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Berliner Modewoche – Tag 1 : Spanische Winter, kein Sommer ohne Leinen

Wiedersehensfreude bei Michael Sontag: Lockere Silhouette durch sanfte Drapierungen. Bild: dpa

Die Berliner Fashion Week steckt in der Krise, das zeigt schon der erste Tag. Dabei hat die Stadt echte Talente zu bieten.

          Weltuntergangsstimmung am Dienstag in Berlin: Es schüttet, es blitzt und donnert. Auch in der Berliner Mode donnert es seit ein paar Monaten. Dass das Fashion-Week-Zelt nicht mehr da steht, wo man es vor knapp sechs Monaten zum letzten Mal verlassen hat, nämlich im Schatten des Brandenburger Tors, dass die Modenschauen nun der Fanmeile an der Siegessäule weichen müssen und in den eher rauhen Stadtteil Wedding verlegt worden sind, in ein Eisstadion, ist dabei noch der geringste Teil des Tiefs. Die Berliner Modehoffnung, das Label Achtland, ist nach London umgezogen. Die Marke Firma, nach 17 Jahren eine Modeinstitution in der Stadt, hat ganz aufgegeben.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und dann meldet sich am Dienstagabend auch noch Bread-&-Butter-Chef Karl-Heinz Müller. Nach fünf Jahren in Berlin wird seine Messe wieder an den ehemaligen Standort Barcelona zurückziehen, wenigstens zur Hälfte. Künftig soll die Bread & Butter sommers ihr Standbein am ehemaligen Flughafen Tempelhof behalten, winters aber wird die Jeans- und Streetwearmesse ihren festen Platz in Barcelona bekommen. Müller plant zwar noch eine dritte Ausgabe, nur liegt der Austragungsort noch weiter entfernt von Berlin als Barcelona, nämlich in Seoul.

          Trübsal? Jedenfalls nicht mit den Bloggern von „Dandy Diary“. Die Autowerkstatt Klas in Kreuzberg ist nicht unbedingt der erste Anlaufpunkt für Modemenschen in Berlin, aber wenn Carl Yolandi Haupt und David Roth zur offiziell inoffiziellen Auftaktparty der Modewoche trommeln, kommen alle. Die beiden Blogger von „Dandy Diary“, Männermodekollektiv und Schaltzentrale virtuos durchorchestrierter Medienskandale, haben wie gewohnt groß aufgefahren: Nach Zirkus-, Punk- und Bunkersausen hält der Wahnsinn nun auf einer Racing-Party Einzug.

          Die Dandys, die die Berliner Modewoche so verquer finden, dass sich der geneigte Gast fragt, warum sie überhaupt noch eine Eröffnungsparty für sie schmeißen, lassen heiße Reifen auf feuchtem Asphalt glühen. Wenn also schon die Luft aus der Modewoche raus ist – hier entfleucht sie nur langsam, und noch dazu spektakulär. Da finden Autoschrauber und Modepüppchen im fahlen Schein gelbgrüner Unterbodenbeleuchtung zwischen Normcore-Hipstern und Spornosexuellen zueinander. Als es dann Mitternacht schlägt und H.P. Baxxter mit Scooter auftritt – so ein kleines Konzert hat er schon zehn Jahre nicht mehr gespielt –, und niemand mehr zwischen post-ironischer Ekstase und wahrer Wiedersehensfreude unterscheiden kann, läuft der Durchlauferhitzer Berlin auf Hochtouren.

          Wiedersehensfreude auch bei Michael Sontag, und zwar mit echter Mode. Er hat ein Händchen für Drapierungen, die den Körper sanft umspielen. Aber der Effekt entsteht dieses Mal ganz natürlich auf seinen Kleidern: Die Seidenstoffe sind an den richtigen Stellen so weit geschnitten, dass sich die Faltenwürfe schon von allein abzeichnen. Diese lockere Silhouette ist dabei auch Teil einer entschieden maskulinen Richtung. Sontag mischt Nachtblau mit Schwarz, zeigt Zweireiher und schwarze Seidenhosen. Er ordnet Fäden so, dass sie an ein Nadelstreifenmuster erinnern, was natürlich nicht bedeutet, dass diese Blusen, Röcke oder Anzüge künftig die Bankerinnen in Frankfurt oder der Londoner City ausstaffieren sollen. Die bewusst losen herunterhängenden Striemen würden wohl in jedem Dresscode-Handbuch unter der Rubrik „Don’t“ stehen. So wie das Schuhwerk der Models: einfach Flip Flops. „Einfach von Flip Flop geschenkt bekommen“, lacht Sontag nach der Schau.

          Noch jemand, der sich optimistisch gibt: Lena Hoschek. Statt sich an ihr Markenzeichen, das Dirndl, zu halten, aus dem mittlerweile ein gesellschaftlicher Großtrend in Deutschland geworden ist, spielt die Designerin mit Ethno-Mustern, lässt die typische A-Linie der Tracht nur dezent durchblitzen, bindet den Models lieber bunte Tücher ins Haar, hängt ihnen gleich mehrere Holzperlenketten um und schichtet bunte Armreifen bis zum Ellenbogen. Gefälliger geht es kaum. Dennoch, die Menge scheint es nicht zu stören, sie grölt und pfeift beim Abgang wie bei einem Rockkonzert.

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