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Pariser Trendmarke : Dieser Mantel hat ein juristisches Nachspiel

Experimentell: Florian Winges, 25 Jahre alt, arbeitete lange im Stuttgarter Modekaufhaus Breuninger, ist zur Zeit „Store Manager“ in einem Einrichtungsgeschäft und möchte nun in Berlin ein neues Leben beginnen. Auf unserem Bild trägt er den Regenmantel von Vetements, der später beschlagnahmt wurde. Bild: Julia Kraft

Mode-Fan Florian Winges kaufte sich den Polizeimantel der Pariser Trendmarke Vetements und trug ihn durch Stuttgart. Jetzt droht ihm ein Prozess wegen Amtsanmaßung.

          Herr Winges, warum musste es ausgerechnet die Trendmarke Vetements sein?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Ich verfolge die Marke schon seit ihrer zweiten Schau, die sie vor gut einem Jahr in Paris im Sex-Shop „Le Dépôt“ gezeigt haben. Für mich ist das Margiela reloaded. Die bringen all das, was wir vermissen, seitdem Martin Margiela selbst aus der Mode ausgestiegen ist. Interessant fand ich auch, dass ein Kollektiv dahinter steckt. Die Stylistin Lotta Volkova, die auch mitmacht, beobachte ich schon seit den Anfängen der Streetstyle-Blogs.

          Die Marke Vetements wurde unter anderem dadurch bekannt, dass sie ein gelbes T-Shirt mit rotem DHL-Aufdruck für 245 Euro verkauft.

          Ja. Der Designer Demna Gvasalia, der ja lange in Düsseldorf gelebt hat, baut gerne deutsche Referenzen ein. Mir gefiel der Polizeimantel. Er ist das günstigste Stück in der Kollektion: 180 Euro. 245 Euro für ein T-Shirt finde ich etwas übertrieben. Das DHL-Logo hat sich inzwischen ja auch weiterentwickelt in HDL. Ein Typ aus Berlin macht genau diese Shirts als Sweater.

          Für einen Regenmantel sind 180 Euro nicht einmal allzu viel Geld.

          Geradezu günstig! Der Mantel ist ein echtes Show-Piece. Er hat eine Kapuze, geht bis zum Knöchel, und man sieht damit fast so aus wie Darth Vader. Auf dem Rücken steht auf Deutsch das Wort „Polizei“, und die Ärmel reichen bis zum Knie. Die Proportionen dieses Mantels sind so exzentrisch, dass er schon fast wie ein Zelt wirkt. Kleidungsstücke mit viel Volumen empfand ich schon immer als sehr anziehend. Als ich ihn vor vier Wochen bekam, habe ich ihn dann auch oft getragen.

          Bis zum Freitag vor elf Tagen.

          Als ich an dem Freitag gegen 14 Uhr hier in Stuttgart über den Rotebühlplatz ging, wortlos und mit Kopfhörern auf den Ohren, tippten mir zwei Polizisten auf die Schulter, die nicht so viel Humor hatten.

          Was haben sie gesagt?

          Dass ich nicht einfach im Polizeimantel herumlaufen darf.

          Und was haben Sie gesagt?

          Wir standen zufälligerweise gegenüber von einem Kostümladen, und ich sagte: „Aber im Fasching darf man das doch auch.“ Sie meinten aber, das sei etwas anderes, der Fasching sei ein zeitlich begrenztes soziales Ereignis. Außerdem habe ich ihnen erklärt, welche Bedeutung die Marke Vetements gerade in der Pariser Mode hat …

          … dass Demna Gvasalia sogar Chefdesigner bei der großen Marke Balenciaga geworden ist.

          Ja, solche Sachen. Aber das wollten sie gar nicht hören. Und ich habe gesagt, dass ich gegen die starke Polizeipräsenz in Stuttgart ein Zeichen setzen möchte, mit einem modischen Protest.

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          Paragraph 132a des Strafgesetzbuches sagt aber unmissverständlich: „Wer unbefugt inländische oder ausländische Uniformen, Amtskleidungen oder Amtsabzeichen trägt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

          Ja. Das weiß ich nach dem Zwischenfall jetzt auch. Aber es war den Polizisten zunächst wohl nicht klar, um welchen Tatbestand es überhaupt geht. Erst einmal haben sie meine Personalien aufgenommen. In der Zeit fuhren allein drei Polizeiwagen vorbei, was ja schon beweist, wie präsent die Polizei hier überall ist. Am Ende hielten mich sieben Polizisten in Schach, wohl wegen der Fluchtgefahr. Aber wie hätte ich schon fliehen sollen in meinen Gucci-Slippern?

          Sind das die aktuellen, die schon von dem neuen Gucci-Designer Alessandro Michele entworfen wurden?

          Ja, genau die, aber ohne Fellbesatz.

          Haben die Polizisten Sie dann gehen lassen?

          Sie haben den Mantel konfisziert und mich bei zehn Grad da stehen lassen. Ich trug natürlich wegen der Slipper auch keine Socken und hatte nur eine Jogginghose und einen dünnen Pulli an.

          Die Polizei hat schon herausgefunden, dass es bei der Reiterstaffel einen ganz ähnlichen Regenmantel gibt. Könnte sein, dass Sie nun bald Post bekommen.

          Ja. Ich bin aber auch schon tätig geworden und habe eine Mail nach Paris geschickt, an Vetements. Und sie haben sich für meine Courage bedankt und schicken mir einen neuen Mantel. Ich hoffe, dass es kein reines Archiv-Piece wird, wenn sich der Staatsanwalt entschieden hat.

          Andererseits wird es nun bald Sommer, da brauchen Sie ja gar keinen Mantel mehr.

          Der Mantel ist auch sehr gut für nächtliche Partys geeignet.

          Er sieht wirklich unheimlich aus.

          Definitiv, aber in dieser Erscheinung verwechselt man mich eher mit einem Satanisten als mit einem ernst zu nehmenden Polizisten.

          Sie lieben modische Experimente, wie man auch an Ihrem Instagram-Account sieht. Wie reagieren die Menschen denn sonst so?

          Wenn ich mit Kaftan und Bomberjacke rumgelaufen bin, haben die Passanten auch früher schon böse geguckt und gesagt: ,Guck Dir die Schwuchtel an.’

          Stuttgart scheint modisch noch Aufholbedarf zu haben. Wollen und können Sie das noch ändern?

          Ich habe neun Jahre lang mein Bestes gegeben, um die konservativen Stuttgarter modisch zu fordern. Ich trug Pelz und Lookalike-Rick-Owens-Wedges in der Berufsschule, selektierte die Stuttgarter Rich Kids an einer Nachtclub-Tür in Nachthemd und Adiletten und schockierte feine Damen im Nobelkaufhaus mit Seidenshorts und Lederleggins. Nun ist es Zeit, diese Mission aufzugeben. Ich ziehe jetzt nach Berlin. Übrigens bin noch auf Jobsuche.

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