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© Andreas Pein

Glück in der zweiten Reihe

Von BIRGIT OCHS

23.12.2016 · Ein Einfamilienhaus mit mehr als dreißig Fenstern? Manches kann man sich auch als Bauherr nicht aussuchen. Zumal wenn man sich wie eine Berliner Familie in ein Baudenkmal verliebt. Eine neue Folge unserer Serie NEUE HÄUSER.

Zufall, Glück und gute Freunde – ohne all das wäre Familie Maendler im vergangenen Jahr kurz vor Weihnachten nicht in das Haus gezogen, das der Müllermeister Hermann 1845 am Mühlenberg bauen ließ. Längst ist der Mühlenberg Teil von Prenzlauer Berg. Er gehört damit zu jenen Wohngegenden der Hauptstadt, in denen die Bewohnerschaft seit dem Mauerfall nahezu komplett wechselte, derweil die Immobilienpreise die größten Sprünge vollführt haben. Wie soll man an einem Ort wie diesem, den mehrgeschossige Gründerzeitbauten prägen, an ein freistehendes Haus mit Garten kommen?

„Eigentlich unglaublich, dass wir hier so etwas gefunden haben“, sagt Petra Maendler. Sie steht mit nackten Füßen auf dem lichtgrauen Estrichboden, der sich durch die ganze Etage zieht. Es ist ein ziemlich kalter Dezembermorgen, aber drinnen ist es warm. Die Sonne fällt durch die Fenster und taucht die unverputzten Ziegelwände in einen zartroten Sandton. Angenehm warm ist der, wie überhaupt im ganzen Gebäude eine wohlige Atmosphäre herrscht. „Fußbodenheizung“, meint die Hausherrin. Aber die Technik allein ist es nicht. Kaum eingetreten, ist für den Besucher offensichtlich: Farben und Materialien harmonieren, ebenso Raum und Mobiliar. Nichts ist zu viel und nichts zu wenig. Das gelingt nicht oft und liegt in diesem Fall auch daran, dass Petra Maendler beruflich mit Design und Einrichtung zu hat.

© Andreas Pein Petra Maendler in ihrem Haus in Berlin.

Mit ihrem Mann Max und dem ersten Kind lebte sie zuvor in einer Wohnung ganz in der Nähe. Eines Tages rief ein Freund an, der mit anderen gemeinsam ein Wohnhaus in der Nachbarschaft gekauft hatte, zu dem im rückwärtigen Teil des Grundstücks noch ein weiteres Gebäude gehörte. „Das ist doch was für euch“, meinte er, und ob die beiden das Haus nicht kaufen wollten? Dabei war das Unternehmerehepaar zu diesem Zeitpunkt gar nicht auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Doch gleich bei ihrem ersten Besuch hätten sie sich in das Haus verliebt, erzählt Petra Maendler. „Es saß so klein da hinten im Hof.“

Nun ist das Gebäude mit einer Grundfläche von mehr als 250 Quadratmetern nicht gerade winzig. Als es entstand, dürfte es auch ziemlich stattlich gewirkt haben. Damals war die Gegend noch vor allem Ackerland und vor nicht allzu langer Zeit von Berlin eingemeindet worden. Auf den Feldern standen Windmühlen (Mühlenberg), zu denen sich seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts zunehmend auch Bierbrauereien und Schnapsbrennereien gesellten. So entstand in direkter Nachbarschaft des Müllerhauses die Bötzow-Brauerei, bis 1945 die größte Privatbrauerei Berlins. Derzeit lässt die Otto Bock Gruppe das Gelände nach einem Masterplan des Architekten David Chipperfield entwickeln.

  • © Andreas Pein Ein Ort für Kochgelage mit Freunden und faule Sonntage.
  • © Andreas Pein Farben und Materialien harmonieren, ebenso Raum und Mobiliar.
  • © Andreas Pein Voll auf der Höhe ist der Arbeitsplatz der Bewohnerin.
  • © Michael Pfisterer Die Galerie beschirmt weite Teile des darunter liegenden Raums.
  • © Michael Pfisterer Die Treppe ist eine eigenwillige Angelegenheit.
  • © Michael Pfisterer Statt vieler kleiner Waschräume gibt es jetzt ein großes Badezimmer im Obergeschoss.

