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Weihrauch als Parfüm : Alter Duft, neu entdeckt

  • -Aktualisiert am

Eines der ältesten Parfums: Weihrauch in einem Gottesdienst in Bayern. Bild: dpa

Als Sinnbild für die Anwesenheit Gottes und des Heiligen Geistes war Weihrauch lange Zeit der Kirche vorbehalten. Dabei teilt es sich seinen Ursprung mit Parfum. Immer mehr Menschen wollen jetzt so riechen.

          Ein kleines Labor hinter einer Galerie im Berliner Bezirk Schöneberg. Nach Jahren als Parfümeurin in Paris kredenzt Marie Le Febvre hier Düfte für Privatkunden und für ihre Linie Urban Scents. Bis auf eine Wand, an der sich über 300 dunkelgrüne Apothekerflaschen und Tiegel reihen, wirkt es – wie es in Labors eben so üblich ist – eher kalt. Doch als Le Febvre den ersten Spritzer ihrer Kreation „Singular Oud“ auf die Haut sprüht, wird es warm in dem steril anmutenden Raum.

          Es kommt ein intensiver holziger Geruch auf, der von einer zitronigen Note abgelöst wird und im Nachgang nach Weihrauch riecht, als würde sich gerade der Reichtum des Orients mit einer westlichen Modernität vermischen. „Es ist ein bisschen wie Kochen“, schmunzelt die Parfümeurin. „Manchmal kann man das ganze Rezept durch die Variation einiger weniger Zutaten komplett verändern.“

          Draußen mag es gelegentlich schon nach Frühling riechen. Aber hier drinnen duftet es trotzdem nach einer der markantesten Parfum-Noten dieser Tage - nach dem schweren, warmen Weihrauch. Immer mehr Menschen wollen so riechen, und das ganz unabhängig von kalten Tagen oder der Adventszeit.

          Droge gegen schlechte Gerüche

          Das japanische Avantgarde-Modehaus Comme des Garçons hat die Omnipräsenz von Weihrauch in der japanischen Tempelkultur zum Anlass genommen, eine ganze Serie von „Incense“-Parfums zu schaffen. Auch neuere Dufthäuser greifen für kantige Zusammensetzungen auf den alten Stoff zurück: Jo Malone hat jetzt mit „Incense & Cedrat“ eine frische Version von Weihrauch herausgebracht.

          Das Nischenhaus Morph hat mit „Nudo“ einen ungewöhnlichen Duft kreiert, der nach eigener Beschreibung gleichzeitig heilig und profan sein soll (was immer das heißen mag). Mad et Len, junge Pariser Parfümeure, deren Produkte man vornehmlich in Concept-Stores findet, haben ebenfalls einen Weihrauch-Duft. Und das Haus Goti, das mit der florentinischen Pharmazie Santa Maria Novella zusammenarbeitet, hat für sein Konzeptparfum „Smoke“ Weihrauch als Hauptbestandteil genommen.

          Gut möglich, dass sich unsere Sinne langsam an den schweren Duft gewöhnen. „In den vergangenen zwei Jahren gab es einen großen Oud-Trend“, erzählt Le Febvre über den intensiven Duft, für den Öl aus dem Harz des Adlerbaums gewonnen wird. „Oud könnte in gewisser Weise ein Vorbote für andere orientalische Ingredienzen sein, zum Beispiel für Weihrauch.“ Obwohl, so räumt die Parfümeurin ein, „Weihrauch neben Myrrhe eines der ältesten Parfums ist und schon immer da war“. Wenn auch kaum in der Form wie heute, in Flakons, die in kleinen Badezimmerschränken in Großstadtapartments stehen, auf der Haut von Menschen, die als letzten Schliff des eigenen Stilempfindens sehen, wie sie riechen.

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          In der Erinnerung des Abendlandes war der heilige Rauch als Sinnbild für die Anwesenheit Gottes und des Heiligen Geistes lange Zeit der Kirche vorbehalten, für Messen und als Meditationshilfen für Mönche. Aber seine Geschichte ist sehr viel älter und teilt sich den Ursprung mit Parfum, auch etymologisch gesehen. Das englische „incense“ und das französische „encens“ leiten sich von „in censum“ ab, was so viel bedeutet wie „verbrannt“ oder „verglüht“. „Per fumus“ übersetzt sich in „durch den Rauch“ – ursprünglich wurde Duft demnach durch Verbrennen geschaffen. In Sprachen wie Altgriechisch oder Chinesisch gibt es sogar nur ein Wort, das Duft, Parfum und Weihrauch beschreibt.

          Auch die Ursprungsorte sind gleich: der Nahe Osten, Indien, Ägypten. Schon vor 4000 Jahren entstand die Weihrauchstraße als eine der ersten Handelsrouten der Welt, um das Harz von den Weihrauchbäumen aus seiner Ursprungsregion im heutigen Oman in den Jemen zu transportieren, nach Hedschas, Gaza und Damaskus. In ganz Vorderasien, aber auch in Indien und um das Horn von Afrika finden sich jahrtausendealte Relikte.

          So hat man in der großen Cheopspyramide Tempelweihrauch gefunden, ebenso wie im Sarkophag Tutanchamuns zur Mumifizierung. Die Königin von Saba soll ihn als Parfum benutzt haben und Hippokrates, um eine Plage aus Athen zu vertreiben. Weihrauch wurde nicht nur für rituelle Zwecke genutzt, sondern auch als Heilmittel, als psychoaktive Droge, zur Verdeckung schlechter Gerüche - und war damit den französischen Parfums um Jahrtausende voraus.

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