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Designer-Leuchten: Licht mit mir

Licht mit mir

Von PETER-PHILIPP SCHMITT, Fotos von DANIEL PILAR

29.10.2017 · Zum Beginn der dunklen Jahreszeit haben wir zehn Designer gebeten, uns ihre neuen Leuchten-Entwürfe zu zeigen.

Jede Leuchte ist ein Unikat: „Macaron“ von Lucie Koldova

Lucie Koldova

Licht kann natürlich durch Glas hindurchscheinen, auch durch Leder oder Holz, wenn es dünn genug geschnitten ist. Doch was ist mit Stein? „Es kommt auf den Stein an“, sagt Lucie Koldova. Für ihre Leuchte Macaron hat die tschechische Designerin Onyxmarmor gewählt. Allzu dünn ist die Scheibe nicht, die wie die Füllung des französischen Baisergebäcks Macaron zwischen zwei „Keksen“ steckt. Bei Koldovas Macaron ist die obere wie die untere Hälfte aus mundgeblasenem Glas, so dass die Platte in der Mitte zu schweben scheint. Verborgen im steinernen Fuß befindet sich die Lichtquelle, die ihr Licht aufwärts auf die Onyxmarmor-Scheibe wirft und die farblichen Unregelmäßigkeiten im Gestein zum Leuchten bringt. „Von oben sieht es aus wie eine Mondlandschaft“, findet die in Prag lebende Designerin. Koldova, Jahrgang 1983, begann 2010 für das tschechische Leuchten-Unternehmen Brokis zu arbeiten. Zehn Kollektionen hat die Art-Direktorin entworfen. Koldova bringt gerne Materialien zusammen, die nicht zusammen zu passen scheinen. Der Stein für Macaron stammt aus Italien, das Glas wird in einer Bläserei im Süden von Prag hergestellt. Darum weist auch das Glas Unregelmäßigkeiten auf. Und so soll es auch sein, sagt Koldova: „Jede Leuchte ist ein Unikat.“


Das Nachtlicht „Nox“ von Alfredo Häberli

Alfredo Häberli

Für den Nachttisch hat Alfredo Häberli diese Leuchte entworfen. Darum heißt sie auch Nox, lateinisch für Nacht. Doch da die Leuchte ohne Kabel auskommt und zudem einen Griff hat, kann man den Lichtspender auch einfach mitnehmen und durchs Haus bis in den Garten tragen. „Die Batterie im Sockel reicht für 15 bis 20 Stunden“, sagt der Schweizer Designer. Aufgeladen wird sie auf einer Basisstation (mit Kabel) und durch Induktionstechnologie. Der Lampenschirm besteht aus mundgeblasenem Opalglas, das Gehäuse aus Aluminium. Die Leuchte lässt sich dimmen. Nox ist der erste Entwurf des 1964 in Buenos Aires geborenen und seit langem in Zürich lebenden Designers für das noch junge Unternehmen Astep, das 2016 von Alessandro Sarfatti gegründet wurde. Er steht für die dritte Generation bekannter Leuchtenhersteller: Sein Großvater Gino Sarfatti gründete 1939 Arteluce, das 1973 von Flos übernommen wurde, sein Vater Riccardo 1979 Luceplan. Alessandro Sarfatti setzt die Familientradition fort: Er hat Entwürfe seines Großvaters und von dessen damaligem Art-Direktor Vittoriano Viganò im Programm, hat aber auch schon zwei neue Arbeiten vorgestellt: Neben Nox die Leuchte Candela (lateinisch für Kerze) von Francisco Gomez Paz, die ihren eigenen Strom produziert. In ihr brennt eine Flamme, angetrieben durch Bioethanol. Aus der Hitze wird Strom, der LEDs zum Leuchten bringt. Man kann sogar sein Handy via USB an Candela aufladen.


Das Deckenlicht „Kelp“ von William Brand ist 30 Meter lang.

