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Veröffentlicht: 10.03.2017, 11:59 Uhr

Pariser Modewoche It’s the styling, stupid

Auf der Pariser Fashion-Week stellt Modeschöpfer Jean Touitou den Sinn von Designermode in Frage. Geht es in dieser Saison auf den Schauen überhaupt noch um die Kleidung?

von und , Paris
© Helmut Fricke Im Palais de Chaillot: Hermès zeigt sich für den Winter überraschend robust.

Er hat lange genug auf diesen Auftritt gewartet. Jean Touitou ergreift vor der Schau in der Zentrale seiner Marke A.P.C. das Mikrofon und hält eine programmatische Rede. Heute feiert er dreißigjähriges Firmenjubiläum, und zum ersten Mal steht er auf dem offiziellen Schauenkalender der Modekammer. Den Sinn von Designermode will er trotzdem nicht so richtig verstehen, erst recht nicht in diesen Zeiten. „Kleidung wird zum Konzept“, sagt der Mann, der durch Jeans, Trenchcoats, Strick und überhaupt tragbare Mode bekannt wurde. „Vor 40 Jahren konnte man mit Modeleuten nicht über Politik reden“, sagt er, „und heute kann man es auch nicht.“

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Am Ende der fünfwöchigen Modesaison, die über New York, London und Mailand nach Paris führte, wird hier endlich einmal nicht der Überfluss inszeniert, sondern das Ungenügen artikuliert. „Es gibt ja auch noch die Realität“, ruft Jean Touitou den Hunderten Gästen im zweistöckigen Atrium der Firmenzentrale an der Rue Madame zu. „Aber die Mode treibt mich in eine melancholische Indifferenz.“

45220472 © Helmut Fricke Vergrößern In der Salle Richelieu: Louis Vuitton inszeniert die Herbstkollektion im Skulpturensaal des Louvre.

Meint er womöglich die großen Marken mit ihren Riesenschauen, die in dieser Saison mal wieder zeigen, was sie können? Louis Vuitton hat sich doch wirklich ins Herz des Louvre eingemietet. In der Salle Richelieu laufen die Models und am Ende Designer Nicolas Ghesquière minutenlang die Zuschauer ab – so groß ist die Skulpturenhalle. Bei Chanel zündet am Ende eine 37 Meter hohe Rakete, die dem Saturn-Trägersystem nachgebildet ist, und sie hebt wirklich ein paar Meter ab, indem sich das Triebwerk über die Nutzlast schiebt. „Gut, oder?“, fragt Modeschöpfer Karl Lagerfeld nach der Schau. „Der Trick ist eine Plexiglassäule in der Mitte, die man gar nicht sieht.“ Die Berliner Designerin Nobieh Talaei strebt gar noch höher: Sie lädt in die American Cathedral ein – und die Modenschau wird zu einer Art profanisierter Eucharistiefeier.

© Johannes Krenzer, F.A.Z. Modewoche in Paris: Ich will da rein

Ganz schön hoch gegriffen. Aber das ist es eben. Drückt sich in der Tendenz zum Groß-Event der Zweifel an der eigenen Wirkung aus? Stil-Ikone Inès de la Fressange meint nach der Chanel-Schau: „Wunderbar! Aber achtet man dann eigentlich noch auf die Kleidung?“

Alles scheint wichtiger als die Mode selbst

Also zurück auf Start, zurück zur simplen Faszination fürs Kleidungsstück. Es hat seinen Grund, wenn zum Beispiel Nadja Auermann hier zu sehen ist, in den Neunzigern eines der Supermodels, bekannt auch für ihre sagenhaft langen Beine, und jetzt eine Frau von 45 Jahren. „Für Dries bin ich natürlich gekommen“, sagt sie. Die Kameramänner rufen nach der Schau „Nadja, Nadja, Nadja“, und schon steht sie neben Dries van Noten, dem Modemacher aus Antwerpen, der gerade seine hundertste Schau präsentiert hat. Neben ihr Amber Valletta, Carolyn Murphy und Alek Wek – Frauen, die Legenden sind und für den fast schüchternen Designer alte Bekannte.

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Eröffnet hat die Schau Kristina de Coninck. „Das musste so sein. Sie hat schon in den achtziger Jahren für mich gearbeitet“, sagt der Achtundfünfzigjährige. Das Jubiläum ist eine Ode an diese Frauen und an die Mode. 50 Blumendrucke hat er aus dem Archiv geholt und neu aufgelegt. So einfach geht’s auch.

Der Auftritt ist auch ein schöner Gegenbeweis zu der Kritik an der Szene, die in Umlauf gekommen ist. Casting-Agent James Scully behauptet, bei Balenciaga habe man die Models stundenlang auf einem dunklen Flur warten lassen, bei Lanvin habe man nur weiße Frauen in der Schau laufen lassen wollen (am Ende waren unter den 42 Models zwei Schwarze und zwei Asiatinnen).

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