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Diane

Von ALFONS KAISER, Fotos von ELLEN VON UNWERTH

29.05.2017 · Diane Kruger ist beim Filmfestival in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet worden. Im F.A.Z.-Magazin hatte sie im Februar ihren großen Auftritt – in Szene gesetzt von Ellen von Unwerth.

Warten auf Diane. Das heißt bei einer Prominenten: mindestens eine Stunde warten, sonst ist sie eigentlich kein Star. Deshalb also ist auch die Star-Fotografin noch nicht da, sie kennt die Rhythmen. Wie durch göttliche Fügung erscheint sie dann im rechten Moment. Diane Kruger und Ellen von Unwerth, zwei deutsche Stars der Modewelt, verstehen sich auf die Minute genau.Bei den Fotoaufnahmen wird sich später zeigen: Die Schauspielerin und die Fotografin verstehen sich sogar auf die Millisekunde.

Bis die beiden kommen, sind die vier Assistenten der Fotografin in Suite 461 des Plaza Athénée gut beschäftigt. In dieser ersten Stunde eines langen Nachmittags bereiten sie alles vor: putzen die Objektive, testen die Lichtanlage und werfen sich lasziv aufs Bett, um auch für solche Szenen schon mögliche Belichtungszeiten auszuprobieren.

Schwarzes Seidenkleid mit weißen Polkatupfen; Ohrringe „Juste un Clou“ in Gelbgold mit Diamanten sowie Armreifen „Juste un Clou“ von Cartier.

Zeit also, sich einmal umzusehen. Die Postkartenaussicht zieht den Blick hinaus: auf die Avenue Montaigne, auf die Place de l’Alma und über die Seine auf den Eiffelturm. Als die Sonne untergegangen ist, blinken die Lichter am Turm. Da ist aber schon alles fotografiert, die Kameras sind eingepackt, und Ellen von Unwerth nimmt die Szene noch schnell mit dem Mobiltelefon auf.

Warten auf Diane – die übrigens nicht auf sich warten lässt wie ein x-beliebiger Star, sondern wirklich viel zu tun hat in dieser Couture-Woche, für die sie eingeflogen ist, bevor sie gleich morgen früh, nach einem großen Dinner heute Abend, nach New York zurückkehrt, wo sie lebt, wenn sie nicht in Paris ist oder zu Besuch in Deutschland.

Das Plaza Athénée könnte nicht besser passen für diese Modeaufnahmen. Denn es soll hier vor allem um Christian Dior gehen, den legendären Modeschöpfer, der vor genau 70 Jahren sein Modehaus gründete: Am 12. Februar 1947 zeigte er in der Dior-Zentrale schräg gegenüber seine erste Couture-Kollektion, die mit dem verschwenderischen und beschwingten „New Look“ die Frauen begeisterte und den Krieg langsam vergessen machte.

Und in dieser Saison geht es natürlich um die ersten Entwürfe einer Modemacherin für das Haus. Nach Diors Tod im Alter von nur 52 Jahren am 24. Oktober 1957 folgten ihm als Designer Yves Saint Laurent, Marc Bohan, Gianfranco Ferrè, John Galliano, Bill Gaytten und Raf Simons. Im vergangenen Jahr wurde diese Männer-Linie endlich durchbrochen. Die Nachnachnachnachnachnachnachfolgerin von Christian Dior heißt Maria Grazia Chiuri. Die italienische Designerin bringt einen weiblichen Stil in dieses Haus – mit feministischen Motto-T-Shirts in der Frühjahrskollektion und femininen Dior-Couture-Entwürfen, die sich Diane Kruger vorgestern aus der ersten Reihe angeschaut hat.

Ohne Schuhe, aber mit ausgestreckter Zunge. Plissiertes und besticktes weißes schulterfreies Kleid; schwarze Riemchenpumps (6,5 Zentimeter) mit „J`Adior“-Stickerei auf dem Band.

In dieser Geschichte hat das Hotel eine besondere Bedeutung. Denn Christian Dior gründete seine Marke in der Avenue Montaigne 30, eben weil das Plaza Athénée, das er so liebte, schräg gegenüber liegt. Hier stiegen die Kundinnen ab, wenn sie zu den Schauen anreisten. Der „tailleur Bar“, die taillierte Jacke, die zum Dior-Markenzeichen wurde, ist nach der Hotelbar benannt. Waren die Kleider im Dior-Atelier endlich angepasst, gesellten sich in der Bar des Plaza Athénée die Damen in der Bar-Jacke zu ihren Männern – die vermutlich länger auf ihre Frauen zu warten hatten als vier Stockwerke höher in der Suite 461 mittlerweile 20 Stylisten, Assistenten, Make-up-Fachleute, Kleiderboten, Sicherheitsleute und Kellner auf Diane.

