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Waidmanns Traum

Von BIRGIT OCHS, Fotos MICHAEL KRETZER

18.07.2016 · Wohnen, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, kann man auch im Ballungsgebiet. Eine Architektin hat ein historisches Forstgehöft in Darmstadt zum Lebensmittelpunkt gemacht.

Am Galgen baumeln vier Rosensträuße. Üppig und groß schweben sie über dem Esstisch, nur scheinbar beäugt vom Käuzchen auf einem Ast an der gegenüberliegenden Wand. Das Rehkitz hoch oben in einem weißen Einbaumöbel, welches Regal, Garderobe, Holzscheitlager und Kamin in einem ist, hat sowieso keinen Blick für die Trockenblumenpracht. Ebenso wenig auch der Fuchs im Gebälk. Im Zuhause von Ramona Buxbaum und Jan Kegel haben die ausgestopften Waldbewohner so selbstverständlich ihren Platz wie Mies van der Rohes Barcelona Liege oder ein Stuhl von Hans Wegener. Diverse in die Jahre gekommene Jägerutensilien sowieso – wie jener Galgen, an dem einst nicht Rosen, sondern erlegtes Wild aufgehängt wurde. Buxbaum und Kegel sind Jäger. Er sogar beruflich. Sie wiederum ist Architektin. Das erklärt die zunächst vielleicht eigenwillig klingende Kombination aus Waidmannstrophäen und Designklassikern. Es kommt also einiges zusammen auf jenem ehemaligen Forstgehöft im südhessischen Darmstadt, auf dem die beiden seit mehr als einem Jahr leben.

  • Naturstein: Die alte Scheune zeigt, was sie ausmacht.
  • Schlichter Klassizismus: Wo einst der Jäger wohnte, hat nun das Architekturbüro seinen Sitz.

Alte Forsthäuser in Stadtnähe sind begehrt, seit immer mehr gutbetuchte Menschen ihre Leidenschaft fürs Jagen entdecken – und sich für ihr Hobby das passende Ambiente in Form eines Zweitwohnsitzes im Grünen schaffen wollen. Makler jedenfalls berichten, dass das Thema Jagd den Immobilienmarkt in jüngster Zeit enorm beflügelt habe, was nichts anderes heißt, als dass der großen Nachfrage wegen die Preise für dieses Nischenangebot ordentlich gestiegen sind. Ramona Buxbaum hat also Glück gehabt. Denn ihr Gebot sei mitnichten das höchste gewesen, erzählt die Darmstädterin. Den Zuschlag für das einstige Forsthaus samt Scheune und Schuppen am Jagdschloss Kranichstein erhielt sie trotzdem. Vermutlich habe ihr in die Karten gespielt, dass es anderen Interessenten im Bieterwettbewerb an Phantasie gefehlt habe, was man aus dem teils von Brombeerhecken überwucherten Anwesen machen könne, mutmaßt sie. Jedenfalls zogen andere Interessenten ihr Gebot zurück. Vielleicht war die mehr als sechseinhalbtausend Quadratmeter große Anlage der Konkurrenz für ein bisschen Jägerambiente am Wochenende auch einfach zu groß. Ramona Buxbaum jedenfalls hatte einen Plan – und als Architektin ohnehin die nötige Vorstellungskraft.

Seit vielen Jahren schon hat sie ein Büro in Darmstadt. „Und irgendwann stellt sich die Frage, ob man nicht doch Eigentum bilden kann“, sagt sie. Also suchte sie eine Immobilie, in der sich Arbeiten und Wohnen verbinden ließe, und stieß auf das Forstgehöft, das im Dornröschenschlaf versunken an einer Ausfallstraße lag. Freunde und Bekannte hielten den Kauf für eine Schnapsidee („Was soll man denn damit anfangen?“ und „Mit einem Baudenkmal hat man nur Ärger!“), Ramona Buxbaum und ihr Lebensgefährte dagegen für ein großes Glück. In dem alten Falltorhaus erkannte die Architektin zudem ein historisches Juwel, das sie wieder zum Glänzen bringen wollte.

