Am Ende wird man wohl nicht von einer technischen, sondern von einer Kulturrevolution sprechen. Vor 20Jahren gingen in Deutschland die beiden D-Netze an den Start, die ersten digitalen Mobilfunknetze, die zudem europäisch ausgerichtet waren, also eine grenzüberschreitende Erreichbarkeit auch in den Nachbarländern bieten sollten. Neu war die Mobiltelefonie am 1. Juli 1992 jedoch nicht. In Deutschland hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg ein A-, B- und C-Netz gegeben, Letzteres erlebte in den 90er Jahren geradezu einen Höhenflug mit fast einer Million Teilnehmern.
Als die D-Netze 1992 nach mehrjähriger Vorbereitung und ein Jahr später als geplant ihren Regelbetrieb aufnahmen, hatte der interessierte Kunde erstmals die Wahl zwischen Post oder Privat. Gegen das D1-Netz der Bundespost Telekom trat „D2 privat“ von Mannesmann Mobilfunk an, ein Konsortium, das 1989 neben der Post die Lizenz zum Betrieb eines GSM-Netzes erhalten hatte. Beide D-Netze begannen mit wenigen hundert Antennenstationen in den Großstädten und Ballungsräumen sowie entlang der Autobahnen. Mit dem alten C-Netz war man 1992 deutlich besser bedient, vor allem in ländlichen Regionen. Aber die neue Digitaltechnik versprach einiges: kleinere, günstigere Geräte, bessere Sprachqualität, längere Akkulaufzeiten, und vor allem sollten die Preise für Geräte und die Gebühren schon bald drastisch fallen.
Kleiner, leichter und günstiger
Wer vor 20 Jahren ins C-Netz ging, kaufte für rund 5000 DM entweder ein fest zu installierendes Autotelefon oder einen Apparat im Format eines Benzinkanisters, der ungefähr fünf Kilogramm wog. Die „Portys“ fürs D-Netz hingegen - mit einer Sendeleistung von 8 Watt - waren von Anfang an kleiner, leichter und günstiger, nämlich schon für weniger als 3000 DM zu haben. Und es gab die „Handhelds“. „Kaum größer als ein Hundeknochen“, schrieb eine Fachzeitschrift, „stehen die Handhelds in punkto Betriebszeit und Komfort-Features den schweren Kombigeräten kaum nach“. Diese pfundschweren Handhelds konnte man zwar nicht in die Hosentasche packen. Außerdem hatten sie „nur“ eine Sendeleistung von 2 Watt. Aber sie deuteten unübersehbar jenen Weg an, den das D-Netz-Telefon der Zukunft nehmen würde. Es wurde zum Taschentelefon, zum Handy.
Das wichtigste D-Netz-Gerät war viele Monate lang der sogenannte „Motorola-Knochen“, das Motorola International 3200 mit einer riesigen Antenne und einem Gewicht von 500 Gramm. Satte 34Zentimeter war es hoch, und sein Akku hielt ungefähr 12 Stunden durch. Das monochrome Display zeigte 2×8 Zeichen, und es hatte bereits einen Speicher für bis zu 100 Rufnummern. Keine Selbstverständlichkeit, auch die Möglichkeit, während des Ladevorgangs zu telefonieren, beherrschte zunächst kaum ein Gerät - und von SMS oder anderen Komfortdiensten sprach niemand.
Das „digitale Telefonieren“ lief in den ersten Monaten sehr zögerlich an, die Profis griffen wie gehabt zum C-Netz. Die Nachfrage war so schwach, dass anfangs die Post Telekom und Mannesmann auf die monatliche Grundgebühr von knapp 80 DM verzichteten. Die Gesprächsminute kostete 1,65DM, und wie „Technik und Motor“ damals warnte: „Die teuren Gebühren muss übrigens auch der Anrufer zahlen, der einen mobilen Anschluss erreichen will. Dieser Sachverhalt wird oft unterschlagen.“
Erst von 1993 an begann der Durchbruch in den digitalen Netzen: Im Spätsommer zählte das D2-Netz schon mehr als 300.000 Kunden, und bei der Telekom waren es 270.000. Monat für Monat schlossen 50.000 Neukunden einen Vertrag ab. Wer in aller Öffentlichkeit telefonierte, zog sofort sämtliche Aufmerksamkeit auf sich, galt als Aufschneider und Wichtigtuer. Die Immer-Erreichbaren, die in Restaurants, auf Badewiesen und in anderen sensiblen Zonen mit ihrem monologischen Gequassel das Erscheinungsbild des Homo erectus für immer veränderten: das war die Kulturrevolution des Handys. Bis zur Zündung der zweiten Stufe, der Erfindung des Smartphones, war der Mensch mit einer dunklen Ausbuchtung am Ohr zu denken, danach gebeugt gehend, den starren Blick stets nach unten gerichtet.
Jenseits der Ballungsräume
Diese Unanständigkeit, seine kommunikativen Bedürfnisse in aller Öffentlichkeit zu befriedigen, war zudem teuer. Einen richtigen Wettbewerb zwischen D1 und D2 hat es nie gegeben, erst die E-Netze brachten frischen Wind in den deutschen Markt. In Skandinavien waren die Preise von Anfang an freundlicher. Sparfüchse holten sich aus Dänemark eine Sonofon-Karte (für 19 DM Grundgebühr) und telefonierten damit in Deutschland ungeachtet der Roaming-Gebühren deutlich günstiger als im D1- oder D2-Netz.
Wer sich hingegen den Luxus Mobilfunk leistete, schwadronierte gern über die Funklöcher, die er persönlich erlebt hatte: „in Rottach-Egern reißt das Netz ab, damit kein Anruf den Naturgenuss stört“. Andere wählten die Stätten vormals geselligen Beisammenseins fortan nach der angezeigten Feldstärke des überallhin mitgeschleppten Gesprächsinstruments aus. Noch Ende 1993 war die Funkversorgung ein Trauerspiel. Jenseits der Ballungsräume und Autobahnen zeigten beide Netze weitflächige Lücken. Nach einer Umfrage der Fachzeitschrift „Connect“ waren bei der Telekom wie auch bei Mannesmann mehr als ein Drittel der Kunden mit dem Ausbau der Infrastruktur und seiner Zuverlässigkeit unzufrieden.
Mit solchen Klagen begannen dann die Gelübde für eine goldene Zukunft: Im Juni 1993 verkündete die Telekom, derzeit seien 90 Prozent der Bevölkerung in ganz Deutschland versorgt. 1994 sollten es 100 Prozent sein. Ein Versprechen, das bis heute so wenig gehalten wurde wie die großspurige Ankündigung der Bahn vom Februar 1993, dass man spätestens 1997 „aus dem ICE mit ganz Europa sprechen könne“. Auch außerhalb des Bahnhofs, während der Fahrt, wohlgemerkt. Die nach wie vor bestehenden Funklöcher haben den Aufschwung des Mobilfunks nicht bremsen können. 20 Jahre nach dem Start gibt es in Deutschland mehr Anschlüsse als Einwohner, nämlich 114 Millionen. An die Unzulänglichkeiten der Netze hat man sich gewöhnt, „fahre gerade auf ein Funkloch zu“, warnt man seinen Gesprächspartner.