William Brand

Das niederländische Unternehmen Brand van Egmond hat sich einen Namen mit großen Lüstern aus Metall gemacht. Es sind oft überdimensioniert wirkende Skulpturen, die zusammengeschweißt und -geschraubt wurden und nun unter der Decke hängen. Bestes Beispiel ist die Produktfamilie Kelp aus gebogenem und mit Lasern ausgeschnittenem Kupferblech. In den kerzenförmigen Glühbirnen leuchten LEDs. „Das Licht spiegelt sich im Metall und flackert wie ein Feuer in einem offenen Kamin“, sagt William Brand über die Inspiration zu seinem Entwurf. Der Architekt, Jahrgang 1963, war mehr als 20 Jahre lang die eine Hälfte des überaus erfolgreichen Designer-Duos, das auch seinen Namen trägt. Die andere Hälfte war die ein Jahr jüngere Annet van Egmond, Brands Ehefrau. Seit kurzem gehen sie privat und beruflich getrennte Wege. William Brand führt das Unternehmen im nordholländischen Naarden alleine fort. Und er bleibt der künstlerischen Herangehensweise treu. Tatsächlich lassen sich seine Arbeiten als Kunstwerke ins Extreme steigern. So hängt eine Kelp im Einkaufszentrum Galleria in Teheran. Das maßgefertigte Stück hat eine Höhe von 30 Metern.


Das Deckenlicht „Aplomb“ von „Lucidi Pevere“ besteht tatsächlich auch aus Beton. Paolo Lucidi und Luca Pevere sind das Designer-Duo „Lucidi Pevere“.

Lucidi Pevere

Zement ist längst kein ungewöhnlicher Baustoff mehr für Möbel und Leuchten. Das Designer-Duo Lucidi Pevere – das sind Paolo Lucidi und Luca Pevere – aus Palmanova in der italienischen Provinz Udine zählte zu den Ersten, die vor zehn Jahren anfingen, mit Zement zu experimentieren. Zwei Jahre lang dauerte allein die Arbeit an ihrer Leuchte Aplomb. Inspiration war ein Senkblei, daher auch der Name (vom lateinischen „plumbum“), der, wie sie erzählen, für eine gerade, sichere Haltung steht, wie bei einem hängenden Gewicht. Es sei schwierig gewesen, aus dem Baustoff ein zartes, leichtes Gebilde zu schaffen, sagt Lucidi, Jahrgang 1974. „Der Hals ist nur 20 Millimeter dick, so dass das Kabel gerade hindurch passt“, ergänzt der drei Jahre jüngere Pevere. Wichtig sei, dass die in Formen gegossene Leuchte nicht zu künstlerisch wirke, sondern als Industrieprodukt erkennbar bleibe. Darum sollte Aplomb zunächst schlicht Grau sein, so wie die Farbe des rauhen Materials es vorgibt. Zusammen mit dem in Venedig sitzenden Hersteller Foscarini haben Lucidi Pevere nun aber ihre nicht einmal zwei Kilogramm schwere Zementleuchte auch in Farben getaucht. Dafür haben sie dem flüssigen Baustoff Pigmente beigemischt – in Ziegelsteinrot, Sandgelb und Olivgrün.


Licht „Kepler“ von Arihiro Miyake

Arihiro Miyake

Die Pendelleuchte Kepler hat keinen Anfang und kein Ende. Inspiration für die Endlosschleife war das Möbiusband, das nach dem Leipziger Mathematiker und Astronomen August Ferdinand Möbius benannt ist. Dabei handelt es sich um ein einmal in sich verdrehtes Band, das zusammengefügt wird. „Es ist gar nicht so einfach, ein viereckiges Profil zu biegen“, sagt der Japaner Arihiro Miyake. „Schon gar nicht dreidimensional.“ Für den Leuchtenhersteller Nemo ist es dem 1975 in Kobe geborenen Designer, der einige Jahre ein eigenes Studio in Helsinki hatte, gelungen. Die Leuchte Kepler besteht aus zwei Aluminium-Profilen, die zwei übereinander angeordnete Schlaufen ergeben und in die LEDs eingelassen sind. Weil die ungewöhnliche Form des Objekts für Miyake im Vordergrund steht, wird Kepler (Namenspate ist der deutsche Mathematiker und Astronom Johannes Kepler) nur in Weiß oder Schwarz angeboten. Arihiro Miyake arbeitet am liebsten für sich alleine. „Mehr als Papier, Stift und Laptop brauche ich nicht.“ Darum hat er auch sein Studio wieder aufgegeben. „Ich bin das Studio, egal, wo ich gerade bin.“ Es gehe einfach schneller, wenn er alles selbst mache. Und die Qualität, die er mit seinen Werken erreichen wolle, sei am Ende auch besser.