Der ursprüngliche Zustand sollte erhalten bleiben.

Ursprünglich stand das Gehöft auf dem Gelände des Jagdschlosses. Doch als 1830 die Grünanlage zu einem englischen Garten umgestaltet wurde, versetzte man das Forsthaus auf die andere Seite der Straße an seinen jetzigen Standort. Eine Gouache des Darmstädter Malers und Zeichners Ernst August Schnittspahn aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt ein zweistöckiges Gebäude im schlichten klassizistischen Stil, mit zartgelber Fassade und zwei imposanten Damhirschköpfen, die wie Wächter auf den Ecken sitzen. Tannen zeichnete Schnittspahn nicht, dafür eine Streuobstwiese.

Das Anwesen, das die beiden besichtigten, hatte damit auf den ersten Blick nicht mehr viel gemein. Dunkle Nadelbäume, Verbliebene der früheren Weihnachtsbaumschule, drängten sich auf dem Grundstück und schirmten das Haus gegen Blicke ab. Trotz aller Begeisterung sei es doch ein längerer Prozess gewesen, bis sie sich entschieden habe, das Vorhaben anzugehen, räumt die Architektin ein. Vor allem die Größe hat sie anfangs zögern lassen. Dann entschied sie sich: Ihr Büro sollte in das Forsthaus einziehen. Die Scheune würde sie zum Wohnhaus ausbauen.

Im Innern besticht die Scheune durch ihre Raumhöhe.

Zunächst galt es, nicht nur das Baudenkmal, sondern auch das Außengelände so weit wie möglich in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. „Es geht nicht nur um das Gebäude selbst, sondern auch um die Gesamtsituation“, stellt die Architektin klar. Sie und Kegel entschieden sich dafür, die Nadelgehölze zu fällen und damit nicht nur mehr Licht aufs Grundstück zu bringen, sondern das Gebäudeensemble von der Straße aus wieder sichtbar zu machen. Die Gouache erwies sich hierfür als Vorlage ebenso hilfreich wie für die Fassadengestaltung.

Als die heutigen Bewohner das Gehöft übernahmen, waren sowohl das Forsthaus als auch der Schuppen weiß verputzt, die Fensteröffnung rot umrahmt, Fensterläden und Türen grün gestrichen. Heute leuchtet es wie einst in hellem Gelb. Läden, Türen und Fenstergesimse ließ die neue Eigentümerin in jenem Kieselgrau streichen, das man auch im Farbkonzept des Jagdschlosses findet. Die Scheune wurde vom Putz ganz befreit und zeigt ihre rotbraunen Bruchsteinwände. „So eine Kubatur heute von Hand mauern zu lassen wäre unbezahlbar“ sagt Ramona Buxbaum. So einen „Schatz“ dürfe man schon deshalb nicht verstecken. Gleiches gilt für die Mauer, die den Hof zwischen Forsthaus und Scheune fasst, auch sie wurde freigelegt.

Auch wenn sie die Scheune zum Wohnhaus umbauen ließ, war es Ramona Buxbaum wichtig, dass das Gebäude so viel wie möglich von seiner einstigen Atmosphäre bewahrt. „Natürlich kann man aus so einem Bau alles Mögliche machen, aber damit verwässert man den Charakter“, erläutert die Architektin ihren Ansatz. Für sie ging es darum, zwar die nötigen Funktionen unterzubringen, dabei aber zugleich die Eigenheiten der Scheune nicht zu zerstören, im Gegenteil, sie eher zu unterstreichen. Das hieß: so wenig wie möglich verändern. Die alten Türen, das Scheunentor und die Fenster wurden daher nicht ausgetauscht, sondern durch jeweils dahinter sitzende neue Elemente ergänzt. Auf diese Weise bleibt die Optik gewahrt, zugleich entsprechen die neuen Bauteile den zeitgemäßen Ansprüchen an Fenster und Türen.

