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Streitgespräch über Zeitarbeit „Viele unterlaufen den Tarif!“- „Das ist Unfug!“

 ·  Keine andere Branche steht so in der öffentlichen Kritik wie die Zeitarbeit. Daran dürften auch die neuen Branchenzuschläge nichts ändern. Im Streitgespräch diskutieren IG-Metall-Funktionär Armin Schild und Zeitarbeitslobbyist Werner Stolz mit F.A.Z.-Redakteur Sven Astheimer.

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© Wresch, Jonas Vergrößern Kritische Blicke: Werner Stolz (links) und Armin Schild im Streitgespräch

In wenigen Tagen starten die Branchenzuschläge für Zeitarbeiter in der Metall- und der Elektroindustrie. Hat die IG Metall damit ihren Frieden mit der Zeitarbeitsbranche gemacht, Herr Schild?

Schild: Nein! Natürlich freuen sich die Leiharbeiter, wenn sie künftig mehr Geld bekommen. Aber der größte Wunsch bleibt eine Beschäftigung in der Stammbelegschaft und eine unbefristete Festanstellung. Gleich danach kommt der Wunsch nach Gleichbehandlung mit den Stammbelegschaften, was die Bezahlung und auch die soziale Absicherung angeht. Deshalb müssen wir weiter an der Regulierung der Leiharbeit arbeiten, damit sie zu echter Zeitarbeit wird.

Herr Stolz, ist das eine besondere Form der Anerkennung, wenn Herr Schild das Wort Zeitarbeit in den Mund nimmt?

Stolz: Das geht immer durcheinander. Wenn es Herrn Schild schlechtgeht, redet er von Leiharbeit, wenn es ihm gutgeht, von Zeitarbeit. Vielleicht auch je nach Wetterlage. In unseren Tarifabschlüssen, die bekanntlich alle Einzelgewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbunds unterschrieben haben, ist von Zeitarbeit die Rede. Ich denke, die Gewerkschaften versuchen, mit den Begriffen gute und schlechte Zeitarbeit zu unterscheiden - oder was sie dafür halten.

Die IG Metall hat gerade mit einem Aktionstag gegen prekäre Beschäftigung auch in Form von Leiharbeit mobilisiert. Entspricht das Ihrer Vorstellung von Sozialpartnerschaft?

Stolz: Es ist ein Trauerspiel. Kaum ist die Tinte unter den Verträgen trocken, werden die Dinge wieder skandalisiert. Das ist auch in Richtung Politik und Gesellschaft ein falsches Signal. Vor zehn Jahren haben wir zusammengesessen, um aus einer tariffreien Zone eine ganz normale Branche zu machen. Natürlich mussten wir dazulernen. Es gab auch schwarze Schafe. Aber jetzt haben wir an den richtigen Schrauben nachjustiert. Die schrittweise Angleichung der Tariflöhne an die Löhne in den Einsatzunternehmen entspricht dem Gerechtigkeitsgefühl vieler Menschen. Deshalb muss man auch endlich aufhören, von prekären Arbeitsverhältnissen zu sprechen.

Schild: Die Unterscheidung zwischen Leih- und Zeitarbeit ist nicht willkürlich. Zeitarbeit ist für mich anständig entlohnte, sozial abgesicherte flexible Beschäftigung, die Menschen auf eigenen Wunsch wählen. Leiharbeiter müssen Flexibilität mitbringen, werden dafür schlechter bezahlt und tragen ein hohes Risiko. Zum Beispiel, weil es für sie faktisch keine Kurzarbeit gibt und sie bei Beschäftigungsproblemen oftmals sofort entlassen werden. In der Wirtschaftskrise 2008/2009 traf das eine Viertelmillion Leiharbeiter.

Herr Stolz, Sie behaupten doch, dass Sie die Zeitarbeiter aus der Autobranche direkt irgendwoandershin vermitteln können, damit eben niemand zur Arbeitsagentur gehen muss ...

Stolz: So ist es auch. Man darf nicht die Krise 2008 als Maßstab nehmen, als es so war, wie Herr Schild sagte. Damals waren fast alle Branchen betroffen, und es gab kaum Ausweichmöglichkeiten. Aber das ist doch nicht der Normalfall. Ein Zeitarbeiter hat drei bis vier Einsätze im Jahr. Derzeit geht der Trend zu längeren Einsatzzeiten. Die Beschäftigungsdauer insgesamt liegt zwischen 16 und 18 Monaten. Die oft kolportierten Kurzarbeitsverhältnisse sind nicht die Regel.

Schild: Das ist doch herrlich weltfremd. Sicher gibt es die geschilderten Verhältnisse. Wirklichkeit ist aber auch, dass es keinen wirksamen Schutz für Leiharbeitnehmer gibt, weil das sogenannte Synchronisationsverbot abgeschafft wurde. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten fliegen Leiharbeiter einfach raus. Und weil das Einkommen niedrig ist und auch der neue Zuschlag nicht in allen Branchen gezahlt wird, fallen die meisten auch vom Arbeitslosengeld schnell unter die Hartz-IV-Grenze. Wer in diese Branche gerät, der ist auf dem ungeordneten deutschen Arbeitsmarkt hochgradig armutsgefährdet. Ich appelliere an die Bundesregierung und an alle Parteien, dass wir einen anderen Ordnungsrahmen für diese Form der Beschäftigung brauchen. Meiner Meinung nach besteht etwa die Hälfte der rund 12 000 Zeitarbeitsfirmen aus schwarzen Schafen. Es ist die Folge des entfesselten Arbeitsmarkts, dass sich die Goldkettchenträger in dieser Branche breitgemacht haben.

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