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Tattookunst : Spiel mit dem Schicksal

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Die Stars des internationalen Fußballs sind die Avantgardisten des Tätowierens. In der Opulenz ihrer Tattoos scheinen sie sich berufs- oder auch nur mannschaftstypisch überbieten zu wollen Bild: Reuters

Jetzt im Frühjahr sind sie wieder zu sehen, nicht länger versteckt unter Pullovern und Jacken: Tattoos. Ist ihre Popularität ein Zeichen für die Rückkehr des magischen Denkens?

          An den Anblick von Tattoos im öffentlichen Raum haben wir uns längst gewöhnt. Die tätowierte Schulterpartie einer Präsidentengattin wäre heute nicht einmal mehr eine Meldung wert. Die eigene Einzigartigkeit wird millionenfach hervorgehoben. Das Tattoo ist aus dem ursprünglichen Kontext von ritueller Beschwörung und bekräftigter Zugehörigkeit gelöst. Es kombiniert heute die Idee des flüchtigen Eindrucks mit dessen Gegenteil, das Situative mit der dauerhaften Gestalt, vergleichbar dem Schmuck oder der Schminke. Der demonstrative Auftritt wirkt umso stärker, weil es im unerschöpflichen Angebot von Botschaften und Ornamenten und im Hinblick auf Körperteil, Farbe, Form und Inhalt keine normativen Schranken mehr zu geben scheint.

          Es ist wenig aufschlussreich, darauf hinzuweisen, dass mit dem Tattoo das Zeitalter des Narzissmus endgültig angebrochen sei. In der Moderne komme es darauf an, „Unterschiedsempfindlichkeit“ zu erregen, so schrieb schon vor mehr als 100 Jahren der Soziologe Georg Simmel. Die Stilanforderungen des großstädtischen Lebens verführten zu tendenziösen Wunderlichkeiten, zu Extravaganzen des Apartseins, der Caprice, des Pretiösen, „deren Sinn gar nicht mehr in den Inhalten solchen Benehmens, sondern nur in seiner Form des Andersseins, des Sich-Heraushebens und dadurch Bemerklich-Werdens liegt“.

          Sich herauszuheben mag eine Rolle spielen. Aber welche Motive und Ideen veranlassen Menschen, sich in einer schmerzhaften Prozedur die Haut markieren zu lassen? Handlungsmotive sind in der Regel überdeterminiert. Viel spricht dafür, dass die Bereitschaft, sich tätowieren zu lassen, in ihren seelischen Grundlagen einem komplexen Ensemble von Ideen folgt, die nicht zwingend bewusst sein müssen. Zweifellos wird ein Selbstbezug wirksam. Das Tattoo gibt dem Wunsch Ausdruck, eine empfundene Gesichtslosigkeit zu überwinden. Wer zu einer schmerzhaften Manipulation am eigenen Körper vom Ohrring bis zum Piercing bereit ist, voraussetzungsvoller und folgenreicher als beim Accessoire, wer sich nicht einmal um eine mögliche Gesundheitsgefährdung oder eine möglicherweise eingeschränkte Atmungsfunktion der Haut Gedanken macht, sorgt sich um einen Anerkennungsverlust. Im Tattoo versieht man sich mit einem Schutz in der Begegnung. Alle Magie lebt von der Übermacht der Wünsche.

          Das Tattoo hat also die Funktion, bestimmte Ereignisse und Erfahrungen dem Vergessen und der Zufälligkeit zu entziehen. Schmuck abstrahiert von der Vergänglichkeit, er transzendiert die Zeitlichkeit der Existenz. Wem huldigt das Tattoo, wer ist der Zauberer, und wer soll verzaubert werden? Nicht in erster Linie ein Gegenüber, sondern das eigene Selbst, genauer: das eigene Selbst in Situationen, die der autonomen Handlungskontrolle entzogen sind.

          Das lässt sich an drei Beispielen veranschaulichen. Beginnen wir mit den Avantgardisten des Tätowierens, der Prominenz des internationalen Fußballs. In der Opulenz ihrer Tattoos scheinen sie sich berufs- oder auch nur mannschaftstypisch überbieten zu wollen, aber jenseits der Konkurrenz unter peers zeigt sich, worum es geht. Das Tattoo suggeriert, dass man gegen einen möglichen Verlust gewappnet ist. Die artistische Virtuosität, das Leistungspotenzial des Spielers wird im Wettkampf notorisch durch zwei unkontrollierbare und unvermeidbare Situationen herausgefordert, eine mögliche Verletzung und die Zufälligkeit des Ballverlaufs. Das in die Haut gestochene Zeichen beschwört gegen die Erfahrung möglichen Scheiterns die Kontinuität des leiblichen Vermögens. Gegen erfahrene und traumatisierende Verletzungen, sei es durch den Gegner, sei es durch den Zufall, insistiert das Tattoo gleichsam auf Stolz und Zuversicht – eine Sinnzuschreibung, die im übrigen an den ethnologischen Befund anschließt, demzufolge man in den Ursprungsregionen des Tattoos das schicksalhafte Überwältigtwerden durch Widerfahrnisse mit magischen Praktiken zu bannen versuchte.

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