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Berliner Modewoche – Tag 1 : Lass die Affen aus’m Zoo

Marc Cain Bilderstrecke

Dagegen ist Jennifer Brachmann jetzt wirklich angekommen. Nicht nur in einer neuen Stadt, nämlich Berlin, wo sie von Halle aus hinzog, um „mehr Freiheiten“ zu genießen, sondern auch in ihrer Kreation. Brachmann, die sich einer Art neoklassischem Dekonstruktivismus verschrieben hat, die also bewährte Stücke in neuen Schnitten zusammenfügt, ist sich selbst das beste Vorbild: „Wir gehen nicht mehr von den Klassikern aus. Sondern von unseren eigenen Interpretationen der vorherigen Saisons.“ So entsteht eine federleichte Kollektion mit viel Baumwolle und gewachstem Leinen, in der sie ihr „signature piece“ – einen Gehrock – in ein Hemd aus leichter Baumwolle verwandelt. Den Jacken und Hosen gibt Brachmann durch Falten reichlich Volumen. Nun könnte man denken, dass es bei neu interpretierten Klassikern wenig falsch zu machen gibt, aber es kommt eben doch auf die Schneiderkunst an, und die zeigt sich in jedem Look: der Hintern sitzt. Die Schneiderkunst ist es auch, die die Kollektion finanziert – das Geld macht Jennifer Brachmann mit ihrem Maßschneider-Atelier.

Weiter, was gibt es noch Neues? Das Zalando Fashion House im alten Kaufhaus Jandorf an der Brunnenstraße, zum Beispiel. Hier können jetzt auch diejenigen an der Modewoche Teil haben, die keine Tickets bekommen: nicht die Groupies, sondern die wirklich zahlenden Endkunden. Trotzdem ist die Mode - ab Herbst im Onlinehandel erhältlich - hier so präsentiert wie auf einer echten Modemesse. Oder ist das sogar schon die Modemesse der Zukunft? Immerhin hat Zalando vor einem Monat die Bread & Butter gekauft, die in diesen Tagen womöglich zum letzten Mal eine B2B-Veranstaltung sein könnte. Eine Moderedakteurin stellt am Dienstagvormittag im Festzelt, äh, Modezelt, die nicht ganz unberechtigte Frage, ob Zalando wohl irgendwann die Fashion Week kaufen wird.

Die Berliner dürften genervt sein

Schwer zu sagen, ob das den Berlinern gefallen würde. Momentan dürften jedenfalls einige genervt sein. Die Straße des 17. Juni ist seit dem 26. Juni gesperrt: Erst war da der Besuch der Queen, dann der Christopher Street Day, jetzt die Fashion Week. Hier gibt es eben immer was zu feiern. Das wissen auch Marc Cain und Riani, die in jeder Saison treu aus Bodelshausen und Schorndorf in die Hauptstadt kommen und Mode zeigen, die ganz nach dem Zalando-Prinzip auf die Kundin abgestimmt ist. Bei Marc Cain: weiße Sommerteile, Denim, große florale Muster und etwas vom Trendstoff Brokat. Bei Riani: weiße Sommerteile, Denim, braunes Wildleder, Paisleymuster und etwas vom Trendstoff Raffia.

Da könnten wir jetzt vorspulen – oder, nein, doch besser zurück. Zum Vorabend. Den Machern des Männermodeblogs „Dandy Diary“ ist die Fashion Week gerade noch gut genug, um ihr eine Party voranzustellen. Und weil alles immer abgeranzter sein muss als in der Saison zuvor, suchten sie sich dafür den afrikanisch angehauchten Schuppen „Surprise Club“ auf der Potsdamer Straße aus, was bei einigen Gästen reichlich Fragezeichen hinterließ, was aber einzig auf die Wahl des Bezirks zurückzuführen war („Schöneberg?“). Oder auf die Frisur von Blogger Carl Jakob Haupt, der sich eigens eine Rasta-Frisur gemacht hatte, was ein Freund im Netz mit den Worten kommentierte: „Du kannst alles tragen, dir steht nix.“

Irgendwie schafften sie es dann noch, den Rapper Haftbefehl aus Offenbach einfliegen oder zumindest einfahren oder einlaufen zu lassen. Der brachte genügend Offenbacher Lokalkolorit an die Spree (oder zumindest an den Landwehrkanal), um die „Chabos“ und „Babos“ endlich zum Tanzen zu bringen. Am Ende sang er dann noch „Lass die Affen aus’m Zoo“ – passt ja auch irgendwie. Bis spät in die Nacht warteten Hunderte Leute auf Einlass. Wer endlich drin war, wollte dann schnell wieder raus, weil es viel zu heiß war – und zu voll. Gab es da überhaupt Frischluft? „Würde mich nicht wundern, wenn der Laden um drei Uhr in Flammen steht“, sagte einer der Gäste. Stand er nicht. Die Party ging bis um sieben. Für Berlin ist das eine solide Neun-Stunden-Schicht.

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