Das Hotel dankt es der Marke von gegenüber mit einer originellen Idee. Chefkoch Alain Ducasse vom „Relais Plaza“ hat ein Menü nach den Vorstellungen des Genießers Christian Dior komponiert – nur leichter, angepasst an heutige Verhältnisse. Makaber ist die nette Geste dennoch: Denn Christian Dior, Gourmet und Gourmand, erlitt vermutlich auch deshalb so früh seinen dritten und letzten Herzinfarkt, weil er allzu wohlgenährt war.

Aber das ist die alte Männerwelt. Heute herrscht hier Frauenpower. Schon Christian Dior kleidete prominente Frauen von Marlene Dietrich über Marilyn Monroe bis Grace Kelly ein. Da passt es gut, dass nun Diane Kruger hereinkommt. Neben Stars wie Charlize Theron, Marion Cotillard, Natalie Portman und Jennifer Lawrence wird auch sie von Dior ausgestattet. Und sie erinnert an die alten Ikonen, an die kühle Distanz Marlene Dietrichs und auch an Marilyns präfeministische Verführungskraft.

Oberteil aus geflochtenem ecrufarbenen Leder mit gleichfarbigem Tüllkleid. Schwarze Pumps (9,5 Zentimeter) mit „J´Adior“-Stickerei auf dem Band.

Denn kaum hat Ellen von Unwerth die Schauspielerin zur Begrüßung umarmt, kaum haben sie ein weißes schulterfreies Sommerkleid ausgesucht fürs erste Bild, posiert Diane Kruger auf dem Sofa, als wäre es nichts: wirft das Kleid über den Kopf, zieht die Arme in die Länge und verschränkt die Beine mal so, mal so und mal so.

Die beiden kennen sich, klar. Aber wann haben sie das letzte Mal Aufnahmen zusammen gemacht? „War das für die ,Glamour‘?“ – „Nein, das war doch diese Marlon-Brando- Sache mit den Tauben in New York.“ – „Ich dachte, für den russischen ,Tatler‘?!“ Egal, Diane weiß, was sie gibt, Ellen weiß, was sie nimmt. Am Ende machen sich beide ihr Bild. „Beiß mal aufs Kleid!“ – „Aber ich trage Lippenstift!“ – „Egal!“ – „So?“ – „Ja! J’adore!“

Überhaupt lockert Ellen von Unwerth ihre Stars auf. Ein Assistent trägt immer den Lautsprecher hinterher. „Ohne Musik kann ich nicht arbeiten.“ Mit Soul, Funk oder Disco steigt auch vor der Kamera die Stimmung. Was sie damit erreichen will? „Energy, fun, rhythm.“ Die Fotografin arbeitet in fröhlicher Selbstverständlichkeit. Auf die Frage, ob eine Aufnahme im Gegenlicht der Sonne nicht zu schwierig sei, ruft Ellen von Unwerth: „Nichts ist schwierig für Ellen.“ Das bisschen Gegenlicht kriegt sie auch noch in den Griff. Und zu Diane: „Schieb doch mal den Eiffelturm beiseite!“

Ohrringe „Paris Nouvelle Vague“ in Weißgold mit Diamanten von Cartier. Baumwoll-T-Shirt mit Aufdruck „We should all be feminists“

Von Stress ist nichts zu spüren. Ellen von Unwerth, die in Frankfurt geboren wurde und im Allgäu aufwuchs, gehört zu den erfahrenen Modefotografen. Von Claudia Schiffer bis Manuel Neuer, von Lady Gaga bis Rihanna hatte sie alle Stars vor der Kamera. Gerade hat sie eine Kampagne mit Megan Fox in Los Angeles geschossen, morgen fliegt sie für eine Modestrecke nach New York – und zu den Oscars stellt sie in Los Angeles Fotos aus ihrem neuen Bildband „Heimat“ (Taschen-Verlag) vor, mit denen sie einen eher satirischen als dokumentarischen Blick auf die Orte ihrer bayerischen Jugend wirft.

Bei der Kleiderauswahl müsste kein Stylist dabei sein. Denn Diane Kruger, gerade 40 Jahre alt geworden, ist schon seit 25 Jahren in der Modewelt. Obwohl nur 1,71 Meter groß, hat sie lange als Model gearbeitet, und als Schauspielerin ist sie kilometerweit über rote Teppiche gegangen. Die Looks kann sie schon an der Stange gut einschätzen: „Der Bund ist zu weit“, sagt sie über eine Hose. Als sie die Hose angezogen hat, sehen es alle: Der Bund ist zu weit. Also zerrt die Styling-Assistentin an ihr herum – und Ellen von Unwerth macht schnelle Aufnahmen mit einem zu weiten Bund, der gerade gerafft wird.