Diese Blume blüht im Dunklen besonders schön:„Blossom“ von Tord Boontje

Tord Boontje

Er ist ein Romantiker. Fast jeder Entwurf von Tord Boontje könnte Teil eines Märchenfilms werden. Vor allem Blumen haben es dem Niederländer, der bald 50 Jahre alt wird, angetan. Und so heißen seine Arbeiten Flora oder Bouquet, Ivy (Efeu) oder Petit Jardin (kleiner Garten), Botanical oder Blossom (Blüte). „Blumen haben im Design schon immer eine Rolle gespielt“, sagt Boontje. Und das in allen Kulturen, weil Menschen sich von Blumen emotional angesprochen fühlten. Der Designer selbst mag Apfel- oder Kirschblüten – auch weil sie mit ihren fünf Kronblättern eine so perfekte Form haben. Für Swarovski hat Boontje schon im Jahr 2002 seinen ersten Blüten-Lüster Blossom entworfen. Die Pendelleuchte scheint aus Kirschblütenzweigen zu bestehen, ist aber mit Kristall-Ornamenten besetzt, die aus Glas bestehen. Vor 15 Jahren musste er noch mit relativ großen LEDs arbeiten, weil die Technologie noch nicht so entwickelt war. Nun aber hat er das Design überarbeitet. Die viel besseren neuen Leuchtdioden sind so klein, dass sie Teil der Blüten sind. Kirschblüten können so auch im Winter blühen. Er beweist es mit seiner Leuchte Winter Blossom aus satiniertem Glas.


Die Lampe „Nostalgia“ von Dima Loginoff

Dima Loginoff

Kreativ war er bereits als Friseur. Doch nebenbei interessierte sich Dima Loginoff, Jahrgang 1977, schon damals fürs Produktdesign. Und so studierte er noch Design – zunächst in Moskau, seiner Heimatstadt, dann in London. Seinen Abschluss machte er 2008. Zu seinen ersten Auftraggebern zählte der Leuchtenhersteller Studio Italia Design aus Marcon bei Venedig. „Murano“, sagt Loginoff, „liegt nur wenige Kilometer entfernt.“ Kein Wunder, dass der Haupt-Werkstoff des Unternehmens mundgeblasenes Glas ist. Loginoff schätzt altes Handwerk. Und weil Vintage so angesagt sei, habe er den Schirmen seiner LED-Leuchte Nostalgia auch noch einen Retro-Look verpasst. Drei Formen und Größen (klein, mittel, groß) hat er entworfen. Sie sollen ans Art déco erinnern. Zusätzlich lässt er das Borosilikatglas unter Vakuum mit Metall bedampfen: mit Chrom, Gold oder Roségold. So spendet jede für sich ein anderes Licht. „Am schönsten sieht es aus“, sagt Dima Loginoff, „wenn mehrere von ihnen in unterschiedlichen Höhen zusammenhängen.“


Timo Ripatti mit seinem „U-Light“

Timo Ripatti

Dünne weiße Linien wollte Timo Ripatti mit Licht in die Luft zeichnen. Nun bilden sie sich, nicht ganz so dünn wie gehofft, an der Wand ab. „Aus zweidimensional wurde dreidimensional“, sagt der Finne über seine Wandleuchte U-Light aus Aluminium, die er für den italienischen Hersteller Axo Light entwickelt hat. Der Name der Leuchte ist schnell erklärt: Der Ursprungsentwurf, eine Hängeleuchte, besteht aus einem umgedrehten U, an dessen Enden ein Ring befestigt ist. In diesen waagerechten Kreis sind dimmbare LEDs eingebaut. „Ich will poetische Skulpturen schaffen, die trotzdem funktional sind.“ Ripatti, Jahrgang 1967, ist ein typischer Skandinavier. Weniger ist mehr, lautet seine Devise. Der Finne mag es minimalistisch, so wie die meisten Designer aus dem Norden Europas. In seinem Studio in Helsinki hat er 2016 die in drei Größen erhältliche U-Kollektion geschaffen und inzwischen schon wieder überarbeitet. Seine Leuchten bestehen nur noch aus einem kreisrunden Element, das Licht und Schatten an Wand, Boden oder Decke wirft. Die kleinen und großen Ringe können sich überlagern oder in verschiedenen Höhen über- und nebeneinander hängen. Und das ganz ohne umgedrehtes U, weil Ripatti die Leuchtringe einfach an dünnen Seilen aufgehängt hat. Der Name aber bleibt.


