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Erhaben entrückt : Über das Versprechen der High-Heels

  • -Aktualisiert am

Ein Hohn auf das Gebot, die Füße zu schonen. Bild: dpa

High-Heels sind ein Abenteuer, ein Versprechen – und ein Sinnbild weiblicher Autonomieansprüche. In der perfekten Balance vollendet sich die Idee gelungener Selbstbeherrschung.

          Aus unzähligen Gründen lassen sich Frauen auf das Abenteuer der High-Heels ein. Eher Schmuck als ein Kleidungsstück, extravagant auch durch ihr strapaziöses Spiel mit der menschlichen Anatomie, irritieren sie mit einer ästhetischen Eleganz, die sogar die Zeiten zu überdauern vermag, in denen es vor allem darauf ankommt, sich wohlzufühlen. Nicht einmal der Birkenstock-Boom oder das Raffinement der Outdoor-Kleidung scheinen der anhaltenden Attraktion der hohen Absätze etwas anzuhaben. Unangefochten stehen sie über allen anderen Accessoires, ein Hohn auf das Gebot, die Füße zu schonen, eine Konkurrenz jenseits der Konkurrenz: strahlende Hüter des aufrechten Gangs.

          Mehr noch: Im Lebensgefühl der Zeit, in der man jeder asketischen Anstrengung die Schwere nehmen und freudig über sich hinauswachsen soll, sind sie längst nicht mehr allein für die Außeralltäglichkeit reserviert, für die Feier einer ästhetischen Perfektion. Eine der herausragenden Prüfungen, denen sich die jugendlichen Kandidatinnen bei Heidi Klums „Germany's Next Top Model“ zu stellen haben, sieht das souveräne Schreiten in High-Heels vor. Kaum eine Heranwachsende, die sich nicht zum Einüben des sicheren Gehens in den Schonraum des eigenen Zimmers zurückzieht. Zum Abschlussball der Tanzstunde oder spätestens zur Zeugnisübergabe muss man prüfenden Blicken gewachsen sein. Im pubertären Selbstgefühl verpflichtend: der Katastrophe des ungelenken Auftritts vorzubeugen.

          Das Versprechen der High-Heels

          Das hat mit dem Versprechen der High-Heels zu tun. Auf ihre Trägerin werden sich die Blicke richten. Und zwar nicht allein die der Männer, wie es noch die Werbung für gesundheitsbewusste Ernährung suggeriert, die den Auftritt einer Dame in High-Heels mit einer schwabbelig faltigen Bulldogge kontrastiert, die zwar treu, aber beim Treppensteigen auf Hilfe angewiesen ist. Der Clou, Mensch und Tier in ihrem Verhältnis zur Schwerkraft gegenüberzustellen, liefert den Schlüssel zu einer Deutung, die all die üblichen Klischees vom Weiblichen hinter sich lässt. Es geht um das suggestive Versprechen, das in der Entrücktheit liegt. Die Person geht in die Sphäre der Erhabenheit ein. Das Exzentrische ist mit der Vertikale und dem aufrechten Gang angelegt und erfährt durch High-Heels eine markante Streckung.

          Muss für ihren High-Heel-Auftritt schon lange nicht mehr üben: Model Eva Herzigova auf dem roten Teppich in Cannes. (Archivbild)
          Muss für ihren High-Heel-Auftritt schon lange nicht mehr üben: Model Eva Herzigova auf dem roten Teppich in Cannes. (Archivbild) : Bild: dpa

          „Der Körper ist das erste und natürlichste Instrument des Menschen. Oder genauer gesagt, ohne von einem Instrument zu sprechen, das erste und natürlichste technische Objekt und gleichzeitig technische Mittel des Menschen ist sein Körper“, so die berühmte Formulierung des Anthropologen Marcel Mauss, der als eine der ersten Ausdrucksformen das Gehen für die Gegenstandswelt der Geisteswissenschaften reklamiert hat. High-Heels zu tragen will gelernt sein. Es impliziert die Bereitschaft, das Stehen und Gehen zu einer Zeremonie zu machen. Wenn das Tragen aufwändig und schmerzhaft ist, wenn Ballen und Fußgelenke unnatürlich belastet sind, als gelte es, mit der artifiziellen Schrumpfung des Bodenkontakts die These vom Menschen als Mängelwesen zu veranschaulichen, dann stellt sich die Frage: Wem wird das Opfer des Schmerzes gebracht?

          Die Patientin, gespielt von Helena Bonham Carter, die sich in Roman Polanskis grandiosem Zwei-Minuten-Clip „Therapy“ auf die Couch des Analytikers legt, entledigt sich zuvor und zuallererst ihrer High-Heels. Dank glänzend spitzen Schuhs wird die Trägerin in die schlanke Gestalt transzendiert. All der Aufwand ermöglicht eine Selbstdarstellung, in der die Person ins Unerreichbare stilisiert wird. Die Unerreichbarkeit kokettiert mit dem Komplement, gefährdet zu sein, und zwar in den Nuancen der Koketterie, die Georg Simmel unterscheidet: schmeichlerisch, verächtlich oder auch provokant.

