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Veröffentlicht: 26.04.2017, 12:12 Uhr

Erhaben entrückt Über das Versprechen der High-Heels

High-Heels sind ein Abenteuer, ein Versprechen – und ein Sinnbild weiblicher Autonomieansprüche. In der perfekten Balance vollendet sich die Idee gelungener Selbstbeherrschung.

von Tilman Allert
© dpa Ein Hohn auf das Gebot, die Füße zu schonen.

Aus unzähligen Gründen lassen sich Frauen auf das Abenteuer der High-Heels ein. Eher Schmuck als ein Kleidungsstück, extravagant auch durch ihr strapaziöses Spiel mit der menschlichen Anatomie, irritieren sie mit einer ästhetischen Eleganz, die sogar die Zeiten zu überdauern vermag, in denen es vor allem darauf ankommt, sich wohlzufühlen. Nicht einmal der Birkenstock-Boom oder das Raffinement der Outdoor-Kleidung scheinen der anhaltenden Attraktion der hohen Absätze etwas anzuhaben. Unangefochten stehen sie über allen anderen Accessoires, ein Hohn auf das Gebot, die Füße zu schonen, eine Konkurrenz jenseits der Konkurrenz: strahlende Hüter des aufrechten Gangs.

Mehr noch: Im Lebensgefühl der Zeit, in der man jeder asketischen Anstrengung die Schwere nehmen und freudig über sich hinauswachsen soll, sind sie längst nicht mehr allein für die Außeralltäglichkeit reserviert, für die Feier einer ästhetischen Perfektion. Eine der herausragenden Prüfungen, denen sich die jugendlichen Kandidatinnen bei Heidi Klums „Germany's Next Top Model“ zu stellen haben, sieht das souveräne Schreiten in High-Heels vor. Kaum eine Heranwachsende, die sich nicht zum Einüben des sicheren Gehens in den Schonraum des eigenen Zimmers zurückzieht. Zum Abschlussball der Tanzstunde oder spätestens zur Zeugnisübergabe muss man prüfenden Blicken gewachsen sein. Im pubertären Selbstgefühl verpflichtend: der Katastrophe des ungelenken Auftritts vorzubeugen.

Das Versprechen der High-Heels

Das hat mit dem Versprechen der High-Heels zu tun. Auf ihre Trägerin werden sich die Blicke richten. Und zwar nicht allein die der Männer, wie es noch die Werbung für gesundheitsbewusste Ernährung suggeriert, die den Auftritt einer Dame in High-Heels mit einer schwabbelig faltigen Bulldogge kontrastiert, die zwar treu, aber beim Treppensteigen auf Hilfe angewiesen ist. Der Clou, Mensch und Tier in ihrem Verhältnis zur Schwerkraft gegenüberzustellen, liefert den Schlüssel zu einer Deutung, die all die üblichen Klischees vom Weiblichen hinter sich lässt. Es geht um das suggestive Versprechen, das in der Entrücktheit liegt. Die Person geht in die Sphäre der Erhabenheit ein. Das Exzentrische ist mit der Vertikale und dem aufrechten Gang angelegt und erfährt durch High-Heels eine markante Streckung.

45884481 © dpa Vergrößern Muss für ihren High-Heel-Auftritt schon lange nicht mehr üben: Model Eva Herzigova auf dem roten Teppich in Cannes. (Archivbild)

„Der Körper ist das erste und natürlichste Instrument des Menschen. Oder genauer gesagt, ohne von einem Instrument zu sprechen, das erste und natürlichste technische Objekt und gleichzeitig technische Mittel des Menschen ist sein Körper“, so die berühmte Formulierung des Anthropologen Marcel Mauss, der als eine der ersten Ausdrucksformen das Gehen für die Gegenstandswelt der Geisteswissenschaften reklamiert hat. High-Heels zu tragen will gelernt sein. Es impliziert die Bereitschaft, das Stehen und Gehen zu einer Zeremonie zu machen. Wenn das Tragen aufwändig und schmerzhaft ist, wenn Ballen und Fußgelenke unnatürlich belastet sind, als gelte es, mit der artifiziellen Schrumpfung des Bodenkontakts die These vom Menschen als Mängelwesen zu veranschaulichen, dann stellt sich die Frage: Wem wird das Opfer des Schmerzes gebracht?

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Die Patientin, gespielt von Helena Bonham Carter, die sich in Roman Polanskis grandiosem Zwei-Minuten-Clip „Therapy“ auf die Couch des Analytikers legt, entledigt sich zuvor und zuallererst ihrer High-Heels. Dank glänzend spitzen Schuhs wird die Trägerin in die schlanke Gestalt transzendiert. All der Aufwand ermöglicht eine Selbstdarstellung, in der die Person ins Unerreichbare stilisiert wird. Die Unerreichbarkeit kokettiert mit dem Komplement, gefährdet zu sein, und zwar in den Nuancen der Koketterie, die Georg Simmel unterscheidet: schmeichlerisch, verächtlich oder auch provokant.

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Überflüssig erscheint die Frage, ob dergleichen Symbolgehalt intentional verfügbar ist oder gar strategisch gezielt bei der Kaufentscheidung wirksam wird. Denn in der Gegenwartsgesellschaft hat sich das magische Denken allein auf den Konsum zurückgezogen. Beim Kauf von Klamotten hat es das rationale Kalkül schwer. Niemand will sich durchs Kalkulieren die Laune verderben lassen, nicht einmal durch das Vergleichen der Preise. Besonders der Schuhkauf gefällt als ein Fest der launischen Selbstinszenierung und der Spontaneität. Damit können diejenigen Bände füllen, die beim Anprobieren oder bei ersten Gehversuchen behilflich sind.

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