hat einigen deutschen Redaktionen diesen kleinen Tablet PC mit einer Bildschirmdiagonale von 18 Zentimeter bereits vor dem Marktstart zur Verfügung gestellt - aber wieder einmal nicht dieser Zeitung. Das Nexus 7 wird von den Kollegen hoch gelobt, es ist in Deutschland noch nicht erhältlich. Wir haben deshalb Android 4.1 auf dem älteren Galaxy Nexus ausprobiert, das (wie das Nexus S) mittlerweile ein Update erhalten hat. Diese drei Geräte werden in den kommenden Wochen die einzigen mit Jelly Bean bleiben.

Android 4.1 soll an erster Stelle schneller und geschmeidiger arbeiten, „butterweich“ hieß es in San Francisco. Dies kann man sofort bestätigen, und viele kosmetische Änderungen sind ebenfalls ein Gewinn: Im Kameramenü gelangt man nun mit einer Fingergeste aus dem Sucherfenster zu den bereits vorhandenen Aufnahmen. Icons auf den diversen Bildschirmen ordnen sich automatisch an, um Platz zu schaffen für größere „Widgets“. Die neue virtuelle Bildschirmtastatur sieht aus wie die alte - bietet aber bessere Vorschläge zur Wortergänzung und Autokorrektur. Die kleinen Benachrichtigungssymbole am oberen Bildschirmrand bekommen jetzt eine größere Bedeutung. Die Inhalte sind stärker gruppiert. Neu ist die Möglichkeit, vielen Hinweisen gleich Taten folgen zu lassen, etwa bei einem verpassten Anruf auf Fingertipp den Rückruf zu starten.

Als wichtigste Innovation dürfen indes Google Now und die verbesserte Sprachsuche gelten. Wie bei Apples Siri besteht die Idee darin, dass das Smartphone der Zukunft zum Lebenshelfer wird, also bei einer Suche nicht die gewohnten Verweise auf Internetseiten hervorbringt, sondern Antworten gibt. „Wird es heute in Paris regnen“ liefert den Wetterbericht von Paris und die Frage „Wer war der 17. Präsident der Vereinigten Staaten“ die Antwort „Andrew Johnson“ mitsamt Biographie und Bild. Siri nutzt derzeit in der englischen Version die Wissensdatenbank Wolfram Alpha, deutschsprachige Nutzer müssen darauf verzichten. Google Now geht über diesen Ansatz deutlich hinaus. Der Weg geht vom Befehlsempfänger, der auf Zuruf bestimmte Aufgaben übernimmt, zum aktiven Mitarbeiter, der von sich aus bestimmte Aktionen plant - und dabei sogar auf private Daten zugreift.

Anders ausgedrückt: Bislang speicherte Google private Inhalte, nun nutzt es sie aktiv und wertet Verhaltens- oder Bewegungsmuster aus, um Empfehlungen abzuleiten. Auf unserem Galaxy Nexus sahen wir morgens beim Frühstück erste Hinweise zur Verkehrslage auf dem Weg ins Büro. Google weiß, wo wir wohnen und wo wir arbeiten. Nachmittags kam dasselbe in Grün für die Rückfahrt. Aber nicht nur: Wer sich regelmäßig am Sonntagnachmittag zum Schäferstündchen bei der Geliebten aufmacht, wird schnell feststellen, dass Google auch hier Zeitpunkt und Route unbemerkt erfasst - und am Sonntagmittag erste Hinweise zur Reiseplanung gibt.

Google Now ist keine App, sondern fest im Betriebssystem verankert. Die einzelnen Hinweistafeln lassen sich mit einer neuen Geste starten. Derzeit funktioniert nicht alles in deutscher Sprache, auch beim Umstellen auf englische Menüs läuft das System noch nicht rund. Die Ratgeber sind in verschiedene Abteilungen gruppiert: Wetter, Verkehrsmeldungen, nächste Termine, Reisen, Flüge, öffentlicher Nahverkehr, Sportereignisse und beliebte Orte in der Umgebung. Aus dem Kalender und aus den Eingaben der Google-Suchmaschine sollen Hinweise der Art entstehen, dass es jetzt Zeit für den Aufbruch ist, wenn der Treffpunkt in der Stadt um 17 Uhr pünktlich erreicht werden soll. Am Bahnhof sieht man dann Meldungen über die notorische Zugverspätung, und in der Flughafen-Lounge wird punktgenau zum Boarding aufgefordert. Wie gesagt: Das alles ist in seinem sehr frühen Stadium. Bei uns kamen die Verkehrsinfos regelmäßig, aber die Qualität der Informationen ist nicht besonders hoch. Die Verknüpfung mit Kalendereinträgen funktionierte so gut wie nie und die Fluganalyse nicht ein einziges Mal.

Wer sich daran stört, dass Google hier noch mehr Daten sammelt und erstmals inhaltlich auswertet, kann Now abschalten. Dann nutzt man die Assistenzsysteme à la Siri, die deutlich weniger von einem preisgeben. Die englisch gesprochene Frage nach dem Wetter in Paris wird mit dem passenden Wetterbericht beantwortet, man kann mit einem Sprachkommando SMS schreiben und so weiter. Apple wird dreist kopiert.

Aber in den Details ist die Kopie schlechter als das Original. Zum Beispiel der Spracherkenner, den man hier auch „offline“ ohne Internetanbindung nutzen kann. Die Erkennungsleistung bleibt deutlich hinter Siri zurück, die Groß- und Kleinschreibung fehlt ebenso wie eine Erkennung von Satzzeichen: „Android 4 1 doppelpunkt 1 möchte gern bindestrich siri punkt“ transkribiert Jelly Bean, während es Siri richtig macht: „Android 4.1: Ein Möchtegern-Siri.“ Umständlich bleibt auch die Sprachsuche nach eigenen Kontakten im privaten Telefonbuch. Sie werden zwar bisweilen gefunden, aber das zugehörige Menü „Telefon“ ist unten rechts im Bildschirm neben den Web-Treffern so unglücklich angeordnet, dass man es leicht übersieht. Kurzum: Das Interessanteste und Brisanteste an Google Now ist vorerst die dahintersteckende Idee.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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