Home
http://www.faz.net/-gpc-7h36c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Studieren zu viele? SPD-Politiker warnt vor „Akademisierungswahn“

Der Chef der SPD-Grundwertekommission, Julian Nida-Rümelin, kritisiert, dass immer mehr junge Leute studieren, statt eine Ausbildung zu machen. Widerspruch kommt prompt - von Bildungsministerin Wanka und auch aus den eigenen Reihen.

© dpa Vergrößern Die Hörsäle sind voll: In Deutschland studieren mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs

Wird in Deutschland zu viel studiert? Der Philosoph und Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Julian Nida-Rümelin, ist dieser Ansicht. Er kritisierte, dass immer mehr junge Menschen studieren, statt eine Ausbildung zu machen. „Bald laufen die Studenten den Azubis den Rang ab. Das finde ich falsch“, sagte er der F.A.S. „Wir sollten den Akademisierungswahn stoppen.“

Eckart Lohse Folgen:   Markus Wehner Folgen:  

Widerspruch erhielt Nida-Rümelin von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Sie sagte der F.A.S.: „Wenn jetzt mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs studieren, ist das ein unverzichtbarer Beitrag für unseren Anschluss im internationalen Vergleich.“

Allerdings müsse gleichzeitig die berufliche Bildung gestärkt und attraktiver gemacht werden. „Es müssen wieder mehr Betriebe ausbilden, mindestens 30 Prozent statt der heute 22 Prozent“, forderte Nahles. Ausbildung und Studium dürften nicht als zwei getrennte Säulen betrachtet werden. Vielmehr müssten sich die Hochschulen für Menschen, die eine Berufsausbildung, aber kein Abitur haben, öffnen und ihnen mehr angemessene Angebote machen.

Plädoyer für das duale System

Nida-Rümelin, der in den Jahren 2001 und 2002 Kulturstaatsminister unter Bundeskanzler Gerhard Schröder war, zeigte sich überzeugt, dass die „besondere Stärke“ des deutschen Bildungssystems darin bestehe, eine hochwertige Berufsausbildung weiter im dualen System zu machen: „Das kann aber nur funktionieren, wenn die Mehrzahl eines Jahrgangs weiter in die berufliche Lehre geht, nicht eine kleine Minderheit.“

Julian Nida-Rümelin - © Müller, Andreas Vergrößern Julian Nida-Rümelin war einst Kulturstaatsminister unter Kanzler Schröder und ist seit 2004 Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Er wies darauf hin, dass es in Deutschland bald 60 Prozent Studienberechtigte gebe; in einigen Städten seien es bereits 70 Prozent: „Meine These ist, dass sich daraus eine neue Qualität ergibt - eine negative.“ Der Philosoph bekräftigte, die soziale Herkunft dürfe nicht darüber bestimmen, wer Erfolg hat und wer nicht.

Wanka widerspricht

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) widersprach Nida-Rümelin. „Wir freuen uns über das große Interesse am Studium und investieren Milliarden für gute Bedingungen an den Hochschulen“, sagte sie der F.A.S. Zugleich wisse man um den Wert des dualen Ausbildungssystems. Wanka hob die Gleichwertigkeit von Studium und Ausbildung hervor. Die Ministerin sagte: „Es ist falsch, zwei anerkannte Stärken unseres Bildungssystems gegeneinander auszuspielen.“

Widerspruch bekam Nida-Rümelin auch vom bildungspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Ernst-Dieter Rossmann. „Nein, einen Akademisierungswahn sehe ich nicht“, sagte er der F.A.S. Vielmehr habe Deutschland immer noch zu geringe Akademikerquoten. Die zunehmend wissensbasierte Wirtschaft lasse gerade den Bedarf bei den Hochqualifizierten stark steigen. „Jeder Studierende wird gebraucht.“

Wie Nahles warb Rossmann für mehr Durchlässigkeit zwischen Ausbildungsberuf und Studium. „Damit wir das künstliche Entweder-oder zwischen beruflicher und akademischer Bildung überwinden, müssen wir mehr Brücken zwischen beiden Bildungswegen bauen, damit die jungen Menschen nicht zu früh Sackgassen befürchten müssen.“

