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Pril-Blume : Klebt heute noch

Ihr Designer ist unbekannt: die Pril-Blume Bild: Henkel

Die Pril-Blume war ein Farbklecks im monotonen Dasein der Nachkriegsfrauen. In der Pop-Art und der Achtundsechziger-Zeit ist sie tief verwurzelt. Trotz ihres Alters gedeiht sie einfach weiter.

          Ein Kreis, um den sich Halbkreise regelmäßig anordnen: So malen schon Kinder ihre ersten Blumen. Die Grundform ist einfach, zu einfach womöglich. Vermutlich zeichnet deshalb auch kein Designer für die Pril-Blume verantwortlich. Zumindest ist kein Name überliefert, und im Archiv der Firma Henkel ist der Urheber auch nicht zu finden.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wahrscheinlich hatte Anfang der siebziger Jahre nicht einmal ein Grafiker die Idee, das Image des Spülmittels mit einer Blume noch weiter aufzupolieren. Vielmehr wurde die Flower-Power-Kampagne wohl einfach in der Marketingabteilung des Unternehmens entwickelt. Der Erfolg der selbstklebenden Abziehbilder, die jahrelang auf der Rückseite jeder Pril-Flasche zu finden waren, dürfte die Verantwortlichen selbst überrascht haben.

          In all ihrer bunten Unschuld traf die Pril-Blume einen Nerv der Zeit. Sie brachte endlich etwas Farbigkeit in den allzu oft farblosen Alltag vieler Hausfrauen. Küchen waren damals Arbeitsplätze, die vor allem sauber und steril sein mussten. Hygiene, das hieß: weiße Wände, weiße Schränke, weiße Fliesen. Gegen diese eintönige Welt keimte nun erstmals Widerstand auf. Ganze Felder mit Pril-Blumen überwucherten schon bald das monotone Dasein der Nachkriegsfrauen.

          Die Pril-Blume wurde über die Jahre zum Sammlerobjekt.

          Zugleich ist die Blume auch als Reaktion auf die Achtundsechziger-Generation zu verstehen. Bisher stand bei Henkel allein die Hausfrau im Vordergrund ihrer Spülmittel-Kampagnen. In den fünfziger Jahren ging es um „Mutti“, die dank Pril und mit Hilfe höchstens noch ihrer Kinder schneller das Geschirr spülen konnte – und das natürlich nur, damit sie am Ende mehr Zeit für andere Hausarbeiten hatte.

          In den sechziger Jahren verhieß Pril „besonders zarte Hände“. An wen sich die Werbung richtete, war unverkennbar. Auch die Kampagnen „Pril Handmild“ und „Pril rosé“ waren noch nicht im Sinne der Gleichberechtigung am Spülbecken. Das mussten die Werbestrategen spätestens nach dem Umbruchjahr 1968 erkennen. So wurde 1972 die recht geschlechtsneutrale Pril-Blume geboren. Mit ihren knalligen Farben war sie unverkennbar ein Kind der Pop-Art.

          Die abstrakte Blüte stellte aber auch verfremdet eines der Friedenssymbole der Studentenbewegung dar. Doch politisch wirken sollte der Aufkleber nicht – jedenfalls nicht offenkundig. Und so tarnte sich die Pril-Blume als Teil der Aktion „Fröhliche Küche“, die sich an die ganze Familie richtete. Erstmals war auch „Papi“ mit von der Partie, und er blieb im Werbespot sogar dann noch fröhlich, als ihm die Kinder seine Brille mit Pril-Blumen zuklebten. Dazu sang Klaus Doldinger, eigentlich ein ernstzunehmender Jazzmusiker, von dem die Titelmusik zu Filmen wie „Das Boot“ und Serien wie „Tatort“ stammen, das von ihm komponierte Lied: „Hol’ Dir die fröhlichen Blumen, hol’ Dir das fröhliche Pril“.

          Die bunte Blume sollte Farbe in den grauen Alltag der Hausfrauen bringen.

          Jahrelang geisterte der Slogan durch deutsche Haushalte und setzte sich mindestens genauso nachhaltig im kollektiven Gedächtnis fest wie die Pril-Blume im heimischen Alltag. Den entdeckten übrigens Anfang der siebziger Jahre auch andere Werbestrategen: Nun erzählten sie allseits bekannte Episoden mit Werbefiguren, die – vermeintlich – aus dem Volk kamen. Sie machten uns mit Tante Tilly („Sie baden gerade Ihre Hände drin“, Palmolive), Karin Sommer („Das Verwöhnaroma“, Jacobs Kaffee) und Herrn Kaiser („Hallo, Herr Kaiser“, Hamburg-Mannheimer) bekannt, nicht zu vergessen Klementine, die eigentlich Johanna König hieß und ebenfalls Schauspielerin war.

          Die Produkte sollten in der Masse von Markenartikeln unterscheidbar sein, sei es mit einem Gesicht oder mit einer Blume. Dazu dachten sich die Vermarkter Werbesprüche aus, die bis heute unvergessen sind. Wer kennt nicht Klementines Schlachtruf „Ariel macht Wäsche nicht nur sauber, sondern rein“. Mindestens so berühmt sind Claims aus der selben Zeit wie „Quadratisch. Praktisch. Gut“ (Ritter Sport), „Ich geh meilenweit für Camel Filter“, „Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt“ (Colgate Fluor S) oder „Katzen würden Whiskas kaufen“.

          Auch Henkel wurde seine Pril-Blume nicht mehr los und wollte es auch gar nicht. Zunächst blieb sie bis 1984 auf den Spülmittel-Flaschen im Umlauf, danach erlebte der Retro-Sticker – wie Schlaghose, Plateauschuhe und Abba – alle paar Jahre ein Revival. Zuletzt wurde im Sommer eine limitierte Edition auf den Markt gebracht. Die Pril-Blume hat über die Jahre ein Eigenleben entwickelt: Das naive Werk eines unbekannten Künstlers ist auf Geschirr und Kleidung, Bettwäsche und Uhren zum Sammlerobjekt geworden.

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