Ein kurzer Blick nach links, kein Fußgänger ist zu sehen. Erwin Utsch blinkt und biegt ab. Woher kommt plötzlich die Person mitten in der Einfahrt? Panisch tritt er auf die Bremse, sein Wagen kommt kurz vor dem Mann zum Stehen. Erwin Utsch hat den Fußgänger einfach übersehen.
Es war das zweite Mal innerhalb einer Woche, dass der 84 Jahre alte Utsch fast einen Unfall verursacht hat. Wenige Tage zuvor hatte er beinahe einen anderen Wagen gerammt. Es war eine Sache von Zentimetern. Das Auto hatte er nicht gesehen. Seither traut sich Utsch nicht mehr hinters Steuer: „Zweimal kann man Glück haben, aber beim dritten Mal ist Schluss“, sagt er. Sein Entschluss lautete: „Das Auto musste weg - und zwar so schnell wie möglich.“
Auto als ein Ausdruck von Lebensqualität
Die beiden Missgeschicke waren kein Zufall. Nach einer Operation war sein linkes Auge komplett erblindet. Das rechte kompensierte zwar die fehlende Sehkraft, aber das Sichtfeld war stark eingeschränkt. Im vergangenen Februar hat Utsch sein Auto verkauft, und bis heute ist er darüber erleichtert. Inzwischen weiß er: „Alles hat seine Zeit. Das Autofahren auch. Die Zeit ist für mich vorbei.“
Michael Dietrich, Mitarbeiter des Sozialdienstes im Budge-Altersheim in Seckbach, weiß, wie schwer ein solcher Schritt vielen Bewohnern fällt. Für die hier lebende Generation sei das Auto ein Ausdruck von Lebensqualität. Es bedeute Freiheit, Mobilität, Unabhängigkeit. „Das Gefühl, jederzeit abhauen zu können, ist für viele Heimbewohner sehr wichtig.“
Mythos widerlegt
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt das Zentrum für Alternskulturen (ZAK) der Universität Bonn. „Mobilität besitzt einen hohen emotionalen Wert, gesellschaftlich wie individuell“, bestätigt Alternsforscherin Kristina Kocherscheid. Ältere Menschen möchten möglichst uneingeschränkt mobil sein.
Der Mythos von „gefährlichen Senioren am Steuer“ ist statistisch widerlegt: Das Unfallrisiko bei älteren Fahrern liegt laut Statistischem Bundesamt halb so hoch wie das der Gesamtbevölkerung. Dagegen ist das Risiko, bei einem Unfall schwer verletzt oder getötet zu werden, für ältere Verkehrsteilnehmer viel höher. Im vergangenen Jahr kamen 1040 Personen, die älter als 65Jahre waren, bei einem Verkehrsunfall ums Leben - ein Viertel der insgesamt im Straßenverkehr Getöteten. Die hohe Zahl erklärt sich einerseits mit der sinkenden physischen Widerstandskraft im Alter. Senioren sind zudem häufiger als ungeschützte Fußgänger unterwegs. Trotzdem starben auch 2011 die meisten der im Straßenverkehr getöteten Senioren bei einem Unfall mit ihrem Auto.
Oft nach Krankheit
Die Vorurteile über den Fahrstil älterer Fahrer halten sich aber hartnäckig. „Ältere Verkehrsteilnehmer fahren nicht schlechter als jüngere, sie fahren anders“, sagen dazu die Gerontologen vom ZAK. Die Forscher fanden heraus, dass viele Senioren ihre Fahrweise den altersbedingten Beeinträchtigungen anpassen: Sie fahren eher langsam als schnell, sie reisen tagsüber statt nachts. Gerne lassen sie ihr Auto bei schlechtem Wetter stehen. So versuchen sie, gewisse Defizite zu kompensieren. Senioren sind sich ihrer Grenzen also durchaus bewusst und ziehen die notwendigen Konsequenzen. Auch wenn das bedeutet, den Autoschlüssel ganz abzugeben. „Bemerkenswert ist, dass viele ältere Kraftfahrer in realistischer Einschätzung der eigenen Fahreignung das Autofahren von sich aus begrenzen oder ganz darauf verzichten“, stellte das Forscherteam um Georg Rudinger fest.
Heinz Bolz, Sicherheitsbeauftragter des ADAC Hessen-Thüringen, überprüft seit zwei Jahren im „Fahr-Fitness-Check“ die Fahrtüchtigkeit von Senioren. Die Teilnehmer sind Menschen zwischen 70 und 90 Jahren, die meist nach einer Krankheit testen wollen, ob sie noch selbst fahren können. Häufig kommen auch Frauen, die nach dem Tod ihres Partners zum ersten Mal wieder selbst fahren müssen, oder Menschen, die von ihren Familienmitgliedern dazu gedrängt werden. Die meisten Teilnehmer hätten große Angst, nach der Prüfung ihren Führerschein zu verlieren, berichtet Bolz. „Diese Angst muss man ihnen erstmal nehmen.“
Nicht jeder ist betroffen
Ein Fitness-Check ist in Deutschland nicht gesetzlich vorgeschrieben. Wird der Teilnehmer als fahruntauglich eingeschätzt, muss ihn der ADAC nicht den Behörden melden. Der Test ist lediglich Mittel zur Selbsteinschätzung. Nur wenigen Senioren musste Bolz bisher den Rat geben, mit dem Fahren aufzuhören. Die Betroffenen hätten immer verständnisvoll reagiert, berichtet der ADAC-Mann. Bolz sucht dann schon einmal eine Busverbindung heraus oder handelt mit dem lokalen Taxiunternehmen eine monatliche Pauschale aus. Man könne den alten Leuten nicht einfach sagen: „Lass den Bock stehen.“ Vielmehr müsse man es ihnen sensibel beibringen.