In diese Richtung argumentiert auch der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Meinhardt. „Gute Gesellen und Meister müssen ganz selbstverständlich studieren können“, sagte er der F.A.S. Kombi-Angebote von Ausbildung und Studium sollten noch attraktiver werden.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Studenten-Umfrage Generation Privatleben

Immer weniger Studenten in Deutschland interessieren sich einer Umfrage zufolge für Politik. Es gebe einen Trend zu Apathie und Passivität. Einer Mehrheit der Befragten geht es vor allem um die eigene Zukunft und die Karriere. Mehr Von Heike Schmoll

28.10.2014, 16:38 Uhr | Aktuell
Einfluss der Gewerkschaften Nahles stellt neues Gesetz zur Tarifeinheit vor

Wenn zwei Gewerkschaften um eine Berufsgruppe konkurrieren, soll sich in Zukunft die Gewerkschaft durchsetzen, die mehr Mitglieder hat. Das ist der Kern eines neuen Gesetzes zur Tarifeinheit von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Mehr

28.10.2014, 14:49 Uhr | Politik
Vorbildliches Deutschland Amerika ist heiß auf das German Jobwunder

Deutsche Autos, deutsches Bier - und jetzt die deutschen Arbeitsmarktreformen: Es gibt einen neuen Exportschlager. Auch Amerikas Arbeitsminister Tom Perez lässt sich bei seiner Europareise davon inspirieren. Wobei ihn vor allem eines interessiert. Mehr Von Sven Astheimer

29.10.2014, 20:13 Uhr | Wirtschaft
Bundestag berät Elterngeld Plus

Mehr Zeit mit der Familie verbringen - ohne beruflich in Aus zu geraten. Das wünschen sich viele Eltern in Deutschland. Eine Neuregelung beim Elterngeld soll ihnen laut Bundesregierung dabei helfen. Elterngeld Plus mit Partnerschaftsbonus heißt das Zauberwort. Mehr

26.09.2014, 16:12 Uhr | Politik
Ausbildung Wenn der Lehrling hinschmeißt

Wenn Lehrlinge Frust im Betrieb schieben oder häufig ihre Ausbildungsstätte wechseln, haben meist nicht sie versagt, sondern ihr Arbeitgeber. Können Berufsschulen helfen? Mehr Von Oliver Schmale

27.10.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.08.2013, 18:31 Uhr

Anarchie oder Diktatur

Von Rainer Hermann

Der „Arabische Frühling“ ist gescheitert. Der Nahe Osten ist entgegen aller Hoffnung weder demokratisch noch stabil. Die Möglichkeiten lauten nun Anarchie oder Diktatur. Mehr 6

Das besondere Restaurant (17) Eine Prise Frankreich an der Elbe

Es bekommt Beachtung von Gourmetführern und hat ungewöhnlich großen Zuspruch von einer unterschiedlichen Gästeschar. Dabei behält das „Fischereihafen-Restaurant“ vor allem eines: eine große Authentizität. Mehr Von Jürgen Dollase 4 12

Kommunikation im Auto Der Porsche liest die E-Mail vor

Im Auto arbeiten? Beim Fahren? Das neue Bordsystem PCM von Porsche macht das möglich – und zwar ganz unkompliziert. Doch es werden nicht alle Smartphones akzeptiert. Mehr Von Michael Spehr 3

Ungewöhnliche Berufe Unterwegs mit einer Besamerin

Die Aufschrift „Besamungsservice“ auf ihrem Auto löst bei manchen Menschen ein Schmunzeln aus. Deshalb hat Melissa Theis mittlerweile eine Kuh darauf geklebt. Viele wissen trotzdem nicht, was sie eigentlich tut. Mehr 2

Auftritt in UNO-Gebäude Conchita Wurst singt für Ban Ki-moon

Conchita Wurst darf an der Seite des UN-Generalsekretärs singen, Andy Borg kämpft um seinen „Musikantenstadl“ und Julia Roberts führt ihre straffen Züge auf Yoga zurück – der Smalltalk. Mehr 1