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Rauch in seinem Leipziger Atelier 2011 Bild: Barbara Klemm

Interview mit Neo Rauch : „Ich arbeite an der Wiederverzauberung der Welt“

Der Maler Neo Rauch im Interview über seine große Retrospektive in Zwolle, den Bannzauber der Leinwand und seinen künstlerischen Weg aus der Abstraktion ins Figurative.

          Herr Rauch, Sie haben wiederholt die Metapher der Leinwand als "Netz" gebraucht, bei dem der aus Knoten gewebte Bildträger als eine Art Schleppnetz Ideen und Figuren einfängt. Wann und warum haben Sie sich für die Malerei auf Leinwand entschieden, für diese unauflösliche Verankerung von Figur in einem Textil?

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Leinwand war für mich von Beginn an der Sehnsuchtsbildträger. Dazu muss man wissen, dass die Leinwand für die malenden DDR-Bürger ein nicht ohne weiteres erreichbares Gut war, denn in der Studienzeit wurde auf Hartfaser gemalt, es gab nichts anderes. Eine Leinwand musste man erst einmal kriegen, das wurde in der Hochschule für Graphik und Buchkunst in der Tischlerei verwaltet und nur auf Zuteilung herausgegeben. Meine erste Leinwand habe ich als Kandidat des "Verbands Bildender Künstler" erwerben können. In einem eigens für das professionelle Personal zuständigen Künstlerbedarfsladen konnte nur einkaufen, wer seine Mitgliedschaft nachweisen konnte. So viel zum trivialen Aspekt der Entscheidung zur Malerei auf Leinwand.

          Und die nicht-trivialen Gründe?

          Es hat mich immer fasziniert, diesen Widerstand zu haben, der nachgiebig ist, dieses leicht Federnde, dieses Atmen des diffusionstauglichen Materials. Es ist eine Art Filter, es sickert etwas ein, nimmt Farbe auf, ist aber auch atmungsfähig, es geht etwas hindurch. Der Geist der Zeit, der Geist der Minute, der glückliche Moment wird aufgefangen. Das ist dem Bündelungsvorgang, den ich im Moment der Entscheidungsfindung für ein bestimmtes Motiv habe, sehr zuträglich. Ich greife also in das unermessliche Arsenal der Formen und Farben und nehme eine Enthüllung vor, und das ist der Moment, wo sich Gestern und Heute in der Zwischenschicht der Leinwand manifestieren.

          Das Einsickern in die Leinwand, der Figuren wie der Farbe, könnte auch eine Metapher für Verarbeitung und Verdrängung sein. Gibt es für Sie eine Wiederkehr des Verdrängten auf der Leinwand?

          Ich versuche wohl eher, etwas zu bannen. Man spricht ja auch landläufig davon, dass jemand etwas "auf die Leinwand bannt", und der Bann bringt auch einen dynamischen Prozess zur Ruhe, ein Bannzauber, ein Bannfluch, je nachdem. Da bin ich eben der mit dem Zauberstaub, der diese Bannsprüche vorträgt, um die Prozesse, die auf mich einstürmen, zur Ruhe zu bringen. Und die Dinge, die aus mir herausbrechen wollen ebenfalls. Ich setze mich zugleich in den Zustand einer höheren Macht über die Verhältnisse und die Elemente. Das zeigt mir, dass es nichts Schöneres gibt als diese Arbeit, denn ich kann mit diesen Elementen Umgang haben, ohne an ihnen zugrunde zu gehen. Alles auf eine Formel zurückführen, alles seiner Gefährlichkeit berauben.

          Es gibt viele Künstler, die ihren Namen in Form einer Kryptosignatur, einer versteckten Verbildlichung ihres Namens, ins Bild bringen. Der Dürer-Schüler Hans Schäufelein setzt häufig eine kleine Schaufel in seine Bilder, Daniel Hopfer eine Hopfendolde, Peter Flötner entsprechend eine Flöte. Bei Ihnen finden sich in den Bildern viele Partien mit Rauch, Vulkane mit Rauchsäulen, ganze Rauchwände, auch viel Sfumoto im Hintergrund, und das von Anfang an bis heute. Ist Ihnen das wichtig?

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