Es spricht für Petra und Max Maendler, dass sie sich schon damals eine Verwandlung des Altbaus vorstellen konnten, der alles andere als besonders heimelig aussah. Außen bröckelte der schmutziggraue Zementputz von den Wänden. Innen fanden die Besucher sechzehn kleine Zimmer, viele davon Wasch- und Toilettenräume. Schon zu DDR-Zeiten war das Gebäude umgebaut worden. In den neunziger Jahren folgte eine weitere Sanierung, bevor das damals für Prenzlauer Berg zuständige Tiefbauamt einzog.

Als die neuen Eigentümer das Baudenkmal 2011 erwarben, war ihnen einerseits klar, dass sich dessen Innenleben radikal würde verändern müssen; andererseits, dass das nicht ohne Abstimmung mit dem Denkmalschutz möglich wäre. Mit der Planung hatten sie Philipp Loeper beauftragt, mit dem Max Maendler seit Kindertagen befreundet ist. Loeper arbeitete damals noch für das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron an der Elbphilharmonie in Hamburg. Dort hatte er auch Alexandra Schmitz und Ulrich Grenz kennengelernt, mit denen er das Büro asdfg Architekten gründete. Für das Büro sollte das einstige Müllerhaus das erste Projekt werden. „Ich war zu Besuch in Berlin, und da haben Max und Petra mir das Haus gezeigt“, erinnert sich Loeper. Es war keine Frage, den Freund vom Fach um Rat zu bitten. Aber sie habe doch gezögert, ob sie mit ihm ins Geschäft kommen sollten, sagt Petra Maendler. „So etwas kann die Freundschaft ja auch belasten.“ Sie haben es nicht bereut.

© Andreas Pein Flur mit Durchblick. ..

Einfach waren die folgenden Jahre nicht. Einige Gutachter prüften die Bausubstanz des Altbaus. Unter anderem wurde die Fassade auf historische Reste hin untersucht. Ohne Erfolg. Es fanden sich keine Befunde, die Schlüsse zugelassen hätten, mit welchem Fassadenschmuck sich das Gebäude seiner Umgebung einst präsentierte. Daher war für eine denkmalgerechte Sanierung die erhaltene Fassadengliederung durch die Fensteröffnungen besonders wichtig. Auch das Dach wurde in seiner ursprünglichen Form erneuert. Der Denkmalschutz gewährte ferner ein Dachfenster, so dass genügend Tageslicht ins Gebäudeinnere dringt.

Zudem war eine Entwurfszeichnung erhalten. Sie ist ein Anhaltspunkt, aber kein Beleg, dass das Haus tatsächlich so ausgesehen hat wie in der Skizze. „Wir wollten die Geschichte des Hauses sichtbar machen, aber keine Fassade entwerfen, die vorgibt, 170 Jahre alt zu sein“, stellt Philipp Loeper klar und erklärt: In einer architektonischen Zeichnung könne eine Linie auf verschiedene Weise interpretiert werden, beispielsweise als Fuge, Schnittlinie, oder Höhenversprung. Er und seine Kollegen entschieden sich dafür, die Linien in der historischen Zeichnung als Höhenversprünge in einer Putzfassade zu deuten und mit historischen Materialien und Arbeitstechniken umzusetzen.

  • © Philipp Loeper Zeichnung von 1844. Baueingabe für das Wohnhaus für den Müllermeister Hermann.
  • © Philipp Loeper Überlagerung der alten Zeichnung mit den Höhenangaben für die einzelnen Bossen.
  • © Philipp Loeper Wir wollten die historische Fassade nicht einfach als Tapete davor setzten
  • © Philipp Loeper sondern die alte Zeichnung zeitgemäß interpretieren.
  • © Philipp Loeper Situation vor dem Umbau mit einem bröckelnden Zementputz aus den 60erJahren.
  • © Andreas Pein Die Fassade ist nicht von gestern, auch wenn sie an das historische Vorbild anknüpft.
  • © Philipp Loeper Detail mit den unterschiedlich hochen Bossen, die von nahem betrachtet ein abstraktes Bild ergeben. Dadurch wird die Geschichte des Hauses gezeigt, ohne eine historisierende Fassade zu rekonstuieren.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die mit schlammgrauem Putz versehene Fassade knüpft so zwar direkt an die Vorlage an und zeichnet diese durch das Spiel und Schatten nach, ist aber keine bloße Replik. Es sei ein weiter Weg gewesen, die Denkmalschützer zu überzeugen, erzählt der Architekt. Schließlich hätten sie ein Gipsmodell der Fassade anfertigen lassen und auf der Behörde präsentiert. Das habe die Zweifel zerstreut.

