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Moderne Kunst : Als der Kunst ein Licht aufging

  • -Aktualisiert am

Joseph Beuys: „Capri-Batterie“ (1985) Bild: Bayer&Mitko/ARTOTHEK

Man will nicht nur erhellt, man will erleuchtet werden. Daher flimmert es so oft in der modernen Kunst.

          Dan Flavin hatte es satt: Nach drei Jahren frustrierender Malereiversuche legte er den Schalter um. Von sofort an würde er nur noch mit elektrischem Licht arbeiten. Als im Jahr 1961 die erste Neonarbeit des amerikanischen Künstlers aufleuchtete, der heute als einer der Väter der Lichtkunst gilt, durchlief die Kunst eine ihrer großen Umbruchphasen. Die junge Avantgarde fand, es sei in allen erdenklichen Varianten und somit erst einmal genug gemalt und gebildhauert worden. Sie ließ hergebrachte Genres und Techniken links liegen und suchte nach neuen Dimensionen. Happenings und Aktionskunst begannen das Kunstgetriebe aufzumischen. Statt Öl auf Leinwand kamen biologische Prozesse zum Zuge, wenn Schokolade und andere Lebensmittel in der Eat Art und in Dieter Roths Vitrinen schimmelten. Ebenfalls 1961 füllte Piero Manzoni seine Exkremente in Dosen mit dem Aufdruck „Merda D'artista“. So ironisch wie provokant standen die Konserven für das Ende eines Verdauungsvorgangs nicht immer leicht konsumierbarer (Konzept-)Kunst. Als würde sie dem Gebot dauernder Überbietung folgen, wirkt diese berühmte freche Geste zugleich wie eine Machbarkeitsstudie: Wie weit kann man gehen bei einem zwischen Faszination und Verunsicherung schwankenden Publikum?

          Es war Zeit für eine neue Zeit, und voran marschierten die Land-Art-Künstler, die ganze Landschaften umformten. Und es war an der Zeit, die bis dahin außer acht gelassenen Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde für die Kunst nutzbar zu machen. Diesseits des Atlantiks besorgte das mit Verve die Gruppe Zero. Otto Piene brannte Bilder mit dem Flammenwerfer, blies Luftplastiken in Gestalt von Regenbögen auf und ließ – zum Beispiel auf der metallverkleideten Fassade eines Kölner Modehauses – Sonnen-und Scheinwerferstrahlen Lichtballett tanzen.

          Bei Dan Flavin wird nicht getanzt. Er benutzte ausschließlich industriell gefertigte genormte Leuchtstoffröhren in zehn Farben und fünf Formen, installierte die Module einzeln, gebündelt oder gereiht im Raum, der durch diese farbigen Linien zugleich „bezeichnet“ wie auch durch die Reflektion des Raumkörpers mit farbiger Luft gefüllt wird. Nachhaltig schlägt die sublime Wirkung Besucher in ihren Bann, zumal wenn der Gang mit einem fast 40 Meter langen sattgrün leuchtenden Röhrengitter sein Auge veranlasst, im nächsten Raum alles ein Weilchen rosarot zu sehen. Nicht nur seine Kunst, auch Flavins Ruhm strahlt weit. Er bekam viele öffentliche Aufträge. Als eines seiner letzten Werke tauchte er 1996 die 300 Meter lange Glasarkade des Gelsenkirchener Wissenschaftsparks in ein spektakuläres Lichtmeer, das mit Einbruch der Dunkelheit grün, blau und gelb leuchtet. Mit seiner Feststellung „All Art Has Been Contemporary“, die in vielen Museen und Ausstellungen ihr farbiges Licht aus Neonbuchstaben verströmt, kann auch Maurizio Nannucci nichts dagegen ausrichten, dass Schokolade vergeht, Land-Art verweht und Performances nur auf wackligen Filmstreifen überleben. Kunst aber, die aus sich heraus leuchtet, ist im Vorteil. Hinter ihr lauert die Verführung, sie praktisch einzusetzen, also zu Beleuchtungszwecken, was wiederum manchmal die Grenze zum Design verwischt.

          Die Lichtkunst steht auf solidem Boden

          Lucio Fontana dürfte die Unterscheidung ohnehin nicht interessiert haben, als er 1959/60 für ein Kino, das Cinema Duse in Pesaro, aus weißen Neonröhren den gewaltigen „Cubo di Luce“ mit einer Kantenlänge von je 180 Zentimetern schuf. Heute fluoresziert der Kubus im Münchner Lenbachhaus, das eine stattliche Sammlung von Lichtkunst bewahrt - und ihren Zwittercharakter weidlich nutzt. Schon draußen erhellen Dan Flavins gelbe Röhren den Weg zum Eingang, über dem blau der Name des Hauses in Leuchtlettern nach einem Entwurf von Thomas Demand prangt. Beim Eintreten signalisiert Monica Bonvicinis grell gleißendes Kunstlichtstangenbündel „Blind Protection“ sogleich den Beginn eines Kunstsektors, und im Foyer stößt Olafur Eliassons gigantisches „Wirbelwerk“ aus Glühlampen und Spiegeln und farbigen Gläsern aus acht Meter Höhe mit scharfer Spitze in die Tiefe des Raums.

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