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Musikreise durch Amerika : Lebenswert und voller Sound

Das Lollapalooza Musikfestival in Chicago ist eines der größten der Welt. Bild: AP

So viele Musik-Metropolen wie in den Vereinigten Staaten gibt es nirgends. Und jede klingt anders. Unsere Autoren reisten in zehn Städte, die noch immer den Ton angeben. Zu Besuch in Chicago.

          Chicago mag nicht der bevorzugte Ort für junge Amerikaner sein, um eine Musikkarriere zu starten. Mit einigem Recht lässt sich die lebenswerte Metropole am Lake Michigan dennoch als die musikalischste Stadt des Landes bezeichnen. Nicht nur die Blues-Geschichte mit Muddy Waters und Howlin’ Wolf, auch die Soul-Tradition mit den Impressions oder den Chi-Lites begründete den Weltruf der Popmusik aus der „Windy City“ – vom Jazz ganz zu schweigen.

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          Elektrischer Blues, House, Post Rock und der Chicago Soul: Virtuosität hat hier einen hohen Stellenwert.

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          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Man erkennt es an den einzelnen Künstlern, die zu den besten ihres jeweiligen Genres gehören: Herbie Hancock im Jazz, Curtis Mayfield im Soul, Wilco im Alternative Rock, Tortoise in der experimentellen Popmusik, Chicago und The Flock im Jazzrock, Common im Rap. Dass Chuck Berry bei Chess Records mal eben den Rock’n’Roll erschuf, ist eine eigene Geschichte. Und die Erfindung des House in Chicago hatte auf den Pop so viel Einfluss wie der Hip Hop aus New York. „Nach meinem Gefühl gibt es in Chicago eine sehr ausgeprägte Musikalität“, sagt Kip McCabe, der in den neunziger Jahren Schlagzeuger der Post-Rock-Formation Dianogah war und heute den Plattenladen „Reckless Records“ führt. Die Dominanz des Jazz habe auch andere Genres positiv beeinflusst. „Das hat seit jeher zu einer Bewunderung für musikalische Exzellenz geführt und dazu motiviert, virtuos zu sein.“ Vor allem in dem Stil, dem er sich mit seiner Band verschrieben hat, ist Chicago eine Hochburg.

          Durch den Umzug des Labels Thrill Jockey mit Musikern wie Tortoise und The Sea and Cake nach Chicago und durch Künstler aus dem Umland wie Slint oder Gastr Del Sol hat der Post Rock hier tiefe Spuren hinterlassen. Zunächst aber war Chicago seit den späten fünfziger Jahren eine Stadt der Bluesrock-Pioniere. Sie hatten in den schwarzen Blues-Clubs und Folk-Geschäften der Southside die Zwölf-Takt-Schemata und Blues-Harmonik gelernt. „Es war wirklich verrückt: Folkläden an jeder Ecke, in denen man Platten kaufen konnte. Gitarren hingen an der Wand. Hier traf ich Mike Bloomfield. Überall war Musik“, erinnert sich Nick Gravenites, der für Bloomfield und Paul Butterfield das Stück „East-West“ komponierte, das als erstes Beispiel des später so populären Psychedelic Rock gilt. Das musikalische Wissen in der Stadt reicht tief. So wurde sie auch zum Zentrum für Werbemusik. „Wenn so etwas passiert, gibt es Musiker, die gut ausgebildet sind. Sie müssen lernen, Musik zu lesen, und das sehr schnell“, sagt Jerry Goodman, der einige Jahre mit der Jazz-Rock-Band The Flock erfolgreich war, bevor er zum Mahavishnu Orchestra ging. „Schließlich wollen alle in einer Band spielen. Und das haben sie dann auch getan.“ Erfolgreiche Bands wie Chicago oder Styx zeichnen sich durch ihre profunden musikalischen Kenntnisse aus.

          Nach der Punk-Revolution aber zählte etwas anderes als Virtuosität. Von der Blues-Tradition haben sich Steve Albini, Urge Overkill oder Jesus Lizard losgesagt. „Als ich nach Chicago zog, habe ich Blues als unerträglich korrumpiert wahrgenommen“, sagt Eddie Roeser, der mit seiner Band Urge Overkill den Ruhm verpasste, der mit ihrem Auftritt in dem Kultfilm Pulp Fiction („Girl You’ll Be A Woman Soon“) so nahelag. In der örtlichen Blues-Szene entstand damals nichts Neues mehr. Die Underground-Szene stellte sich auch klar gegen den Kommerz, der aus Los Angeles kam. Damit wurden ihre Protagonisten als Kooperationspartner für die ebenfalls unkommerziellen Bands aus Seattle interessant. Als Kurt Cobain von Nirvana, vom plötzlichen Ruhm schockiert, nach einer Antwort auf den Erfolg suchte, fand er in dem puristischen Produzenten Steve Albini den passenden Partner. Denn der hatte mit seinen Bands Big Black, Rapeman und Shellac seit jeher jedes Zugeständnis an das Musikbusiness vermieden. Doch wie sollte es in einer Stadt wie Chicago anders sein: Selbst im Geist des Punk findet sich hier noch genug Raum für Virtuositä

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          Diese Artikelserie ist Teil des Projekts „Sound of the Cities“, das derzeit wächst. Weitere Veröffentlichungen wird es im Deutschlandfunk, der F.A.Z. und im Verlag Rogner & Bernhard geben. Wer beim Entstehen dabeisein will, kann die Autoren unter www.facebook.com/soundofcities besuchen.

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