Auf den Äckern der Welt wird gepflügt, geeggt, geschnitten und gebündelt. Um diese Arbeiten effektiv ausführen zu können, suchen die Hersteller von Traktoren und Landmaschinen neue Techniken - oder verbessern die altbewährten. Kamen landtechnische Neuerungen lange nahezu ausschließlich aus Europa und Nordamerika, so entwickeln inzwischen Ingenieure aus der ganzen Welt interessante Lösungen. Auf der Agritechnica 2011 konnte man sich davon überzeugen.
Traktoren, Geräte und Komponenten aus annähernd 50 Ländern luden die Besucher auf das Messegelände in Hannover zum kritischen Vergleich ein - und die kamen aus dem Staunen nicht heraus. Denn zur traditionellen Entwicklung des größer, stärker und leistungsfähiger gesellt sich nun ein zweiter Trend, der geprägt ist von Intelligenz und Effizienz. Nicht mehr die technische Insellösung steht im Vordergrund, sondern die Steuerung und Automatisierung ganzer Prozesse. Traktor und Arbeitsmaschine werden als Einheit verstanden, bei der die angehängte Maschine durchaus das Kommando übernehmen kann. "Tractor Implement Automation" heißt das Zauberwort und deutet an, dass Ladewagen, Ballenpresse oder auch Kartoffelroder die Fahr- und Zapfwellengeschwindigkeit des Traktors so zu steuern vermögen, dass ein optimaler Einsatz des Gespanns erreicht wird. Und über alles wird eine Dokumentation erstellt. Die Rückvollziehbarkeit, die etwa beim Kartoffelanbau von den Verbrauchern gefordert wird, ist so nahezu lückenlos möglich.
Regulieren und dokumentieren
Eine Systematik in die Fülle der landtechnischen Innovationen hineinzubringen, ist Aufgabe der von der veranstaltenden Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft eingesetzten Neuheiten-Kommission. Knapp 30 Experten unter der Leitung des Hohenheimer Agrartechnikprofessors Karlheinz Köller haben vor Messebeginn die von den Ausstellern angemeldeten Vorschläge geprüft.
Besonderes Interesse heimste das System "Toni" (Telematics on implement) ein, da hier erstmals sieben Hersteller (Claas, Amazone, Horsch, Kamps de Wild, Lemken, SGT Schönebeck, Zunhammer) eine gemeinsame Datentechnik vorstellten, mit der das Übertragen der auf dem Traktor anfallenden Informationen auf den Betriebscomputer des Landwirts möglich wird. Der Weg hin zu einer Standardisierung scheint eingeleitet. Ganz gleich, von wem die Maschine stammt, lassen sich nun Ausbringmengen teilflächenspezifisch regulieren und dokumentieren, Maschineneinstellungen abstimmen, Personal- und Maschineneinsatz optimal planen. Die Jury war begeistert und ehrte Toni mit einer der 39 verliehenen Silbermedaillen. Eine weitere erhielt der zum Fiat-Konzern gehörende Landmaschinenhersteller New Holland. "Smart Key" nennt er seinen mit einem Chip ausgerüsteten Universalschlüssel, der dem Fahrer das Starten zuvor freigeschalteter Maschinen erlaubt. Der Schlüssel kann jedoch noch mehr. Alle relevanten Maschineninformationen werden in einem Dokument abgelegt. Zudem bietet der elektronische Schlüssel einen Wegfahrschutz, der immer häufiger von Versicherungen gefordert wird.
Deutlich mehr Gehirnschmalz steckt in den mit einer Goldmedaille geehrten Innovationen. Eine der beiden vergebenen ersten Preise erhielt der zum AGCO-Konzern gehörende Marktoberdorfer Traktorenhersteller Fendt für seine elektronische Deichsel "Guide-Connect". Hinter diesem Begriff steht eine wahre Revolution der Landmaschinentechnik: Mit Hilfe des "intelligenten" Lenksystems kann ein Traktorfahrer zwei Zugmaschinen gleichzeitig steuern. Haargenau und präziser als dies einem zweiten Fahrer möglich wäre, folgt der fahrerlose Traktor seitlich versetzt dem ersten Fahrzeug und verdoppelt so die Arbeitsbreite. Die Kommunikation zwischen beiden Fahrzeugen erfolgt über Funk und bedient sich einer hochpräzisen GPS-Lenkung. Fendt garantiert für die Zuverlässigkeit dieser Technik, und verspricht, dass sie störungsfrei arbeitet. Zudem haben die Ingenieure aus Marktoberdorf angedeutet, dass die automatisierte Parallelfahrt von Traktoren in naher Zukunft auf drei, vier oder gar noch mehr Maschinen ausgedehnt werden kann. Für kleinere Landwirtschaftsbetriebe kommt Guide-Connect nicht in Betracht, wohl aber für die größer werdenden Spitzenbetriebe und den wichtiger werdenden "überbetrieblichen Maschineneinsatz".
