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Veröffentlicht: 08.01.2015, 15:43 Uhr

Musikreise durch Amerika Pop und Avantgarde

So viele Musik-Metropolen wie in den Vereinigten Staaten gibt es nirgends. Und jede klingt anders. Unsere Autoren reisten in zehn Städte, die noch immer den Ton angeben. Zu Besuch in New York.

von und Ole Löding
© Philipp Krohn Von den legendären Musikcafés im Village sind nicht mehr viele übrig geblieben.

Wer mit allzu großen Erwartungen das „Cafe Wha?“ in Greenwich Village in Manhattan betritt, wird enttäuscht. Einst standen auf der hölzernen Kellerbühne die besten Musiker der Stadt – von Bob Dylan bis The Velvet Underground, von Richie Havens bis Bruce Springsteen. Heute spielt allabendlich eine Profiband Hits, um betrunkene Touristen in Fahrt zu bringen. New York ist im Wandel: Wo früher Beatpoeten und Folksänger für eine bessere Welt eintraten, sind jetzt teure Eigentumswohnungen. Wo sich früher die folkloristischen amerikanischen Musikstile zu Neuem mischten, hetzen jetzt Börsenprofis in Richtung Wall Street.

New
York
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Elektrischer Blues, House, Post Rock und der Chicago Soul: Virtuosität hat hier einen hohen Stellenwert.

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„Ganz bestimmt war der grandiose Refrain meines Bruders von ‚Summer in the City‘ eine Art Liebeserklärung an New York im Sommer“, sagt der Songwriter John Sebastian über seinen bekanntesten Hit, zu dem sein Bruder Mark Textfragmente lieferte. „Die Stadt war wirklich in mir – in dem Sinne, dass ich von allem beeinflusst war, was ich gehört habe.“ Seine Band Lovin’ Spoonful war nach 1965 die erste in Amerika, die sich erfolgreich in der neuen Rockmusik bewegte. Die Szene traf sich im Village. Von dieser Zeit handelt auch der jüngste Film der Coen-Brüder, „Inside Llewyn Davis“. Al Kooper kann sich nur über ihn aufregen. „Dave van Ronk war völlig anders als die Figur in dem Film“, sagt der Gründer der Jazzrock-Band Blood, Sweat and Tears. „Dieser Kerl hatte nicht einmal ein Zimmer. Van Ronks Wohnung war wie der Königspalast.“

© Philipp Krohn John Sebastian von Lovin’ Spoonful wollte einfach beeindrucken.

Vom Village, in dem Kooper und Van Ronk lebten, gingen epochale Entwicklungen aus: Hier wurden Protestsongs von Pete Seeger und Woody Guthrie populär, Bob Dylan stieg vom Eigenbrödler aus Minnesota zum Superstar auf und wagte sich an das Undenkbare – er elektrifizierte den Folk, schuf den Folkrock, der zum Massenphänomen wurde. Al Kooper war hautnah dabei, für Dylans größten Song „Like A Rolling Stone“ und beim Newport Festival 1965 spielte er Orgel. Der gebürtige New Yorker kam spät ins Village. Zuvor war er Hitschreiber gewesen. Da verarbeitete er das, was er von klein auf im lokalen Radio gehört hatte: Doo-Wop, Bebop, Pop aus den Hitmanufakturen am Broadway. Doch die Mischung wurde noch aufregender. Patti Smith, The Ramones, Grandmaster Flash, Wu-Tang Clan, TV on the Radio, Moby – in allen Jahrzehnten kamen viele der auch international einflussreichsten Musiker von hier. „New York war und ist viel härter, viel nervöser, mehr wie polierter schwarzer Granit“, sagt Doug Yule.

Zum dritten Album von Velvet Underground stieß er zu der Band um den Gitarristen Lou Reed. Reed und Schlagzeugerin Maureen Tucker gaben den treibenden Sound vor. Ob zehn Jahre später Television, 20 Jahre später Sonic Youth oder 30 Jahre später The Strokes: Einige der meistbeachteten Bands orientierten sich an der Gruppe, von der es heißt, nur 500 Leute hätten sie in ihrer aktiven Zeit gehört, aber alle 500 hätten eine Band gegründet. Auch an ihrer Experimentierfreude richteten sich Nachahmer aus. „Das Gute an New York ist: Die Leute sind smart und cool, das treibt dich an, experimentelle Dinge zu tun“, sagt der gebürtige Kalifornier Stephen Malkmus, der hier in den neunziger Jahren mit seiner Band Pavement lebte.

© Youtube, lovinspoonful.com Lovin’ Spoonful setzte in den Sechzigern auf Rockmusik


Heute befindet sich die Szene jenseits des East River. In Brooklyn haben vor eineinhalb Jahrzehnten Künstler leerstehende Lofts für sich nutzbar gemacht. Inzwischen ist die Gentrifizierung auch im Ortsteil Williamsburg vorangeschritten, und die Künstler treibt es weiter aus der Stadt heraus. Noch immer wirkt sie wie eine intellektuelle Speerspitze. Doch Leute aus dem Mittleren Westen sehen auch die Schattenseiten der Metropole: „Für uns wirken moderne New Yorker Bands immer so, als stünde die Mode über dem Inhalt“, sagt Eric Cecil, der vor fünf Jahren aus Chicago herzog und in dem New Yorker Plattenladen „Academy Records“ arbeitet. New York ist eben ambivalent: Avantgarde und Pop, Schickeria und Experiment, Mode und Schmutz

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Diese Artikelserie ist Teil des Projekts „Sound of the Cities“, das derzeit wächst. Weitere Veröffentlichungen wird es im Deutschlandfunk, der F.A.Z. und im Verlag Rogner & Bernhard geben. Wer beim Entstehen dabeisein will, kann die Autoren unter www.facebook.com/soundofcities besuchen.

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