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Wiener Designfestival : Keine Angst vor großen Namen

  • -Aktualisiert am

Zeitgemäßer Bugholz-Stuhl von Ineke Hans Bild: Jorit Aust

Lebendige Tradition: Beim Wiener Designfestival gehen junge Gestalter gemeinsam mit alteingesessenen Handwerkern neue Wege.

          Wien, 1. Bezirk, eine schmale Straße unweit des Stephansdoms mit dem hübschen Namen Sonnenfelsgasse. Fast alle Häuser sind Altbauten, im Hof der Nummer 3 verbirgt sich sogar eine Pawlatsche, ein Alt-Wiener Laubenganghaus. So weit, so typisch. Doch wer den malerischen Hof durchquert und hoch bis in die vierte Etage steigt, der findet mitten im Zentrum der geschichtssatten Donaumetropole die Gegenwart. Denn hier residiert Spazio Pulpo, laut Selbstbeschreibung ein „Raum für experimentelle Formgebung“. Gegründet von einem Kollektiv aus Wiener Designern, um Objekte und Installationen jenseits des kommerziellen Mainstream zu präsentieren. Die jüngste Ausstellung heißt „#offline. design for the (good old) real world“ und zeigt ein schwarzes, handyförmiges Ding mit eingelassenen Steinkugeln, mit denen man die Bewegungen des Wischens, Zoomens oder Scrollens nachahmen kann – ein Ersatzobjekt für Smartphonesüchtige. Oder den mit Kupferdraht bestickten Paravent, der elektromagnetische Strahlung aufnehmen und über den Erdungspol der Steckdose ableiten kann. Ein Möbel für jene, die sich vor der umstrittenen Strahlung fürchten.

          Die elfte Ausgabe des Designfestivals „Vienna Design Week“ in diesem Herbst bot reichlich Gelegenheit, die Wien-Klischees zu überdenken. Oder besser: zu erweitern. Denn ein Rundgang zu den zahlreichen Ausstellungen des Festivals lehrte, dass sich Gegenwart und Geschichte hier bestens vertragen und die zeitgenössische Designszene ein lebendiger Teil der Stadt ist. Die manchmal fast übermächtige Tradition – gerade im Kunsthandwerk und Möbelbau – nutzen Gestalter und Unternehmen gerne als Kulisse, oft auch als stabiles Fundament oder als Reibungsfläche, aus der sich zündende Funken schlagen lassen. Ein gutes Beispiel: der Familienbetrieb Lobmeyr. Seit 1823 fertigt die Manufaktur prachtvolle Luster und zarte Gefäße aus Glas. Bis heute unterhält das Unternehmen sein Geschäft im Stadtzentrum, zwischen den üblichen Flagship-Stores. Die große Vergangenheit mit Entwürfen von Adolf Loos oder Josef Hoffmann schreibt Lobmeyr in die Zukunft fort: Leonid Rath, der das Unternehmen gemeinsam mit Andreas und Johannes Rath in der sechsten Generation führt, arbeitet mit heutigen Gestaltern zusammen und zeigt sich dabei mutig bis experimentierfreudig. So entstehen Trinkglasserien, Vasen oder Luster, die das archaische Material in zeitgenössische Formen übersetzen. Lobmeyr ist auch regelmäßig bei der Vienna Design Week dabei, im Format „Passionswege“, das junge Designer und alteingesessene Wiener Betriebe zusammenbringt, in diesem Jahr mit einer Kooperation mit Jólan van der Wiel. Der Niederländer ließ Wasser über Ringe fließen, die er aus verschiedenen Lobmeyr-Vasen herausgeschnitten hatte. Die so vom Wasser geformten Körper dienten als Vorlage für neue Gefäße. Er betätigte sich dabei weniger als Formgeber denn als Prozessdesigner, der lediglich die Parameter festlegt, aber nicht die endgültige Gestalt.

          Andere Firmen nahmen die Einladung, ihre Komfortzone zu verlassen, ebenfalls gerne an. Im Wiener Westen führt Thomas Petz die Petz Hornmanufaktur, einen ebenfalls seit dem 19. Jahrhundert bestehenden Familienbetrieb. Petz fertigt aus Rinderhörnern Kämme, Schmuck und Gebrauchsgegenstände wie Löffel oder Dosen. Die in London lebende österreichische Designerin Katharina Eisenköck ließ sich von ihm die einzelnen Arbeitsschritte erklären, vom Aufschneiden und Kochen der Hörner über das Pressen zu Platten bis hin zum Polieren. Während der Vienna Design Week zeigte sie in der urigen Hinterhofwerkstatt eine Serie von Leuchten. Glänzende, wunderschön gemaserte Hornplatten schwebten an Metallringen und streuten sanft das Licht. „Ich wollte nicht viel verändern am Material“, erklärt Eisenköck. „Ich zeige lediglich die einzelnen Phasen der Verarbeitung.“ Es habe sie fasziniert, wie aus dem farblosen, staubigen Horn nach und nach die Eigenschaften des Materials hervorträten.

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