Gerangel um die beste Lösung
Die zweite goldene Medaille ging an die im Emsland ansässige Landmaschinenfabrik Bernard Krone. "Ultima" heißt die ausgezeichnete kontinuierlich arbeitende Press-Wickelkombination, die Stroh und Heu nicht nur aufnimmt, presst, bindet, wickelt und ablädt, sondern diese Arbeitsschritte ununterbrochen während der Fahrt besorgt. So etwas hat es bisher noch nicht gegeben und konnte nur durch das Hinzufügen einer Vorkammer erreicht werden, in der das Erntegut vorgepresst wird, während gleichzeitig der zuvor entstandene Ballen in ein Netz gewickelt wird, um dann in Folie eingeschlagen zu werden. Die Fahrgeschwindigkeit des Traktors wird in Abhängigkeit von der "Gutdichte" gesteuert, ein komplexer Vorgang, dessen Steuerung vor einigen Jahren im Rahmen einer Diplomarbeit erstmals angedacht wurde. Nun konnte die Mannschaft um Josef Horstmann das Projekt zum Abschluss bringen und damit ein neues Zeitalter der Rundballenpressen-Technik einläuten. Der Kundennutzen ist auch hier enorm. Bis zu 50 Prozent höhere Durchsatzleistungen bedeuten eine gewaltige Zeitersparnis.
Neben diesen mit Preisen ausgezeichneten Innovationen der Landmaschinentechnik waren auf der Agritechnica etliche Entwicklungen zu begutachten, die durch Vorgaben des Gesetzgebers initiiert wurden. Das gilt vor allem für strenger werdende Abgasnormen für die Motoren von Traktoren und selbstfahrenden Arbeitsmaschinen, die Änderungen an den Aggregaten erforderlich macht. Mit Ausnahme des Herstellers John Deere, der die Vorgaben mit einem Abgasrückführsystem und einem geregelten Partikelfilter zu erreichen sucht, setzen alle anderen Traktorenhersteller auf die im Lastwagen-Geschäft bewährte SCR-Technik (selektive katalytische Reduktion). Doch wie lange die stetig strenger werdenden Vorgaben mit den derzeit praktizierten Verfahren erfüllt werden können, ist nicht abzusehen. Das verunsichert die Ingenieure und ihre Arbeitgeber, müssen mit einem neuen Motor doch auch andere Komponenten eines Fahrzeugs verändert werden, was desto aufwendiger ausfällt, je komplizierter und komplexer die Systeme werden.
Dieses Gerangel um die beste Lösung nahmen die zahlreich auf der Agritechnica vertretenen asiatischen Anbieter aufmerksam zur Kenntnis. In ihren Ländern herrscht ein gewaltiger Nachholbedarf an landwirtschaftlicher Mechanisierung, der von Abgasnormen des Typs Tier 4 eher abgewürgt denn gefördert werden würde. So erfährt die Agrartechnik derzeit Innovationen auf zwei Ebenen. Hier die mit Elektronik und Sensorik vollgepackten Gerätschaften der Hightech-Länder, dort die von Mechanik und Hydraulik geprägten Maschinen der Wachstumsmärkte in Asien.
Auch ein Verschmelzen beider Konzepte ist zu beobachten. Heraus kommen auf die jeweiligen Gegebenheiten des Einsatzorts ausgelegte Maschinen. Auf dem Stand des westfälischen Erntemaschinenherstellers Claas wurde dies deutlich, stand dort doch neben dem modernsten, 317 kW starken Lexion-Mähdrescher des Typs 750 eine ebenfalls moderne, in Indien gebaute Erntemaschine, der "Crop Tiger". Mit einem 56 kW schwachen Tata-Motor ist der Ernte-Tiger eher untermotorisiert, überzeugt aber mit einem günstigen Anschaffungspreis und hat so das Potential, bald schon die europäischen und nordamerikanischen Hochleistungsmaschinen (nach Stückzahlen) zu überflügeln.