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Osteuropa-Design : Möbel nach Vorschrift

  • -Aktualisiert am

Wegner? Oder Aalto? Weder noch. Den Namen Edmund Homa sollte man sich merken. Bild: Politura

Trotz Mangelwirtschaft und schlechtem Geschmack der Kader sind auch im Osten schöne Mid-Century-Möbel entstanden. Manche gingen nie in Produktion. Zwei junge Polen haben sie nun wiederentdeckt.

          Seit die Möbel der Jahrhundertmitte wieder allgegenwärtig sind, begegnet man auch ihren Designern auf Schritt und Tritt – Eames, Bertoia, Wegner, Jacobsen, Nelson, Aalto, Ponti und Prouvé scheinen fast schon zum Bekanntenkreis zu gehören. Ohne nachzudenken wird Alvar Aalto mit Doppel-A geschrieben, Jean Prouvé mit Accent aigu und Ray und Charles Eames tauchen eigentlich nur gemeinsam auf. Das gilt erst recht für ihre Werke: Wenn die Begriffe Barcelona oder Aluminium Chair, Tulpenstuhl oder Ei fallen, hat fast jeder Designfan ein Bild im Kopf.

          Bei der Breite des Mid-Century-Sortiments fällt kaum auf, dass der Blick nur Richtung Westen und Norden geht, vielleicht noch nach Süden. Selbst die Standardwerke zur Epoche zeigen keinen Entwurf aus dem Ostblock. Das Design zwischen Zweitem Weltkrieg und der Wende scheint verschluckt – verborgen hinterm dem Eisernen Vorhang. Bis heute. War das denn alles so unansehnlich? Gab es da keine talentierten Kreativen? Entstanden dort keine Designklassiker?

          In Berlin-Neukölln sitzt der Pole Michael Szarko, 32 Jahre, Seitenscheitel, perfektes Deutsch, in einem Sessel im Stil der Fünfziger. Auch um ihn herum einzelne Möbelstücke, die auf die Mitte des Jahrhunderts verweisen: Sessel, Stühle, ein Couchtisch. Schlicht, klare Linien, irgendwie skandinavisch? Im ersten Moment vertraut, bei genauerem Hinschauen aber doch unbekannt. Tatsächlich kommen diese Möbel aus dem Osten. Seit Jahren in Deutschland lebend, fiel dem Event-Manager Szarko auf, dass hierzulande keiner etwas mit polnischem Design anfangen kann. Dabei beginnt Polen nicht einmal achtzig Kilometer hinter Berlin. Gemeinsam mit einem Schulfreund aus Stettin gründete er das deutsch-polnische Unternehmen Politura, eine Manufaktur für die Designklassiker ihrer Heimat. Anfangs kauften Michael Szarko und Przybyrad Paszyn nur Vintage-Möbel an und arbeiteten sie auf. Heute produzieren sie selbst, fertigen Reeditionen in Lizenz.

          Möbelrecherche über alle Kanäle

          Grund für diese Entwicklung war vor allem Neugier: zuerst die der anderen, dann die eigene. Immer mehr Interessierte kamen in ihren Berliner Showroom, fragten, woher die einzelnen Stücke kamen, wer sie entworfen hat. Aber sogar sie als Polen wussten es nicht. Möbel ohne Namen, ohne Designer, ohne Geschichte? „Das hat uns selbst genervt – und motiviert“, sagt Szarko. Die Politura-Gründer machten es sich zur Aufgabe, das zuzuordnen, was man „noch bei Oma auf dem Dachboden findet“. Sie begannen zu recherchieren, über alle Kanäle: Internet, Bekanntenkreis, Institutionen, Bibliotheken, Staatsarchive, Zeitzeugen. Sie reisten durchs ganze Land, sprachen mit Leuten, die etwas wussten, jemanden kannten, der etwas wusste. So lernten sie nach und nach die Menschen hinter den Möbeln kennen, trafen die Designer oder deren Familien.

          Der entscheidende Unterschied zwischen dem Mid-Century des Westens und des Ostens ist die Anonymität des Designs. Wenn überhaupt, ist bekannt, welcher Betrieb ein Möbelstück produziert, nicht aber, wer es entworfen hatte. Schließlich ging es hinter dem Eisernen Vorhang weniger um den Einzelnen als um die Gemeinschaft. In der Regel gab es auch keine Modellnamen, nur Nummern und sowieso keine Marken. Die Unterlagen zu den einzelnen Möbelstücken, die weiterhelfen könnten, wurden zwar einst sorgsam aufbewahrt, doch nach der Wende schnell vernichtet.

          Während der Suche ergab sich ein neues Ziel: nicht nur die Designer ausfindig zu machen, sondern auch vergessene Entwürfe auf den Markt bringen. „Mit dem Stuhl von Professor Homa fing eigentlich alles an“, erinnert sich Michael Szarko. Er meint einen antilopenhaften Holzstuhl mit schmaler, hoher Lehne, der hinten im Showroom auf einem Podest steht. Elegant, ein wenig hochnäsig fast, gebogen und gestreckt zugleich. Ein stolzer Stuhl. Irgendwie unbeugsam.

          Einst verboten, heute begehrt: Stuhl H106
          Einst verboten, heute begehrt: Stuhl H106 : Bild: Politura

          Seit den sechziger Jahren gab es ihn nur als Prototyp, der die meiste Zeit, mit dem Stempel „Nicht zugelassen“ versehen, im Lager einer Möbelfabrik stand. Denn es durfte in der Volksrepublik nur produziert werden, was eine zentrale Kommission der Möbelindustrie abgenickt hatte. Das Gremium aus Fachleuten und Parteimitgliedern befand aber, dieser Stuhl sei zu ausgefallen für die sozialistische Gesellschaft. Zu fein: kein Arbeiterstuhl. Zu kompliziert: nicht billig herzustellen. Ohnehin nicht massentauglich. An ein Argument erinnerte sich Edmund Homa besonders gut: Sitzt ein Soldat oder Offizier auf diesem Stuhl, könnten beim Aufstehen seine Knöpfe an den Streben der Rückenlehne hängenbleiben. Homa war entsetzt, aber hilflos.

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