http://www.faz.net/-hrx-7pg63

Klavierstimmer Timothy Wise : „Flügel sind Rennwagen“

  • Aktualisiert am

Ganz, ganz laut auf die Tasten schlagen: Timothy Wise ist Klavierstimmer für Steinway-Flügel. Bild: F1online

Er hat Flügel auf einer Klippe über dem Meer gestimmt und viele Jahre für die ganz großen Steinway-Pianisten aus Klassik, Pop und Jazz gearbeitet. Hier plaudert Klavierstimmer Timothy Wise über Geheimnisse seines Berufs.

          Herr Wise, von manchen Starpianisten wird behauptet, sie hätten eine stark ritualisierte, um nicht zu sagen neurotische Beziehung zu ihrem Instrument.

          Oh ja. Es gab manche, die darauf bestanden, dass man ihren Klavierhocker keinesfalls verstellen solle. Dann sitzt man im Publikum, um sich das Konzert anzuhören, und was macht der Pianist als Erstes, wenn er auf die Bühne kommt? Er verstellt seinen Hocker! Aber am sonderbarsten fand ich eine Begegnung mit Richard Clayderman, der die ganze, eigentlich mir zugeteilte Zeit damit verbrachte, die Klaviatur mit einem speziellen Tuch zu polieren. Rauf und runter, bis man sich darin spiegeln konnte. Ich sah ihm teilnahmslos dabei zu. Er wollte nicht, dass ich das Klavier stimme, obwohl das dringend nötig gewesen wäre.

          Was sind die gängigen Fehlvorstellungen, mit denen Laien Ihrem Handwerk begegnen?

          Viele Menschen überrascht es, wie häufig ein Klavier gestimmt werden muss. Ein Bekannter von mir meinte zu Beginn meiner Ausbildung zu mir: „Ich dachte, Klaviere werden in der Fabrik gestimmt“, so als ob das Stimmen eine einmalige Angelegenheit wäre. Aber die Mechanik muss ständig gewartet und justiert werden.

          Wie sind Sie Klavierstimmer für Steinway geworden?

          Ich habe in London eine Ausbildung als Klavierstimmer gemacht und mehrere Preise gewonnen. Als Steinway neue Stimmer suchte, erkundigten sie sich bei meinem Lehrer, und der empfahl mich weiter. Daraufhin spielte ich bei Steinway vor und bekam den Job.

          Mit welchen Künstlern hatten Sie in Ihrer Zeit bei Steinway zu tun?

          Ich habe für verschiedene Popmusiker wie Paul McCartney, Elton John oder Chuck Berry gestimmt oder auch für Jazz-Koryphäen wie George Shearing und Harry Connick Jr. Der größte Teil meiner Arbeit war jedoch im Bereich der Klassik angesiedelt. Hier stimmte ich für internationale Pianisten wie etwa Peter Donohoe, Till Fellner, Alfred Brendel, Jean-Philippe Collard, Jewgeni Kissin, Anne Queffelec, Richard Goode und sogar Simon Rattle.

          Was unterscheidet die einzelnen Starpianisten in ihren Sonderwünschen?

          In manchen Fällen wählen die Pianisten einen Flügel aus der Steinway Hall in London aus. Das ist eine Art Konzertflügel-„Bank“, in der zehn oder zwölf Flügel bereitstehen, die alle relativ neuen Herstellungsdatums sind. Pianisten spielen nicht gern auf alten Flügeln. Jeder dieser Konzertflügel hat einen ganz individuellen Charakter. Je nach Veranstaltungsort oder Musikstück wählen die Steinway-Künstler einen Flügel aus, der dann angeliefert wird. Es gibt aber auch die Situation, dass Pianisten auf Tournee sind und auf dem Steinway spielen, der am Veranstaltungsort zur Verfügung gestellt wird. Da muss man schon tief in die Trickkiste greifen. Manche Pianisten sehen ein, dass es Grenzen des Machbaren gibt, wenn ein Instrument aufgrund seines Alters nicht im allerbesten Zustand ist. Andere können dann wirklich sehr unzufrieden mit dem Instrument sein. Das ist dann eine besondere Herausforderung.

