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Streit um Lederhose : Tracht und Niedertracht

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Böse Buam: David Kurt Karl Roth und Carl Jakob Haupt in Tracht. Bild: Ole Westermann

Ein traditionsreiches Trachtenhaus lässt zwei Berliner Blogger eine Lederhose gestalten – und zieht sie nach Protesten um fragwürdige Symbole am ersten Verkaufstag zurück.

          Leder vom Wildbock, weiße Nähte, aufgestickte Handzeichen, ein Hanfblatt: So sieht er aus, der kalkulierte Tabubruch. Da hatten sich zwei ungleiche Parteien zu einem Paar zusammengetan, um eine besondere Lederhose zur Wiesn auf den Markt zu bringen, die am kommenden Samstag beginnt – und dann ging alles in die Hose.

          Das Trachtenhaus Angermaier, das ein paar tausend Lederhosen im Jahr verkauft, und die Gründer des Männermodeblogs „Dandy Diary“, die für selbstgedrehte Trash-Musikvideos in ein paar Tagen die gleiche Zahl an Klicks bekommen, wollten gemeinsame Sache machen. Sogar Berliner ziehen jetzt Trachten auf dem Oktoberfest an. Über die letzten Jahre hat sich der Absatz bei Angermaier verzehnfacht, die Klicks bei „Dandy Diary“ auch. Warum also nicht zusammen den anspruchsvollen Berliner standesgemäß bekleiden?

          „Ich lasse gern Menschen ihre Erfahrungen in traditionelle Trachten einfließen“, sagt Axel Munz, dem das Trachtenhaus gehört. Auch Harald Glööckler habe schon eine Kollektion verantwortet. Axel Munz klammert sich nicht an die Tradition. „Als Snoop Dogg zu uns kam und seine Hose zwei Nummern größer haben wollte, habe ich mich dagegen nicht verwehrt.“ Man müsse mit der Zeit gehen – auch wenn Munz selbst seit 30 Jahren die Ansicht vertritt, dass die Hose „knackig“ sitzen soll.

          Umstrittene Reminiszenz

          Die Form der Lederhose, die er jetzt mit den Bloggern produzierte, ist die gleiche wie bei dem Rapper, der Schnitt etwas weiter. „Und ich könnte mit dem Baggy-Style auch wunderbar leben“, sagt Munz, „wenn da nicht diese Symbolik wäre.“ Obwohl seine Angestellten es hätten besser wissen können, ließen sie in Frakturschrift „MS 13“ auf den Latz sticken.

          MS 13, das Erkennungszeichen der Mara Salvatrucha, ist in Deutschland nicht verboten. Doch die kriminellen Banden in Nord- und Mittelamerika verdingen sich im Waffenhandel, in der Prostitution, im Menschenhandel, und sie töten ihre Feinde. Die Blogger ficht das nicht an: „Die bayerische und die lateinamerikanische Kultur nutzen enorm viele Codes, die von Außenstehenden oftmals nicht zu entschlüsseln sind“, meint Jakob Haupt, einer der beiden Blogger. „Sie haben feste Regeln, die nirgends festgeschrieben sind, deren Nichteinhaltung aber drastische Folgen haben können.“

          „Da stehe ich nicht dahinter“

          Axel Munz verkaufte die Hose nicht nur über seinen Online-Shop, sondern auch in den Geschäften in Berlin und München. Vor kurzem habe ein Kunde gefragt: „Wissen Sie eigentlich, was Sie da verkaufen?“ Munz war nicht amüsiert: „Ich war außer Rand und Band.“ Wurde der arglose Angermaier-Chef von rebellischen Bloggern hinters Licht geführt? Mitnichten, sagen die Diary-Dandys: „Der Rapper-Look aus Los Angeles ist aktuell bei vielen Marken angesagt. Die MS 13 hat den radikalsten, weil authentischsten Look. Und die Gestaltung wurde von allen Seiten abgesegnet.“

          Auf Tracht und Eintracht folgt nun also Zwietracht. Ein paar Dutzend Exemplare der Hose wurden produziert, zum Preis von je 359 Euro. Munz fühlt sich hintergangen. „Ich muss mir aber vorhalten lassen, dass ich die Gestaltung nicht hinterfragt habe.“ Auf den Kosten bleibt der Unternehmer sitzen, sie seien aber zu verkraften. „Wir haben die Hose aus dem Programm genommen, weil ich nicht dahinterstehe. Ich kann doch auch keine Hakenkreuze auf meine Lederhosen sticken.“

          Die Dandys fühlen sich bestätigt. „Wir haben mit den Codes gebrochen, und jetzt folgt die größtmögliche Strafe: Wir werden verstoßen, unsichtbar gemacht. Nur eben zum Glück nicht mit der Machete.“ Zur Wiesn wollen sie trotzdem fahren.

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