http://www.faz.net/-hrx-7hq8l

Trisomie 21 : Mode, Maße und das 6. Hemd

  • -Aktualisiert am

„Es passt wirklich sehr gut“: Veronika Rehm in ihrem kanariengelben Hemd, das die Designer von Hemdless ihr maßgeschneidert haben. Bild: Hemdless

In Deutschland leben 50.000 Menschen mit Trisomie 21. Bisher gibt es kaum Kleidung, die zu ihrem Körperbau passt. Zwei Münchner Designer wollen das ändern.

          Es ist Veronika Rehms erstes Fotoshooting. Ihr Körper verrät ihre Unsicherheit, die Muskeln sind angespannt, der Blick flattert nervös durch den Raum. Zögernd tritt sie vor die Kamera, hinter ihr die weiße Leinwand. „Stell dich einfach ganz entspannt hin“, sagt der Fotograf. Er drückt ein paarmal auf den Auslöser, Rehm grinst verlegen. Dann, ganz plötzlich, vergisst sie ihre Nervosität. Sie lacht, wirft die Arme nach oben, dreht den Kopf zur Seite, schaut mal ernst, mal verführerisch. Der Fotograf ist begeistert, feuert sie an, lobt sie, Rehm macht immer weiter, ihre Augen strahlen. Im Hintergrund läuft „Girls Just Want to Have Fun“ von Cyndi Lauper.

          Es könnte eine Szene aus einer Model-Sendung sein. Fast. Das Shooting findet nicht in einem Studio statt, sondern im Betreuungszentrum Steinhöring, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Veronika Rehm hat Trisomie 21, auch bekannt als Downsyndrom. Sie ist eines von fünf Modellen, die für „Hemdless“ fotografiert werden. Das ist die erste Hemdenkollektion, die speziell für Menschen mit Trisomie 21 entworfen wurde. Zwei junge Münchner Designer, Lisa Polk und Christian Schinnerl, haben sie entwickelt. Der Name - hemdlos, ohne Hemd - spielt auf den Mangel an Kleidung für Menschen mit Downsyndrom an. Denn bisher finden sie kaum passende Kleidung.

          Wenn die Kleidung von der Stange nicht passt

          Kleidergrößen sind genormt. Wer nicht der Norm entspricht, hat Pech gehabt. „Der Körperbau von Menschen mit Downsyndrom ist leicht anders, der Hals ist meist breiter und kürzer, auch die Arme sind kürzer, der Rumpf im Verhältnis dazu lang und breit“, erklärt Jürgen Rossmann, der Leiter des Betreuungszentrums Steinhöring. Die Kleider müssen oft umgeschneidert werden, das ist umständlich und teuer. Etwa 50 000 Menschen mit Trisomie 21 leben in Deutschland. 50 000, denen die Kleidung von der Stange nicht passt und für die es noch keine Alternative gibt. Bis jetzt.

          In der Modeindustrie ist für Normabweichungen wenig Platz, Kleidung für Menschen mit Behinderung ist ein Nischenthema. Die meisten Kleidungsstücke, die unter dem Label Mode für Behinderte laufen, sind vor allem praktisch: Gummizug, weite Schnitte, leicht waschbare Stoffe. Modische Aspekte spielen kaum eine Rolle. „Die Kleidung ist einfach scheußlich“, bringt Rossmann es auf den Punkt. „Die will kein Mensch tragen, mit oder ohne Behinderung.“ Auch Mode ist eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe, und Menschen mit Trisomie 21 wollen davon nicht ausgeschlossen werden. „Natürlich sehen sie fern und folgen Modetrends wie jeder andere auch“, sagt Rossmann.

          Nach Maß: Lisa Polk und Christian Schinnerl bei der Arbeit.

          Kleidung, die gut aussieht und passt

          Kleidung, die gut aussieht und passt - genau das wollen Lisa Polk und Christian Schinnerl mit Hemdless. Die beiden haben sich vor ein paar Jahren auf der Meisterschule für Mode in München kennengelernt. Polk, 29, ist freischaffende Designerin und arbeitet beim Label K1X in München. Schinnerl, 23, studiert BWL in Berlin, um auch die wirtschaftliche Seite der Modebranche zu verstehen. Die Idee zu Hemdless entsteht auf einer Autofahrt zu einer Modenschau in Antwerpen. Schinnerl erzählt Polk von seinem Onkel, der Trisomie 21 hat und dem es schwerfällt, passende Kleidung zu finden. Die wundert sich, dass es keine Mode für Menschen mit Trisomie 21 gibt. „Wenn es Chris’ Onkel so geht, dann doch bestimmt vielen anderen auch“, sagt sie.

          Aus der Verwunderung wird eine Idee, aus der Idee eine Kollektion. „Wir wollten etwas komplett Neues machen, ein sinnvolles und soziales Projekt jenseits der gängigen Modeklischees und Schönheitsvorstellungen“, sagt Schinnerl. Polk ergänzt: „Etwas, von dem wir glauben, dass es wirklich gebraucht wird.“ Wie Schinnerl hatte auch Polk bereits Erfahrung mit Menschen mit Trisomie 21, denn ihre Mutter arbeitete lange Zeit im Betreuungszentrum Steinhöring. Über sie kam dann auch der Kontakt zustande. Die eigene Erfahrung war wichtig, glaubt Schinnerl. „Sonst wären wir wahrscheinlich gar nicht erst auf die Idee gekommen oder hätten Berührungsängste gehabt.“

          Weitere Themen

          Steine statt Perlen

          Schmuckdesign aus Schweden : Steine statt Perlen

          Seit Kronprinzessin Victoria vor vier Jahren eine ihrer Ketten trug, ist der Schmuck von Märta Larsson gefragt. Die Designerin setzt auf handverlesene Steine aus der ganzen Welt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.