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Veröffentlicht: 05.08.2014, 07:38 Uhr

Neue Häuser Ein zweites Zuhause auf dem Land

Das kleine Haus verkaufen, in dem man über Jahrzehnte die Ferien und Weihnachtstage verbracht hat? Für Stefan Hermes und seine Schwester Katrin kam das nicht Frage. Die Geschwister haben das Refugium in der Eifel zum Treffpunkt für die elfköpfige Großfamilie verwandelt.

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© m Landhaus in der Eifel

Die Kälte der Steine, die nicht weichen will und sich über die Wände im ganzen Haus ausbreitet - Stefan Hermes hat sie seit seiner Jugend in den achtziger Jahren Winter für Winter erlebt. „Früher mussten wir hier nach der Ankunft erst mal tagelang den Ofen heizen, damit es überhaupt warm wurde“, erzählt der heute 47-jährige.

Birgit Ochs Folgen:

Früher - das heißt bis vor zwei Jahren. Stefan Hermes schüttelt es beim Gedanken immer noch ein wenig, obwohl er heute bei Bedarf die neue Gasheizung des Ferienhauses im Eifeldorf Dorsel schon vor seiner Ankunft per Smartphone hochfahren kann. Aber im Flur des mehr als 100 Jahre alten Steinhauses ist die Erinnerung an die frostigen Wintertage, an Wärmflaschen im Bett für einen Moment wieder lebendig. Trotz moderner, computergesteuerter Haustechnik und trotz immer noch 28 Grad Außentemperatur an diesem frühen Sommerabend.

Stefan Hermes streicht über die steinernen Wände, zeigt auf den Stapel aus Brennholzscheiten in der Ecke des Flurs und öffnet die Tür des Backes, des einstigen Brotbackofens. „Den heizen wir heute immer noch an - und backen Pizza“, sagt er und grinst.

Tradition fortleben  lassen

Sein Vater hatte den alten Winkelhof in der Eifel, zu dem neben dem kleinen Steinhaus noch Stall und Scheune gehörten, als Feriendomizil gekauft. Zehn Jahre hatte er zuvor leergestanden. Mit der fünfköpfigen Familie kehrte wieder Leben ein - fast jedes Wochenende fuhr sie in ihr zweites Zuhause auf dem Land. Stefan Hermes und seine beiden jüngeren Schwestern kamen auch als Erwachsene weiter dorthin, mit Freunden und später mit ihren eigenen Familien.

Nach dem Tod des Vaters sei es für sie keine Frage gewesen, diese Tradition fortleben zu lassen und das Häuschen als Zweitwohnsitz der Familie zu erhalten, erzählt Stefan Hermes. Was aber sehr wohl zu klären war: Mit welchem Aufwand und in welchem Umfang sie das Haus erweitern und sanieren sollten. „Denn so wie es war, konnte es auf keinen Fall bleiben“, sagt der Düsseldorfer.

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Sein Vater hatte das Häuschen damals in Eigenregie in Schuss gebracht. Als Stefan Hermes und seine Schwester Katrin Linneweber sich vor drei Jahren entschieden, es zu übernehmen, sah es so aus wie viele der alten Winkelhöfe in der Gegend, die in den siebziger und achtziger Jahren eine Modernisierung über sich ergehen lassen mussten: Das Dach stand weit über, die Natursteinmauern waren unter Putz verschwunden. Die Scheune aus Holz ebenfalls. Damit das Ganze jedoch ein wenig rustikal wirkte, zierte Fachwerkimitat die Fassade. Das gefiel den Geschwistern nicht. Außerdem war das Haus mit seinen 74 Quadratmetern für die Großfamilie schon lange viel zu klein.

„Bei so einem alten Haus, weiß man nicht, was einen erwartet“

Im Internet waren die neuen Eigentümer auf das in der Eifel ansässige Architektenbüro Denzer & Poensgen aufmerksam geworden. Georg Poensgen stammt aus der Gegend, er kennt die Dörfer, die typische Bauweise in diesem Landstrich - und weiß, wie sehr gerade die Eifel in den vergangenen Jahren unter Bevölkerungsschwund gelitten hat. Mit der Sanierung eines Bauernhauses wie dem der Familie Hermes-Linneweber habe man die Chance, Bautraditionen wiederzubeleben, weiterzuentwickeln und im besten Fall auch der Gegend einen Impuls zu geben, sagt der Architekt.

Das Ergebnis ist bestens gelungen: Die charakteristischen Eigenheiten des Hauses sind wieder sichtbar, seit die Mauern freilegt und die Umbaumaßnahmen der Vergangenheit rückgängig gemacht wurden. „Bei so einem alten Haus, weiß man nicht, was einen erwartet“, räumt Poensgen ein.