Schön diffuses Licht spendet die Lampe „Stochastic“ von Daniel Rybakken

Daniel Rybakken

„Kronleuchter“, sagt Daniel Rybakken, „bestehen oft aus Elementen, die alle gleich sind und streng symmetrisch oder sogar spiegelbildlich angeordnet werden.“ Auch bei der Pendelleuchte, die er für Luceplan entworfen hat, gibt es ein sich wiederholendes Element – eine Kugel aus Borosilikatglas, die entweder matt (Opal-Weiß) oder metallisiert ist. Allerdings scheinen die gläsernen Bälle, 48 an der Zahl, an ihren Stahlseilen ganz zufällig angeordnet zu sein, daher auch der Name des Produkts: Stochastic. In der Mitte befinden sich LEDs. Das Licht muss sich seinen Weg durch die Kugeln bahnen und wird dabei immer wieder auf andere und neue Weise reflektiert. Der Norweger Rybakken, Jahrgang 1984, der ein Studio in Oslo und eines in Gothenburg in Schweden hat, ist seit Kindertagen von Licht fasziniert. „Im Haus meiner Eltern gab es einen leeren Raum, in dem ich stundenlang beobachtete, wie nur das Licht meine Wahrnehmung von dem Zimmer veränderte.“ Diese Beobachtungen seien Grundlage seiner Arbeit mit künstlichem Licht geworden. Mit seinen Leuchten ist der Dreiunddreißigjährige so erfolgreich wie kaum ein anderer: Innerhalb von drei Jahren wurde Rybakken zweimal mit dem „Design-Oscar“, dem Compasso d’Oro, ausgezeichnet: 2014 und 2016.


Ein Hybridleuchte „Harry H“ von Carlotta de Bevilacqua

Carlotta de Bevilacqua

Offiziell ist sie die Vize-Präsidentin, und ihr Mann Ernesto Gismondi, 26 Jahre älter als sie, ist ihr Chef. Doch Gismondi, einer der großen italienischen Unternehmer, mag es, wenn seine Frau Carlotta de Bevilacqua im Mittelpunkt steht. Und das tut die Sechzigjährige gerne. Seit bald 30 Jahren entwirft sie Leuchten für Artemide, die Firma, die Gismondi 1960 mit dem Designer Sergio Mazza gründete. Carlotta de Bevilacqua repräsentiert heute die Marke, sie ist für „Vision & Strategie“ sowie für Produktdesign und -innovation zuständig. Zudem hat die Mailänderin, die Architektur am dortigen Polytechnikum studierte und ihr eigenes Architektur- und Designbüro leitet, viele Entwürfe für Artemide entwickelt. „Mich interessiert, wie Licht unser Wohlbefinden verbessert.“ Ständig ist sie auf der Suche nach neuen Technologien, zahlreiche Patente gehen auf sie zurück. Ihre Pendelleuchte Harry H sei ein Paradigmenwechsel in der Gestaltung von Licht, sagt sie. „Es ist ein Hybrid-Beleuchtungsgerät.“ Denn es stelle LED und OLED (o für organisch) nebeneinander und verbinde die Vorteile beider Technologien. Der Diffusor von Harry H besteht aus mundgeblasenem Glas. In seinem Inneren befinden sich unten vier ausrichtbare OLED-Paneele, die auf beiden Seiten leuchten können. Ausgeschaltet reflektieren ihre verspiegelten Oberflächen das Licht der LEDs im oberen Teil. Die Lichtquellen können unabhängig voneinander eingeschaltet werden, zusammen liefern sie eine hohe Lichtqualität. Noch, sagt Carlotta de Bevilacqua: „Die LEDs oben sind schon wieder Vergangenheit, die OLEDs unten sind die Zukunft.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 01.11.2017 12:39 Uhr