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Raf Simons : Abschiedsgruß in Rittersporn-Blau

Raf Simons bei seiner letzten Schau für Dior. Mit ihm hat die Marke zu sich selbst gefunden. Bild: action press

Mit einem medialen Donnerhall verlässt Raf Simons nach nur dreieinhalb Jahren Dior. Es ist nicht der einzige Abgang in diesem Jahr. Was ist da los auf den Fluren der ehrwürdigen Häuser?

          Dass der 2. Oktober 2015 für die Mode ein wichtiger Tag werden würde, ist erst jetzt klar. Es war ein Freitag während der Pariser Modewoche, um 14.30 Uhr stand die Dior-Schau an. Das Haus hatte im Innenhof des Louvre von 100 Floristen und Monteuren in tagelanger Arbeit eine riesige Höhle aus 400.000 echten Rittersporn-Stielen fertigen lassen.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Drinnen schickte Raf Simons, Kreativ-Direktor von Dior, viktorianische Baumwollshorts zu dicken, auf knapp über der Taille gekürzten Strickpullovern über den Laufsteg. Die typische Bar-Jacke war auch wieder dabei. Christian Dior, Gründer des Hauses, hatte mit ihr nach dem Zweiten Weltkrieg den New Look eingeläutet. Anschließend war sie jahrzehntelang Geschichte. Erst Simons holte das Kostüm im Juni 2012 zu seiner ersten Couture-Schau als Kreativ-Direktor der Marke aus den Archiven und machte daraus einen Blazer für so gut wie jede Situation im Leben von Menschen, die sich Jacken von Dior leisten.

          Am Wochenende in die Heimat Antwerpen

          Aber die Schau am Freitag, 2. Oktober, erinnerte noch aus einem anderen Grund an Raf Simons’ Dior-Debüt im Jahr 2012. Auch damals kleidete er die Wände um den Laufsteg – es waren mehrere Räume – mit Blumen, mit Pfingstrosen, mit Nelken und Rosen, mit Nachtfalter-Orchideen.

          Eine Auswahl erfolgreicher Stücke – die Sonnenbrille: Bei der „So Real“ sitzt der Steg höher als bei den üblichen Plastikgestellen.
          Eine Auswahl erfolgreicher Stücke – die Sonnenbrille: Bei der „So Real“ sitzt der Steg höher als bei den üblichen Plastikgestellen. : Bild: Action Press, Hersteller

          Am vergangenen Donnerstagabend, etwas mehr als drei Jahre nach dieser ersten Dior-Schau unter Raf Simons, gibt das Haus den Rücktritt des 47 Jahre alten Belgiers bekannt. Er plane, sich in Zukunft auf andere Projekte zu konzentrieren, so lässt es das Haus mitteilen. Dazu gehöre auch sein Privatleben. Einer der größten Designer unserer Zeit verlässt eines der wichtigsten Häuser der Welt. Das passiert nicht alle Tage. Das macht auch niemand einfach so, weil ihm gerade danach ist, er eine schlechte Arbeitswoche hinter sich hat oder mal was Neues sehen will. Vor allem kaum, wenn scheinbar alles glatt läuft – wie zwischen Simons und Dior. Der hatte sich verpflichtet, jede zweite Woche für das Haus in Paris zu arbeiten, jede andere am eigenen Label in seiner Heimat Antwerpen.

          Natürlich wird er trotzdem mehr Zeit in Paris verbracht haben, aber zumindest wurde er, wann immer möglich, wochenends zurück nach Antwerpen gefahren. „Dort ist alles klein, geradezu dörflich, genau richtig also, um Abstand zu gewinnen“, erzählt er dem F.A.Z.-Magazin in einem seltenen Interview im Frühjahr dieses Jahres. Sein Schritt, Dior zu verlassen, sagt umso mehr über die Mode aus, über das, was aus ihr in den vergangenen Jahren geworden ist.

          Designer-Arbeit immer unerträglicher

          Raf Simons ist nicht der einzige gestandene Designer, der den Posten seines Lebens nach wenigen Jahren schon wieder hinter sich lässt. Der New Yorker Modemacher Alexander Wang, 16 Jahre jünger als Simons, zeigte im Frühjahr 2013 ebenfalls ein Debüt an einem Pariser Traditionshaus – bei Balenciaga. Am Freitagabend, 2. Oktober, nur wenige Stunden nach Simons’ Dior-Schau, verlässt das letzte Model in einem Balenciaga-Entwurf von Alexander Wang den Laufsteg. Wie Simons möchte auch Wang sich künftig auf seine eigene Marke konzentrieren.

          Was ist da los auf den Fluren der ehrwürdigen Häuser mit den dicken Mauern, in denen über Jahrzehnte Designer das Sagen hatten, die trotzdem nebenher ihr eigenes Label unterhielten? Natürlich gibt es noch genug Modemacher, die den Spagat zwischen zwei Häusern schaffen. Oder sogar noch mehr, wie es Karl Lagerfeld vorlebt. Und natürlich werden die Luxusmarken auch nicht erst seit gestern von großen Konzernen gesteuert, mit Umsatzerwartungen und Gewinnplanung.

          Viele dieser Labels sind unter dem Dach von Großkonzernen auch der Inbegriff von Kreativität und bringen die Mode weiter, trotz der explosiven Mischung. So auch Dior in der Zeit von Raf Simons. Mit ihm hat das Haus wieder zu sich selbst gefunden. Dass er die Marke vor diesem Hintergrund nach nur ein paar Saisons verlässt, dürfte trotzdem symptomatisch sein für eine Branche, die Designer-Arbeit immer unerträglicher macht.

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