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Modelabels aus Berlin : Zwischen Hier und Überall

  • -Aktualisiert am

Der Designer Michael Sontag sieht sich selbst als Gestalter, der seine Arbeit sehr ernst nimmt. Bild: Christian Schwarzenberg

Diese vier Labels kommen aus Berlin – und sind trotzdem international erfolgreich. Beobachtungen aus der Nähe anlässlich der Fashion Week in der deutschen Hauptstadt.

          Michael Sontag: Gegen den digitalen Personenkult

          Als Michael Sontag 2009 seine Debüt-Kollektion bei der Berliner Modewoche zeigte, begeisterte er nicht nur die deutsche Modeszene, sondern auch Suzy Menkes, damals noch eine der wichtigsten Modekritikerinnen. „Herausragend“,schrieb Menkes über seine Kollektion, die in ihrer Präzision und ihrem Raffinement ihresgleichen suche. Seine Entwürfe sind anspruchsvoll, die Schnitte und Drapierungen komplex. Sie gehören zu den Design-Objekten mit mehreren Bedeutungsschichten, die Zeit und Aufmerksamkeit brauchen, um sie zu entdecken und wertzuschätzen.

          „Zur Zeit gibt es zu viele Leute, die nur Sachen machen, weil sie wissen, dass sie funktionieren, weil sie den Nerv der Zeit treffen“, sagt Sontag. „Ich sehe da keine Suche nach einer eigenen Vision.“ Für ihn ist ein Kleidungsstück nicht einfach nur eine Requisite für den Personenkult des digitalen Zeitalters, sondern ein Objekt, das für sich selbst steht, an dem man sich lange erfreut. „Ich sehe mich als Gestalter“, sagt er. „Für mich ist meine Arbeit etwas sehr Ernstes. Es ist genau das, womit ich mich beschäftigen möchte. Dieses Bewusstsein ist mir in letzter Zeit immer klarer geworden.“

          Vielleicht ist es ebendieser Klarheit geschuldet, dass seine Marke nach einigen ruhigen Jahren nun wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Nach kurzer Pause zeigte er im vergangenen Jahr seine Kollektion wieder im Berliner Mode-Salon, erstmals mit einigen Entwürfen für Männer, die Wolfgang Joop so begeisterten, dass sich der Modeschöpfer gleich den Trenchcoat für Sommer 2017 vorbestellte. Neben Partnerschaften mit Swarovski und Trippen hatte Sontag im vergangenen Jahr zwei weitere Premieren: als einer der Designer, die im Rahmen der Ausstellung „Uli Richter Revisited“ einen Look für das Kunstgewerbemuseum in Berlin kreierten und als Kostümbildner für die Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ an der Deutschen Oper. Auch kommerziell geht es bergauf. Seit 2015 bedient Michael Sontag Kundinnen in seinem Kreuzberger Laden und in privaten Salons in Deutschland. Und von diesem Jahr an führt der Online-Shop Luisa Via Roma seine Entwürfe.

          Ottolinger: Kanyes Kolleginnen

          Ottolinger stand auf dem Namensschild der Wohnung neben dem ersten Studio der Schweizer Designerinnen. Der Name gefiel Christa Bösch und Cosima Gadient so gut, dass sie ihr Label nach dem unbekannten Nachbarn benannten. Nach Berlin zog es sie kurz nach der Gründung, weil der Freundeskreis aus Musikern und Künstlern vor allem hier wohnte. Ihre erste Kollektion präsentierten sie aber im September 2015 am Institute of Contemporary Arts in London, denn das Ziel war von Anfang an internationale Relevanz.

          Für Christa Bösch (links) und Cosima Gadient war es von Anfang an ein Ziel, mit ihrem Label „Ottolinger“ internationale Relevanz zu erreichen.

          Mit der Debüt-Kollektion bewarb sich das Duo auch gleich bei VFiles, einer user-gesteuerten digitalen Modeplattform, die von einer ehemaligen Redakteurin des Magazins „V“ gegründet wurde. Die Kollektion aus disruptiven Street-Couture-Kreuzungen, Anzügen voller kunstvoll ausgebrannter Löcher, zerschlissenem Jeansstoff und drapierter Wolle kam bei der Community so gut an, dass sie im Februar 2016 für den VFiles-Runway ausgewählt wurde, der während der New York Fashion Week vielversprechende Jungdesigner präsentiert.

          Dort wurde Ottolinger nicht nur von der Plattform Made entdeckt, die in New York zur Modeautorität avanciert ist, sondern auch von Kanye West, der Christa Bösch (im Bild links) und Cosima Gadient als Kreativköpfe für die Damenkollektion seines Labels Yeezy engagierte. Im September gab es für die Designerinnen deshalb ein doppeltes Debüt – mit Yeezy und ihrem ersten eigenen Runway auf der New York Fashion Week. Die Teile von Ottolinger hängen nach gerade mal einem Jahr nicht nur im eigenen Online-Shop, sondern auch in Läden wie Selfridges in London oder in den Galeries Lafayette in Peking.

          GmbH: Das Beste aus dem Einfachsten

          Die Berliner Party-Szene ist mittlerweile einigermaßen berüchtigt. Da ist es verwunderlich, dass erst jetzt eine Modeinitiative aus all den Begegnungen entstanden ist. GmbH, das neue Berliner Club-Kind, sieht sich als Modekollektiv unter der Obhut des Fotografen Benjamin Alexander Huseby und des Modedesigners Serhat Isik. Weil es nach der deutschen Kapitalgesellschaftsform benannt ist, kommt der Name so häufig vor, dass das Label kaum im Internet zu finden ist. Also hier ein kurzer Hinweis: Die Website heißt gmbhofficial.com.

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