Das Alter, dies stellt Heinz Bolz immer wieder fest, sagt nicht viel aus über die Fahrtüchtigkeit. Er habe schon eine Neunundachtzigjährige erlebt, die gefahren sei wie ein junger Gott. Diese Erfahrung bestätigen die Bonner Gerontologen. Altersbedingte Beeinträchtigungen, wie eine nachlassende Reaktionsfähigkeit oder schlechte Sehkraft, träfen nicht jeden.
Oft ist die Bushaltestelle zu weit weg
Angebote wie der „Fahr-Fitness-Check“ sind gefragt. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat veranstaltet jährlich zwischen 7000 und 8000 Kurse speziell für Ältere. Anbieter sind Automobilclubs, die Deutsche Verkehrswacht, Polizeipräsidien oder Fahrschulen. Die hohe Nachfrage spiegelt die Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft wider. Mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Deutschlands ist älter als 65Jahre, die Zahl autofahrender Senioren steigt. Auf diese demographische Entwicklung reagieren auch Bund und Länder. Seminare, Vorträge und Info-Broschüren zum Thema Verkehrssicherheit für Senioren sind ein Schwerpunkt etwa des hessischen Verkehrssicherheitskonzepts „Sichere Landstraße 2012“. Die Aktionen sollen ältere Verkehrsteilnehmer für ihre Schwächen sensibilisieren und auf andere Beförderungsmöglichkeiten aufmerksam machen.
Für Menschen in der Provinz ist es freilich gar nicht so einfach eine solche Möglichkeit zu finden. Ursula Brink wohnt in einem kleinen Ort bei Bielefeld. Zwanzig Minuten braucht die Sechsundachtzigjährige zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle. „Wenn es nicht mehr anders ginge, müsste ich meine Tochter fragen.“ Momentan geht es noch anders: Die agile Frau fährt seit 42Jahren leidenschaftlich gerne Auto, auch lange Strecken. „Solange ich noch kann, fahre ich selbst.“ Und wenn sie nicht mehr kann? Daran will sie erstmal nicht denken: „Bis jetzt ist ja noch alles gut.“
Neue Schilder
Senioren, die in Großstädten leben und öffentliche Verkehrsmittel vor der Haustür haben, können auf die Frage nach ihren Fahrfähigkeiten gelassener reagieren. Die Frankfurterin Elfriede Elsbach, 90Jahre alt, hat im vergangenen Jahr freiwillig ihr Auto verkauft. Ein halbes Jahrhundert war sie unfallfrei gefahren, nie aggressiv, immer zurückhaltend. Nur zehn Knöllchen habe sie in den 50Jahren bekommen, erzählt sie stolz. Eine Ärztin hat ihr bescheinigt, dass sie mit ihrer Sehkraft fahren könne, solange sie wolle. Aber Elsbach wollte nicht mehr. Sie hatte Angst, dass eines Tages in der Zeitung steht: Neunundachtzigjährige baut Unfall.
„Frauen in meinem Alter fahren den Mercedes ihres verstorbenen Mannes zu Schrott. Das ist peinlich.“ Körperlich wurde für Elsbach das Fahren beschwerlicher. „So gucken“, sie reckt den Hals erst nach rechts, dann nach links, „und so gucken - wer macht das mit 80 noch?“ Und dann die vielen neuen Schilder. Als sie 1965 ihren Führerschein machte, gab es die Hälfte davon noch gar nicht. Auch deshalb hält sie eine Pflichtprüfung im Alter für eine gute Idee. Wer die nicht machen wolle, der habe wohl Angst, dass er es nicht mehr schaffe, sagt sie spöttisch. Das Autofahren hat sie bisher keinen Tag vermisst. Sie fährt jetzt nur noch Rollator. Alles hat seine Zeit.
Die richtige Statistik ist nicht trügerisch
Erich Kupfer (ErichKupfer)
- 20.04.2012, 16:29 Uhr
Die Statistik ist wieder einmal trügerisch...
Mark Tan (MuselMane)
- 20.04.2012, 10:50 Uhr
Regelmäßige Prüfungen
Michael Germer (MGermer)
- 20.04.2012, 08:44 Uhr
Altersbedingtes Urteilsvermögen
Joachim Trettin (joactin)
- 19.04.2012, 19:48 Uhr
Nichts
Wolfgang Press (Wolf1104)
- 19.04.2012, 17:26 Uhr