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          Überflüssig erscheint die Frage, ob dergleichen Symbolgehalt intentional verfügbar ist oder gar strategisch gezielt bei der Kaufentscheidung wirksam wird. Denn in der Gegenwartsgesellschaft hat sich das magische Denken allein auf den Konsum zurückgezogen. Beim Kauf von Klamotten hat es das rationale Kalkül schwer. Niemand will sich durchs Kalkulieren die Laune verderben lassen, nicht einmal durch das Vergleichen der Preise. Besonders der Schuhkauf gefällt als ein Fest der launischen Selbstinszenierung und der Spontaneität. Damit können diejenigen Bände füllen, die beim Anprobieren oder bei ersten Gehversuchen behilflich sind.

          Fällt man subtil auf Klischees zurück?

          Zweifellos wird mit den High-Heels die Idee eines flüchtigen Reizes bedient. Aber greift die allfällige Deutung, dass mit der suggestiven Wahrnehmungstäuschung, nach der die Beine länger werden, der Fuß dagegen kleiner, die erotische Attraktion erhöht wird? Oder fällt man nicht subtil auf ein Klischee zurück, wenn man annimmt, dass durch den balancierenden Gang sämtliche Konnotationen des Gebücktseins ausgeschlossen sind, dass Brust und Gesäß betont werden und überhaupt der Rhythmus der gesamten Körperkultur sich verändert?

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          Solche Wirkungszusammenhänge sollte man nicht à la Roland Barthes als Rationalisierungen des Modischen abtun. Denn was für die menschliche Kleidung allgemein gilt, gibt auch bei High-Heels den Ausschlag: die kommunikative Wirkung, das Vergnügen am Überstieg, der versinnbildlichte Aufstieg. Man weitet den Blick, um in verborgene Horizonte vorzustoßen, die eigentlich den Großen vorbehalten sind. Auf Zehenspitzen stehen, die elementare Geste der Streckung: Täglich bemühen Kinder sich rührend, die Einschränkung durch die faktische Größe zu überwinden. Der Körper übersteigt seine Begrenztheit. Darin liegt ästhetischer Reiz, ausgelöst durch riskante Bewegungen, die mittels eingeübter Kontrolle gelingen und somit einer eindrucksvollen Demonstration von Unabhängigkeit gleichkommen. Die Autonomie gelingt gegen die leibliche Schwerfälligkeit und die Gesetze der Schwerkraft und bestätigt sich in der Beherrschung.

          Das Geheimnis ist es, enthoben zu wirken im souverän bewältigten Zustand gleichzeitiger Hilfsbedürftigkeit. Wenn es François Truffaut in „Der Mann, der die Frauen liebte“ meisterhaft in Szene setzt, erschöpft er sich hingegen nicht in der Geschichte einer männlichen Erotomanie. Noch das legendäre Gedicht von Charles Baudelaire, die Hymne des Flaneurs „A une passante“, das der Vorübergehenden huldigt, „une femme passage, longue, mince, avec sa jambe de statue“, enthält mehr als die Lesart von der verpassten Chance einer Begegnung. Was den Blick betört, ist vielmehr die Ausdruckskraft einer vollendeten Gestalt. Gar nicht abwegig wäre es zu fragen, ob High-Heels nicht eher für das Stehen statt für das Gehen gedacht sind.

          High-Heels verlangen Balance

          „Die langsame Bewegung ist ihrem Wesen nach hoheitsvoll“, heißt es bei Honoré de Balzac. Ob die Langsamkeit notwendige Bedingung für den Statussprung in die Erhabenheit sein kann, mag man bezweifeln. Aber das Schreiten, das Sicherheit andeutet und dennoch ins Artistische gesteigert ist, liefert einen Schlüssel zum Verständnis. High-Heels zu tragen verlangt eine Balance. Sie lässt die Person demonstrativ fragil erscheinen und bringt gleichzeitig den Impuls zum Verstummen, zu Hilfe zu eilen und den Sturz aufzufangen.

          Die Spannung wird noch dadurch gesteigert, dass die Gehende just in der Balance ihre Eigenständigkeit beweist und dabei jede Idee einer Dressur oder eines sportlichen Trainings hinter sich lässt. Stilvoll sind High-Heels, wenn hoheitsvolle Gestalt und ideales Auftreten zusammenspielen. Sogar die Konkurrenz der Geschlechter lässt man hinter sich. Vielmehr gelangt die Idee gelungener Selbstbeherrschung zur Vollendung. Es geht um das ästhetisch sublimierte Vermögen, unwillkürliche Bewegungsabläufe des Körpers mit erlernten zu koordinieren. Die Balance zu halten, die Schwere zu überwinden, demonstrativ erhaben zu sein, das ist ein Fest fürs Selbstgefühl. So lässt sich verstehen, weshalb das Tragen von High-Heels Sinnbild weiblicher Autonomieansprüche ist.

          Man sollte aber am Boden bleiben: Gewiss ist die Begeisterung für die Anmut des menschlichen Gangs nicht ans Artefakt gebunden. Dem jungen Archäologen Norbert Hanold in Artur Jensens Roman „Gradiva“ werden, wie Sigmund Freud gezeigt hat, die Sinne schon verwirrt, als er auf einem Relief des Gangs der Schreitenden gewahr wird, „ein Fuß auf dem Boden, der andere berührt ihn nur mit den Zehenspitzen, während Ferse und Sohle sich fast senkrecht emporheben“, woraufhin die Affekte früher Verliebtheit aufscheinen. Die Dame, deren graziöser Gang Material für die Traumarbeit liefert, ist barfuß unterwegs. Geht auch.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

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