Diane Kruger beherrscht viele Rollen. Sie könnte auch noch Designerin werden. Vielleicht wäre das sogar eine gute Beschäftigung, um sich vom Schauspiel zu erholen. Denn von „Troja“ bis „Inglourious Basterds“ spielt sie mit einer Intensität, die nichts mit dem Klischee einer kühlen Blonden aus dem Norden, also aus Niedersachsen, zu tun hat. Besonders fordernd, so erzählt sie, waren die letzten Dreharbeiten. Zum ersten Mal überhaupt spielt sie in einem deutschen Film. „Ich hatte lange auf eine Rolle in einem deutschen Film gewartet, die mich anspricht. Und ich wollte schon immer mal mit Fatih Akin drehen. Seine Filme gefallen mir. Er hat etwas zu sagen.“

Weißes T-Shirt mit Stickerei; schwarze Siebenachtel-Lederhose; schwarze Pumps (9,5 Zentimeter) mit „J’Adior“-Stickerei; auf der Stange: nudefarbenes Tüll-Oberteil mit Stickerei „Le Jugement“ sowie Tüllrock mit Stickerei „La Roue de la Fortune“; auf dem Hocker: Handtasche „Lady Dior“ aus kristallbesetztem schwarzem Kalbsleder mit „D.I.O.R“-Charms in Gold antik

In dem Film „Aus dem Nichts“ spielt sie eine junge Frau, deren Mann und Sohn Opfer eines rassistisch motivierten Bombenanschlags werden. Etwa drei Monate war sie für die Dreharbeiten im Herbst in Deutschland. Schon wegen der NSU-Verbrechen und des Zschäpe-Prozesses war der Stoff aktuell. Durch die zunehmende politische Polarisierung und die Erfolge von Rechtspopulisten wird er noch brisanter: „Der Film reflektiert die Zeit, in der wir leben. Es ist das Schicksal einer Frau, und es ist sehr emotional – das hat mich am meisten angesprochen.“

Die Dreharbeiten haben sie arg mitgenommen. Nicht wegen des „krassen Typwechsels“, für den sie ihre Haare lassen musste. Auch nicht wegen des dramatischen Stoffs – als Absolventin einer französischen Schauspielschule im Fach „Klassisches Theater“ kennt sie sich mit Dramen aus. Vielmehr war es die fordernde Hauptrolle: „Der Film hat mich fast umgebracht. Es ist selten, dass man in jeder Szene dreht, jeden Tag. Es war ein äußerst intensiver Film. Am Ende konnte ich nicht mehr. Fatih auch nicht.“

Sie ist es zwar gewohnt, extreme Emotionen zu spielen. „Aber wenn man als Hauptdarsteller sozusagen der Kapitän ist, was ja sehr selten ist für eine Frau, dann muss man auch die anderen mitziehen.“ Die deutsche Crew habe sie zwar immer wieder aufgerichtet. „Aber in einer Woche musste ich in meiner Rolle so viel heulen, dass meine Augen ganz rot und geschwollen waren.“

Weil sie keinen Film im Rennen hat, wird sie dieses Mal nicht zur Oscar-Feier gehen. „Wenn ich da bin, gehe ich nur zur ,Vanity-Fair‘-Party danach.“ Aber am liebsten schaut sie sich die Verleihung der Filmpreise sowieso im Fernsehen an: „Da bekommt man mehr mit.“

Deutsches Team: Ellen von Unwerth und Diane Kruger

Noch Wünsche? „Ich würde gerne mehr Komödien machen.“ Vielleicht sollte sie es doch mal mit der Mode probieren? „Die Mode hat es mir ermöglicht, nach Paris zu kommen“, sagt sie. „Sie hat mir die Welt gezeigt. Aber Mode allein reizt mich nicht unbedingt. Auch das Modeln war irgendwann langweilig, weil es sich wiederholte. Man wird erwachsener und will mitentscheiden.“

Man sieht’s bei den Aufnahmen. Das schwarze Kleid mit den weißen Punkten? „Ich weiß nicht.“ Und wirklich: Als sie es trägt, beult es sich so aus, dass es auch die schmale Dior-Taille nicht besser macht. Was tun? Posieren! Und am Ende sehen auch diese Fotos aus, als wären all die Kleider nur für sie gemacht.

Alle Kleider sind aus der Prête-à-porter-Kollektion für Frühjahr und Sommer von Dior. Fotografiert am 26. Januar 2017. Dank an das Hotel Plaza Athénée Paris.

Styling: Markus Ebner Management Diane Kruger: Olivier Guigues Make-up: Christophe Danchaud Haare: Perrine Rougemont Schmuck: Evelyn Tye Styling-Assistenz: Emanuela Potorti Studio-Manager Ellen von Unwerth: Clara Rea Erste Foto-Assistenz: Stan Rey Grange Zweite Foto-Assistenz: Marion Parez Digitalverarbeitung: Jérôme Vivet

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 29.05.2017 09:20 Uhr