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30 Jahre Textverarbeitung Das haben wir nun davon: Allmächtiger, wo ist mein Text?

25.03.2008 ·  Simser, diese Generation mit dem Gummidaumen, die ernsthaft darüber diskutieren kann, ob man ein Verhältnis mittels 80-Zeichen-SMS beenden darf oder nicht, Simser können sich das gar nicht vorstellen: Was es einmal hieß, sich zu vertippen.

Von Hans-Heinrich Pardey
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Simser, diese Generation mit dem Gummidaumen, die ernsthaft darüber diskutieren kann, ob man ein Verhältnis mittels 80-Zeichen-SMS beenden darf oder nicht, Simser können sich das gar nicht vorstellen: Was es einmal hieß, sich zu vertippen, vorzugsweise in der vorletzten Zeile einer ansonsten makellosen Seite. Welche Tricks es gab, falsch aufs Papier gehackte Buchstaben durch die richtigen zu ersetzen (Korrekturband und Tipp-Ex, dieses zum Begriff erhobene Markenzeichen für weißen Allheilkleister, kamen ja erst sehr spät). Welche Klebekunst ein vergessener oder von letzter Autorenhand eingefügter Satz erforderte! Wie man mit Gummi und Federmesser radierte, wie man schnitt und mit zierlichstem Federstrich aus einem r ein n und aus einem n ein m mit Serifen machte: Seit Texte nicht mehr gebeugt niedergeschrieben, sondern mit zum Bildschirm erhobenen Augen verarbeitet werden, ist das alles Vergangenheit – genauso wie die Schrecken des Anfangs.

1980 – für Spätentwickler etwa 1985 – wurde uns mit Schere und Gummierstift bewaffneten Ausbesserern die Zauberwaffe einer Taste mit dem Namen „Lösche rückwärts“ (Backspace) geschenkt. Unvergesslich die späte Stunde, als wir nach einem kurzen Moment des Einnickens hochschreckend auf einen bis auf den bernsteinbraun blinkenden „Schreibmarker“ schwarzen Bildschirm blickten. Während eines ausgedehnteren Sekundenschlafs hatte die Hand auf der Zaubertaste gelegen. Zwei Stunden Arbeit – Tabula rasa.

Der freie Platz auf der Diskette reichte nicht für den Text

Unauslöschlich gespeichert der Nachmittag, als das Programm Euroskript den Befehl erhielt, die Arbeit von anderthalb Wochen, den längsten je mit dem Programm verfassten Text, auf die Diskette zu schreiben. Es war eine jener Schlappscheiben von 5,25 Zoll Durchmesser mit 360 Kilobyte Fassungsvermögen. Das in den Vereinigten Staaten xy-write heißende Programm begann mit dem Laufwerk loszukratzen, als werde ein Gesetz Hammurabis spanabhebend in Erz getrieben. Und meldete ungerührt Vollzug: gespeichert. Aber dumm gelaufen: Der freie Platz auf der Diskette reichte nicht für den Text, und so schrieb Euroskript, ohne sich mit der geringsten Fehlermeldung zu mucksen, den Dateinamen artig in das Verzeichnis der gespeicherten Dateien und setzte die Dateigröße vorsichtshalber auf 0 Byte.

Allmächtiger, wo ist mein Text: Noch war es nicht so, dass man die aktuelle Version unter Dutzenden von Sicherungs- und Zwischenspeicherungen hervorkramen lassen konnte – oder musste. Weg hieß weg. Von einem Tag auf den anderen war man einem Freund schriftlich entfremdet, der sich einen Atari ST kaufen musste – weil es auf dem den einzigen erschwinglichen „Textprozessor“ für Griechisch und Hebräisch gab. – Ach, diese Schrecken glaubt einem sowieso kein Simser mit rasendem Daumen.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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