Doch was unter dem Putz zum Vorschein kam, begeisterte ihn wie die Bauherren. „Das Mauerwerk war ganz hervorragend erhalten“, erzählt Eric Linneweber, Hermes’ Schwager. Der Dachdeckermeister hatte einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass die Familiengemeinschaft sich den Umbau zutraute - und viele der Arbeiten selbst übernahm. Gut ein Jahr lang haben die beiden Schwäger jedes Wochenende in Dorsel auf der Baustelle verbracht. „Unsere Familien haben uns da kaum noch zu Gesicht bekommen, aber anders wäre es nicht gegangen“, sagt Hermes.

Georg Poensgen und Andrea Denzer hatten ihnen vorgeschlagen, die Grundrisse des alten Hauses neu zu gliedern und die kleinen Räume und Kammern zugunsten von weniger, dafür größeren Zimmern aufzugeben. Um ausreichend Platz für die elfköpfige Familie zu haben, sollten zusätzlich Stall und Scheune ausgebaut und an das Wohnhaus angeschlossen werden.

Wo alle zusammenkommen

Während das alte Haus so weit wie möglich wieder in sein ursprüngliches Erscheinungsbild zurückversetzt wurde, sollte die Scheune zwar an die lokale Bautradition erinnern, aber doch als neuer Teil erkennbar sein. Da hier anders als beim alten Haus die Bausubstanz deutlich schlechter war, musste eine steinerne Seitenwand komplett abgebrochen werden. Ihr fehlte das Fundament. „Das war dann doch ein Schockmoment“, gesteht Poensgen. Die neue Wand wurde aufgemauert und wie der gesamte neue Wohntrakt mit einer Holzverschalung versehen.

Früher hatte die Familie die Scheune nur als Abstellraum und Garage genutzt. Heute dient ihr Erdgeschoss als Küche und Riesen-Wohnesszimmer, dessen Mittelpunkt der lange Esstisch ist. „Hier kommen alle zusammen“, sagt Stefan Hermes. Den großen Gemeinschaftsraum erreichen die Familienmitglieder sowohl durch das Erdgeschoss des alten Hauses, wo nun neben einem Gästezimmer auch ein neues Bad angesiedelt wurde, als auch über eine Treppe, die vom Obergeschoss des neuen Trakts hinabführt, sowie direkt vom Garten und vom Hof aus. Das alte Tor ließen die Architekten durch eine dreiteilige Glasfront ersetzen, die einerseits an den ursprünglichen Eingang der Scheune erinnert, nun aber Licht in den großen neuen Raum bringt - und Ein- und Ausblick ermöglicht.

Während die Mutter von Stefan Hermes und Katrin Linneweber im alten Haus ihr eigenes großes Zimmer hat, belegen die jungen Familien die Schlafzimmer im neuen Teil. Dort liegen an den Enden der Galerie, die einen schönen Blick über den zweigeschossigen Luftraum hinunter in Küche und Wohnesszimmer erlaubt, zwei Erwachsenenschlafzimmer und ein Kinderzimmer, in dem der Nachwuchs gemeinsam übernachtet. Rückzug für den Einzelnen ist zwar möglich, aber zu den Vereinbarungen, die die beiden Eigentümerpaare getroffen haben, gehört, dass keiner von ihnen ein Zimmer dauerhaft für sich belegt.

Keiner hat Vorrechte

Lange Abende haben die Geschwister mit ihren Ehepartnern zusammen beratschlagt, wie sie das Familieneigentum am besten organisieren könnten. „Da gibt es ja leicht Knatsch“, hat Stefan Hermes in anderen Fällen beobachtet. Vertraglich haben sie festgelegt, dass keine Partei aussteigen kann. „Das ist Familienbesitz, den wir nur gemeinsam aufgeben können“, erläutert er. Dreimal im Jahr kommt die Großfamilie auf alle Fälle in der Eifel zusammen: Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Dazwischen sprechen sie sich ab. Für die Ferien haben sie einen Turnus festgelegt, nachdem die Familien im Wechsel die erste Wahl haben.

Die Flexibilität soll auch die Ausstattung der Zimmer unterstützen: Die beiden Erwachsenenschlafzimmer sind identisch geschnitten und eingerichtet. Unter anderem mit offenen Schränken. Damit jeder seine Sachen wieder ausräumt und sich nicht dauerhaft ausbreitet. „Denn in diesem Haus hat keiner Vorrechte“, stellt Stefan Hermes klar.

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