          Haben Sie auch schon mal für einen Pianisten gestimmt, der überhaupt nicht zufriedenzustellen war?

          Das kam durchaus vor. Da muss man einfach eine gewisse Einstellung entwickeln und sich sagen: Ich versuche mein Möglichstes, aber ich habe keinen Zauberstab, den ich nur zu schwenken brauche, um aus einem alten, müden Klavier ein neues, geschmeidiges Instrument zu zaubern. Ein Klavier muss regelmäßig gespielt und justiert werden, um die Art von Leistung zu erbringen, die Berufspianisten erwarten. Das ist nicht bei allen Konzerthäusern gegeben. Wir vergleichen Konzertflügel gern mit Formel-1-Rennwagen. Auch die müssen ständig gewartet und gefahren werden, um in einem Topzustand zu bleiben.

          Timothy Wise bei der Arbeit
          Timothy Wise bei der Arbeit : Bild: Archiv

          Sie haben einige Pianisten nicht nur von deren Schokoladenseite kennengelernt. Bruno Leonardo Gelber soll Sie nach dem Auftritt sogar angefahren haben.

          Ich hatte mich sehr darauf gefreut, ihn zu treffen, denn als junger Mann hörte ich ihn Beethovens 4. Klavierkonzert spielen. Viele Jahre später stimmte ich dann einen Steinway für ihn in der Sheffield City Hall. Das war eines dieser Instrumente, die zwar ganz passabel waren, aber eben nicht in einem Spitzenzustand. Ich tat mein Bestes und fand, das Klavier klang nach dem Stimmen ganz gut, eben im Rahmen des Möglichen. Nach dem Auftritt wollte ich Gelber backstage kennenlernen. Die Tür ging auf, und jemand stelle mich als den Klavierstimmer vor, als ein wutentbrannter Bruno Leonardo Gelber plötzlich irren Blickes auf mich zustürzte und mich anschrie „Was haben Sie mit dem Klavier gemacht?“

          Weitere Themen

          Comiczeichner spielen Ping-Pong Video-Seite öffnen

          Buchmesse 2017 : Comiczeichner spielen Ping-Pong

          In der Mitte des französischen Pavillons befindet sich das Digitalatelier: hier treffen sich im Rahmen des Programms „Ping-Pong“ französische und deutsche Zeichner zum Austausch: es entstehen Zeichnungen von der Buchmesse, über die Buchmesse und Anderes.

          Topmeldungen

          Die Schmetterlinge sollen leben: Protest einer europäischen Bürgerinitiative gegen Glyphosat.

          Streit um Herbizid : Glyphosat, angezählt

          Ein brisantes Thema der vergangenen Jahre könnte in der kommenden Woche ein Ende finden. In Brüssel stimmen die Staaten über die weitere Zulassung für das Herbizid ab. Bleibt Deutschland Enthaltungsweltmeister? Die Befürworter von Glyphosat in der EU werden weniger.
          So kennt man ihn: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, rauchend.

          Houellebecq und der Islam : Religion ist nicht zu zertrümmern

          Welche umstürzende Kraft der Schriftsteller Michel Houellebecq der Religion und dem Islam zutraut, wissen wir seit dem Roman „Unterwerfung“. Jetzt äußert er sich nochmals dazu – und bringt den Katholizismus als Staatsreligion ins Gespräch.

          Anders als Katalonien : Italiens Norden will mehr Autonomie

          Die Krise in Katalonien wirft ihre Schatten: Auch in Italien stehen heute in zwei der wirtschaftsstärksten Regionen Referenden über mehr Autonomie an. Doch dort gibt es einen wichtigen Unterschied.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.