Auch im Innern prüften Gutachter die Bausubstanz, und es zeigte sich, dass die Decke zwischen Hochparterre und Obergeschoss vom Hausschwamm befallen war. Die Erkenntnis erleichterte die Entscheidung, die Zwischendecke abzutragen und dem ganzen Innenraum einen neuen Zuschnitt zu geben. Statt vieler kleiner Zimmer wünschten sich die neuen Bewohner mehr Klarheit, Durchblick und Großzügigkeit. „Wir wollten einen funktionierenden Ort für den Alltag, für Kochgelage mit Freunden, für faule Sonntage“, beschreibt Petra Maendler ihre Anforderungen, die sie an ihr zukünftiges Zuhause hatten.

Als Erstes fielen alle Mauern. Übrig blieb allein eine Wand, die den Raum in seiner ganzen Länge durchzieht. Alle Funktionsräume schieben sich durch dieses tragende Ziegelwerk; wobei die Küche in ihrer Nische aber mit Durchblick zum Flur wie zum Wohn/Essraum besonders in Szene gesetzt ist.

Auch die Treppe durchbricht die tragende Wand zunächst, bevor sie sich an die Mauer lehnt und nach oben führt. Die Treppe ist eine eigenwillige Angelegenheit: Vom Flur aus betritt man auf dem Weg nach oben über ein paar hölzerne Stufen ohne Geländer ein kleines Podest. Erst dort beginnt der eigentliche Aufgang. Er führt auf die Galerie, die weite Teile des darunter liegenden Raums beschirmt und Petra Maendler als Arbeitsplatz dient. An sie schließen sich die Räume des Obergeschosses an: das Elternschlafzimmern und die zwei Kinderzimmer nebst Badezimmern.

© Michael Pfisterer Der Ton der freigelegten Ziegel gefiel so gut, dass sie keinen Anstrich mehr bekamen.

Ursprünglich hatten Maendlers mit zwei Kindern geplant, doch dann kündigte sich ein drittes an. Man entschied sich dafür, dass sich die beiden jüngeren ein Zimmer teilen sollten, und die neuen Anforderungen führten zu einigen gelungen Lösungen: Die Schlafplätze für die beiden jüngsten Bewohner wurden auf einer Empore in ihrem Zimmer untergebracht. Jedes Kind erreicht sein Bett über eine eigene Treppe, die jeweils zudem als Regal und Schrank dient und so platzsparend Stauraum schafft. Zu den vielen schönen Details des Hauses gehört unter anderem auch, dass das nach Norden hin ausgerichtete Kinderzimmer durch eine bodentiefe Glasscheibe an der Südseite des Raums zusätzlich erhellt wird. Optisch entsteht so eine weitere Verbindung über die Etagen.

Ursprünglich hätten sie vorgehabt, die Innenwände freizulegen, dann aber mit einem weißen Anstrich zu versehen, erzählt Petra Maendler. Doch der Ton der Ziegel gefiel ihnen so gut, dass sie das Mauerwerk so beließen, allerdings musste es neu verfugt werden. Dafür erhielt die Holzdecke den gleichen weißen Farbton wie die mehr als dreißig (sic!) Fensterrahmen und die Tür, die hinaus zum Garten führt. Weiß sind auch die Geländer von Treppe und Galerie sowie die Einbaumöbel in Flur und Küche, die ein Tischler angefertigt hat. Für die Treppenstufen und die Arbeitsflächen in der Küche verwendete er das Holz der alten Zwischendecke.

Fast vier Jahre hat es gedauert, bis die Familie nach dem Kauf endlich einziehen konnte. Das Budget wurde gesprengt. Teils lag es an den Herausforderungen, die das alte Haus bereithielt. „Teils aber auch an unserer Detailversessenheit“, sagt Petra Maendler. Da Loeper in Hamburg arbeitete, konferierten die drei vor allem über Internet-Messenger-Dienste. Das habe eigentlich sehr gut funktioniert, sagen alle drei.

„Wir hatten Glück“, sagt Petra Maendler.

DAS HAUS KURZ UND KNAPP

Baujahr 1845/ Sanierung 2015
Bauweise Massivbau
Energiekonzept Fußbodenheizung; Anschluss an das Blockheizkraftwerk im Vorderhaus
Grundfläche 251 Quadratmeter
Wohnfläche etwa 285 Quadratmeter
Baukosten (ohne Grundstück) 450000 Euro
Standort Berlin
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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 21.12.2016 14:29 Uhr