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Veröffentlicht: 02.08.2016, 19:49 Uhr

Raf Simons Dior, Privatleben, Calvin Klein

Noch vor wenigen Monaten wollte er dem schnelllebigen System den Rücken kehren, jetzt übernimmt Raf Simons eine der größten Maschinerien der Mode.

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© AFP Raf Simons ist der neuen Kreativ-Direktor von Calvin Klein.

Eigentlich wusste es schon jeder, aber jetzt ist es wirklich so. Aus dem größten Gerücht, das in den vergangenen Monaten unter Modeleuten kursierte, ist nun eine Tatsache geworden: Raf Simons, bis Oktober 2015 bei Dior, ist der neue Kreativ-Direktor von Calvin Klein. Das teilte das New Yorker Haus am Dienstagnachmittag deutscher Zeit über die sozialen Netzwerke mit. Der belgische Modedesigner tritt somit nicht nur die Nachfolge von Francisco Costa an, der bis April die Damenmode bei Calvin Klein verantwortete, Simons übernimmt auch die kreative Leitung der Herrenmode von Italo Zucchelli sowie alle weiteren Calvin-Klein-Marken, zu denen auch Calvin Klein Jeans, Calvin Klein Underwear und Calvin Klein Home gehören.

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Noch im Oktober vergangenen Jahres begründete Simons seinen Rücktritt bei Dior mit dem Wunsch nach mehr Zeit für sein Privatleben. Simons pendelte während seiner Zeit bei dem französischen Couture-Haus an den Wochenenden nach Antwerpen, seinem Zuhause sowie Hauptsitz des eigenen gleichnamigen Herrenmode-Labels. „Es war beileibe keine einfache Trennung“, erzählte er dem F.A.Z.-Magazin im Mai dieses Jahres. „Ich habe die Marke verlassen, um mehr Zeit für mich zu haben. Das war schwierig für meine Mitarbeiter, schwierig für die Marke.“ Er habe sich einen Hund gekauft, einen Harlekin-Beauceron, er reise nun viel, verbringe Zeit mit Freunden und seinem Lebensgefährten. Ob er jemals wieder die kreative Verantwortung für ein großes Modehaus übernehmen würde, das ließ er damals offen.

Seine Ergebnisse bei Dior konnten sich sehen lassen

Raf Simons steht dem Modesystem nicht erst seit ein paar Monaten ambivalent gegenüber. Auf der einen Seite reizte ihn schon bei seinem Wechsel von Jil Sander zu Dior im Jahr 2012 die Dynamik einer großen Modemarke. Entsprechend konnten sich auch seine Ergebnisse bei Dior sehen lassen, ein Argument, das für die New Yorker Geschäftsleute des Phillips-Van-Heusen-Konzerns, Eigentümer von Calvin Klein, wohl mindestens genauso viel zählt wie für die von LVMH, jener Gruppe, zu der auch Dior gehört. Das Unternehmen konnte die Umsätze unter Raf Simons um 18 Prozent steigern, auf 1,76 Milliarden Euro. Und das, obwohl er sich dort nur um die Damenmode kümmerte.

Auf der anderen Seite kritisierte Simons nicht nur im Gespräch mit dem Magazin der F.A.Z. die Schnelllebigkeit der Mode. Auch mit seiner eigene Marke setzt der Modemacher so ein Zeichen dagegen. Statt sich in diversen Resort-, Vorherbst- und Hochsommer-Linien zu verlieren, konzentriert sich der studierte Möbeldesigner, der 1968 in Flandern geboren wurde und erst über ein Praktikum bei Walter Van Beirendonck zur Mode kam, auf zwei Kollektion im Jahr, auf Frühjahr und Sommer. Nebenbei arbeitet Simons lieber an anderen Projekten, wie etwa Stoffe für Kvadrat zu entwerfen. „Bei Dior hatte ich anfangs noch sechs Wochen Zeit für eine Kollektion, dann wurde es immer weniger, manchmal war es nur ein Monat“, erzählte er im Interview.

Kinostart - "Dior und ich" © dpa Vergrößern Das Unternehmen Dior konnte seine Umsätze unter Raf Simons um 18 Prozent steigern – gelingt das auch bei Calvin Klein?

In Anbetracht des Arbeitsvolumens, das bei Calvin Klein mit den zahlreichen Sub-Marken des Unternehmens ansteht, wird er zwar nicht weniger beschäftigt sein, zugleich ist es aber gut möglich, dass PVH die Calvin-Klein-Collection, also die Laufsteg-Linie mit ihren kreativen Herausforderungen, künftig ernster nehmen wird. Calvin-Klein-Chef Steve Shiffman sprach am Dienstag jedenfalls von einem „bedeutsamen neuen Kapitel“.

Seit Calvin Klein persönlich habe sich kein Designer mehr allein um die Marken gekümmert. Der hatte das von ihm im Jahr 1968 gegründete Haus 2003 an den PVH-Konzern verkauft, für damals 400 Millionen Dollar in bar, 30 Millionen in Form von Aktien sowie 300 Millionen für Lizenzeinnahmen in den Folgejahren. „Ich bin mir sicher, dass die Entscheidung bedeutsam für die Zukunft der Marke sein wird“, sagte Shiffman im Hinblick auf die neue Personalie, mit der nach Schätzungen ein Jahresgehalt von 18 Millionen Dollar vereinbart wurde. Und mit der wiederum die Gewinne von 8 Milliarden auf 10 im Jahr gesteigert werden sollen.

Simons kann dem Erbe Sinn geben

Eine etwas andere Größenordnung also als die schon nicht gerade mickrigen 1,76 Milliarden Euro bei Dior. Trotzdem dürfte es für dieses Vorhaben zumindest aus kreativer Sicht keinen passenderen Designer geben: Raf Simons hat zum einen, mit seiner Arbeit bei Dior, bereits gezeigt, dass er dem Erbe einer Traditions-Marke im Hier und Jetzt Sinn geben kann. Symbol dafür war die Bar-Jacke, die klassische taillierte Dior-Jacke, die er gleich in seiner ersten Couture-Kollektion und dann immer wieder über den Laufsteg schickte, in leichter Variation von längst Vergangenem.

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Die perlenbestickten Sneaker, die Overknee-Stiefel, die Doppelperlen-Ohrringe, die Catsuits und Jumpsuits mit animalischen Mustern gaben der Marke trotz aller Traditionsverliebtheit einen supermodernen Touch. Zum anderen übernimmt Simons aber auch nicht zum ersten Mal das Haus eines vom Minimalismus geprägten Gründers. Was wäre Calvin Klein ohne Jeans, Tanktops und hauchdünne Slipdresses? Oder umgekehrt: Was wären Jeans, Tanktops und hauchdünne Slipdresses ohne Calvin Klein?

Sehr wahrscheinlich also, dass Raf Simons eine Generation Calvin-Klein-Designer überspringen wird, nämlich jene von Francisco Costa, und sich stattdessen den Codes des Mannes Calvin Klein annehmen und sie weiterdrehen wird. Jene, die bis heute für das Haus stehen, sich also auch in neuer Form ebenso unkompliziert in passende Marketing- und Verkaufs-Strategien umsetzen lassen. 

Einen ersten Eindruck davon gibt es im Februar 2017, wenn Raf Simons seine erste Kollektion während der New Yorker Modewoche zeigt. Dem Vernehmen nach ist Simons bereits vor einem Monat umgezogen.

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