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Veröffentlicht: 12.03.2015, 12:25 Uhr

Musikreise durch Amerika Der lange Schatten des Grunge

So viele Musik-Metropolen wie in den Vereinigten Staaten gibt es nirgends. Und jede klingt anders. Unsere Autoren reisten in zehn Städte, die noch immer den Ton angeben. Zu Besuch in Seattle.

von und Ole Löding
© Picture-Alliance Seattle war in den neunziger Jahren zeitweise die Welthauptstadt der Rockmusik.

Als sich vor 30 Jahren die Grunge-Bewegung in Seattle aufmachte, die Welt zu erobern, war die Stadt eine andere als heute. Der verschlafene Ort von damals hat mit der boomenden Wirtschaftsmetropole wenig gemeinsam: Microsoft hat von hier aus die Weltmarktführerschaft erreicht, Starbucks-Kaffee gibt es überall, und Amazon beliefert milliardenfach Kunden mit Produkten vom Bildband bis zum Staubsauger. Alle drei Unternehmen stammen aus Seattle. Die Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten hat den Alltag der Menschen stärker beeinflusst als die meisten anderen. Und ihren Musikgeschmack.

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Elektrischer Blues, House, Post Rock und der Chicago Soul: Virtuosität hat hier einen hohen Stellenwert.

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Seattle schenkte der Welt zwei ihrer größten Ikonen. Neben Jim Morrison, Janis Joplin und Amy Winehouse sind Jimi Hendrix und Kurt Cobain die bekanntesten Mitglieder im „Club“ der mit 27 Jahren gestorbenen Rockstars. Hendrix zog es schnell in die Welt hinaus. Erst im London der Swinging Sixties konnte er seinen eigenen Stil entfalten. Cobain wurde mit seinen Holzfällerhemden und seinen strähnigen halblangen Haaren ungewollt zum Inbegriff des rebellischen Rockmusikers aus dem  amerikanischen Nordwesten. Heute ist er auf so vielen T-Shirts zu sehen wie sonst nur noch Bob Marley, Che Guevara oder Tupac Shakur. Mit seiner Band Nirvana erfand Cobain einen ungeheuer wirkungsvollen Sound zwischen Punk  und Rock, der das Gegenteil von dem war, was Anfang der Neunziger als Maß der Dinge galt: Wo Guns’n’Roses auf Hall, Pomp und Bombast setzten, erklang bei den Bands aus Seattle Rotz, Sparsamkeit und Wut. Das gab ihnen ihren Namen: Grunge (auf englisch Schmutz). Schnell erlangten Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Alice in Chains im Windschatten Nirvanas Weltruhm. Angekündigt hatte sich die Grunge-Explosion nicht.

© Philipp Krohn Aus der Ursuppe von Bands aus Seattle gingen auch Mudhoney und ihr Frontmann Mark Arm hervor.

Wer in den achtziger Jahren nach kommerziellem Erfolg suchte, ging von Seattle in andere Metropolen, erinnert sich Chris Eckman, der mit seiner Band The Walkabouts seit 1984 für den Folkrock aus Seattle steht. „Die meisten von uns hatten in den frühen Neunzigern längst den Gedanken aufgegeben, dass sie in der Musik Karriere machen könnten“, sagt Eckman. „Mehr oder weniger zufällig und nicht mit Hilfe eines Masterplans hat sich die Grunge-Szene auf die richtigen Dinge konzentriert.“ Die Musik habe damals im Vordergrund gestanden, nicht geschäftliche Dinge. So seien Ende der achtziger Jahre die Werte, die von den Pionieren der Independent-Kultur (Replacements, Hüsker Dü, Butthole Surfers) gelebt wurden, zu einem Massenphänomen geworden – und somit auch ihre Ästhetik. Mit dem plötzlichen Erfolg aber hatte nicht nur Cobain zu kämpfen. Mark Arm, der mit seiner  Band Mudhoney ebenfalls zu ungeahnter Popularität kam, sagt: „Auf einmal gab es eine Menge Arschlöcher und Schwachköpfe, die in die Szene einfielen. Leute ohne Idee für die Herkunft dieser Bands.“ Musiker, die vorher gegen alle Widerstände an ihrer Leidenschaft festhielten, waren mit den  Folgen eines nicht angestrebten Aufstiegs konfrontiert. Ihr Beitrag für die Entwicklung der Rockmusik ist erheblich. „Das aber war nicht immer gut, wie die vielen Bands zeigen, die schamlos Elemente von Grunge-Bands ausgeschlachtet haben, ohne ihnen etwas Neues hinzuzufügen“, sagt der  Rockjournalist Greg Prato, der mit „Grunge is dead“ eine faszinierte Oral History der Szene geschrieben hat.

© Mudhoney Media „Sweet Young Thing Ain't Sweet No More“ von Mudhoney

Die lokale Musikszene erholte sich aber von den Folgen des Grunge-Zeitalters. Etwa drei Jahre habe es gedauert, bis die Epigonen ihre Kraft verloren hätten, erinnert sich Walkabouts-Gründer Eckman. Danach war genug Freiraum für neue aufregende Bands einer jüngeren Generation: Fleet Foxes, Death Cab for Cutie und Modest Mouse etwa touren seither mit ihrer Version von Seattle-Musik um die Welt. Und in Macklemore & Ryan Lewis hat die Stadt nun auch einen jungen Rap-Act von internationalem Format.

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Diese Artikelserie ist Teil des Projekts „Sound of the Cities“, das derzeit wächst. Weitere Veröffentlichungen wird es im Deutschlandfunk, der F.A.Z. und im Verlag Rogner & Bernhard geben. Wer beim Entstehen dabeisein will, kann die Autoren unter www.facebook.com/soundofcities besuchen.

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