  • Steinerne Tröge aus dem einstigen Stall dienen als Waschbecken.
  • Steinerne Tröge aus dem einstigen Stall dienen als Waschbecken.
  • Das Bad des Hauses
  • Altes Material kommt auch an der Tür zum Bad zur Geltung.

Im Innern besticht die Scheune durch ihre Raumhöhe. Fast neun Meter sind es bis hinauf zum First. Im Grunde besteht der Bau aus einem einzigen großen Raum, den im Erdgeschoss eine kleine Küche und ein Bad ergänzen. Dass man von der Badewanne durch ein Panoramafenster schauen kann, ohne selbst fremde Blicke fürchten zu müssen, liegt an der Abgeschiedenheit des Ortes. Im Bad zeigt sich auch besonders deutlich, was sich überall auf dem kleinen Gehöft entdecken lässt: Altes Material wird möglichst wiederverwendet. Im Bad sind es steinerne Tröge aus dem einstigen Stall, die Ramona Buxbaum als Waschbecken einbauen ließ.

Der große Hauptraum beherbergt einen Essplatz und eine Wohnzimmerecke. Gleich neben dem Eingang führt eine steile Treppe hinauf auf die Galerie, an deren hinterem Ende der Schlafbereich liegt. Alles ist bewusst einfach gehalten. „Selbstverständlich hätte man hier oben noch ein Bad einbauen können“, sagt Ramona Buxbaum, „aber das hätte viel vom Raumeindruck zerstört.“ Aus diesem Grund kam für sie auch kein großes Dachfenster in Frage, um mehr Licht ins Innere zu bringen. „In einem Scheunendach hat so etwas meiner Ansicht nach einfach nichts zu suchen“, sagt die Planerin. Sie entschied sich dafür, einige der schon vorhandenen Fensteröffnungen nach unten zu ziehen und dadurch zu vergrößern. „Das sind weniger gravierende Eingriffe.“

Angesichts dieser Einstellung glaubt man sofort, wenn die neue Forsthausbesitzerin sagt, dass sie mit dem Denkmalschutz keine Probleme gehabt habe. Viele fürchteten die Zwänge, die ein Baudenkmal mit sich bringe. „Die gibt es, aber der Denkmalschutz bietet andererseits auch Freiraum“, sagt sie. Um die Vorgaben der Energieeinsparverordnung etwa hat sie sich nicht kümmern müssen. Die energetische Qualität der Scheune ist angesichts der 50 Zentimeter dicken Bruchsteinmauern nicht schlecht. Da die Wärme nach oben steigt, ist die problematischste Stelle das Dach. Es erhielt deshalb eine sogenannte Aufsparrendämmung, bei der das Dämmmaterial auf den Sparren liegt. Auf diese Weise ist die Holzverschalung im Innenraum weiter zu sehen. Beheizt wird die Scheune über eine Fußbodenheizung, was nach den Erfahrungen des ersten Winters gut funktioniert, und über einen Kaminofen.

Naturverbunden: Ramona Buxbaum und Jan Kegel mit Dackel Anton

Jetzt, im Sommer, bleibt der Ofen aus. Wenn die Julisonne ihre Strahlen durch die Fenster schickt, taucht sie Holzgebälk und Natursteinmauerwerk in warmes Licht. Käuzchen, Kitz und Fuchs ist das freilich gleich. Aber die Bewohner genießen dann eine Atmosphäre, die an Urlaub erinnert. Das Schöne für Ramona Buxbaum ist, dass es von ihrem Büro im Forsthaus immer nur ein paar Schritte dahin sind.

Das Haus kurz und knapp Baujahr: 1830/2015, Bauweise: Massivbau, Grundstücksgröße: 6528 Quadratmeter, Wohnfläche: 256 Quadratmeter, Kosten: (ohne Grundstück) 400.000 Euro, Standort: Darmstadt

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 18.07.2016 14:58 Uhr