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Neue Häuser 2012: Nordlicht Häuslein, öffne Dich!

Der Bauplatz ist klein, das Umfeld historisch, das Ergebnis einnehmend: der Neubau eines Einfamilienhauses in Stralsund reiht sich ein, ohne sich anzubiedern.

© Andreas Pein Häuslein, öffne Dich!

Was für ein Anblick. Wenn Katherina Reiß und ihr Mann Christoph Meyn am Küchentisch sitzen, sehen sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Jacobikirche. Der stolze Backsteinbau scheint zum Greifen nah. Wand an Wand säumen die Häuser die schmale Straße, die dicht an der Kirche vorbeiführt - fast so wie einst im Mittelalter die Handwerkerbuden. Auch von der Wohnzimmercouch und ihrem Schlafzimmer aus genießt das Ehepaar den freien Blick auf Jacobi und die großen Fenster der Kulturkirche. An Abenden, an denen in ihrem Inneren die Lichter brennen, kann die Familie sogar durch den mächtigen Sakralbau hindurchsehen. „Das ist wirklich ein ganz besonders schönes Panorama“, schwärmt Katherina Reiß.

Birgit Ochs Folgen:

Nicht zuletzt diese Aussicht war es, die die beiden am Ende von der Qualität des Grundstücks überzeugte, das durchaus einige Tücken aufweist. Zwar war der Standort an sich perfekt, denn die Familie, die damals schon in der Innenstadt von Stralsund zur Miete wohnte, wollte unbedingt in die Altstadt ziehen, weil Kinder und Eltern von dort aus Kindergarten, Schule und Arbeitsplätze bequem zu Fuß erreichen. Außerdem ist der Hafen ganz nah. Von Osten, Süden und Westen her aber begrenzen mehrgeschossige Nachbarbauten das 150 Quadratmeter große Grundstück, das wie eine kleine Tasche zwischen den Bestandsgebäuden liegt. „Die zentrale Frage lautete daher, wie fängt man hier möglichst viel Tageslicht ein“, sagt Meyn.

Ausreichend Wohnraum für die vierköpfige Familie

Der Architekt wusste um die Gestaltungssatzung der Altstadtinsel, die klare Vorgaben für neue Häuser macht. Schließlich trägt Stralsund den Titel Weltkulturerbe. Neubauten sollen sich einfügen und prinzipiell ein Satteldach tragen. Für das Grundstück, das die Bauherren Meyn und Reiß erworben hatten, galt zudem, dass auch nach einer Bebauung sichtbar sein müsse, dass das Baufeld ursprünglich aus zwei Parzellen bestand. Die Kleinteiligkeit der alten Budenstraße soll weiter ablesbar sein.

Die Aufgaben hießen also: ausreichend Wohnraum für die vierköpfige Familie schaffen; die Frage der Belichtung lösen; auf den historischen Kontext Rücksicht nehmen, ohne sich anzubiedern - und energetisch das Maximum aus einem Haus herausholen, dessen Lage alles andere ideal ist, um die Wärme und Energie der Sonne zu nutzen. Weil Christoph Meyns Weg ihn auch in der Vergangenheit schon oft und zu allen möglichen Tages- und Jahreszeiten an dem lange brachliegenden Grundstück vorbeigeführt hatte, hatte er reichlich Gelegenheit, die Lichtverhältnisse vor Ort zu studieren und die Umgebung auf sich wirken zu lassen.

“Die Kubatur war dann eigentlich schnell klar“, sagt der 39 Jahre alte Planer im Rückblick. Die Form musste möglichst kompakt sein, das Haus sich zur einzigen unverbauten Seite, der Straße, hin öffnen, um von dort so viel Tageslicht wie möglich in die Innenräume zu lassen. Dass der moderne Bau in der Nachbarschaft nicht wie ein Störenfried wirkt, liegt daran, dass das Haus sich viel stärker an seine Umgebung anpasst, als es zunächst vielleicht den Anschein hat.

Kleiner Grundriss - Offene Lösung

Bezieht man nämlich Haus und Hof des Nachbarn im Westen mit in den Blick ein, so fällt auf, dass Meyns Entwurf das Fachwerkanwesen des Nachbarn spiegelt. In beiden Fällen gibt es ein Haupthaus, bei beiden einen zurückgesetzten Anbau, vor dem jeweils ein Hof liegt, dessen großes Tor ihn vor den Blicken der Passanten verbirgt. Nicht zuletzt dieser Lösungsvorschlag mag auch den einberufenen Beirat bewogen haben, dem Vorhaben zuzustimmen, das mit seinem Flachdach und dem provokanten Eckfenster von den Vorgaben der Gestaltungssatzung abweicht. Die Stadt wolle ihr Erbe bewahren, aber sich zugleich auch weiterentwickeln, sagt Meyn.

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