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Trendhaarfarbe : Warum Grau das neue Blond ist

Auf kuriose Art natürlich: Bloggerin Sedgwick mit ihrem Grau-Haar-Look Bild: Masha Sedgwick

Wer hip sein will, färbt sich in diesem Frühjahr die Haare zum „Granny Style“. Zwei junge Frauen erzählen, wie er ihr neuer Look wurde.

          Siehst du, dieses junge Fräulein hier färbt sich die Haare grau“, sagte die alte Dame im Bus zu ihrem neben ihr sitzenden Mann. „Also muss ich mir die Haare doch nicht mehr blond färben!“ Ivania Carpio, eine 26 Jahre alte Modebloggerin aus dem niederländischen Utrecht, lacht, als sie diese Anekdote erzählt. Die alte Dame, die ihr damals, vor fünf Jahren, im Bus gegenübersaß, war allerdings die Einzige, die Carpios frisch grau gefärbte Haare damals gut fand. „Alle anderen haben mich ausgelacht und mit dem Finger auf mich gezeigt.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute ist das anders. Seit sich in den letzten Wochen und Monaten Rihanna, Pink, Lady Gaga oder auch Kelly Osbourne und Nicole Richie mit grau gefärbten Haaren in der Öffentlichkeit gezeigt haben, ist „Granny Hair“ (Oma-Haar) bei jungen Frauen der letzte Schrei oder auch „das neue Blond“. Die Internetplattformen Instagram und Pinterest werden geflutet von Aufnahmen junger Mädchen mit grauen Haaren, und auch Carpio erntet heute Lob und Bewunderung von den gleichen Leuten, die sie damals ausgelacht haben.

          Die Berliner Mode-Bloggerin Masha Sedgwick, 26, die seit Oktober letzten Jahres Grau trägt, sagt: „Selbst Menschen, die das sonst eher nicht so toll finden, sagen, dass es mir ganz gut steht.“

          Auch Udo Walz findet graues Haar hip

          „Grau gefärbtes Haar ist hip“, weiß der Berliner Promi-Friseur Udo Walz. „Die jungen Mädchen wollen ja jedes Jahr was Neues, und jetzt wollen sie eben grau werden.“ Die meisten wollten einen leicht bläulichen Schimmer, wie ihn früher „die alten Damen aus Amerika“ gehabt hätten. „Ich verstehe es nicht“, sagt Walz. „Ich sage diesen Mädchen: ,Da wisst ihr jetzt schon, wie ihr in zwanzig oder dreißig Jahren ausseht.‘“ Einen Frauentyp gibt es aber, bei dem er sich das gut vorstellen kann: „Wenn eine Frau richtig hip und selbstsicher ist und Allüren hat, so wie Kate Moss.“ Bei allen anderen sei Grau aber eher ein trauriger Anblick.

          Verstörend schön: Ivania Carpio Bilderstrecke
          Verstörend schön: Ivania Carpio :

          Modebloggerin Carpio ist ein Typ, dem Grau steht. In ihrem Mode-Blog „Love Aesthetics“ präsentiert sie sich weiß gekleidet vor weißem Hintergrund, mit silbergrauem Haar. Und sieht dabei verstörend schön aus. Jugendlichkeit und Alter prallen auf dem Foto aufeinander, man sucht unwillkürlich nach dem Fehler und stolpert dann doch nur über seine eigenen Erwartungen. Ein Spiel, das die jungen Frauen mit den grauen Köpfen bewusst spielen. Sie wollen auffallen.

          Der Preis dafür ist hoch. Denn um Haare silbergrau färben zu können, muss man sie zunächst weiß färben, ihnen also alle Farbpigmente entziehen. „Kein Kunde kann sich vorstellen, was man da mit dem Haar macht“, sagt die Hamburger Friseurmeisterin Marlies Möller, die Salons in Hamburg, Hannover, Düsseldorf und Palma de Mallorca betreibt. „Die Verantwortung dafür übernehme ich nicht.“

          Diese Erfahrung hat auch Ivania Carpio gemacht. Sie fand vor fünf Jahren keinen einzigen Friseur, der ihr die Haare grau färben wollte. Also machte sie es kurzerhand selbst - und ihre Haare brachen. Inzwischen hat sie durch viel Herumexperimentieren herausgefunden, welche Färbemittel, Einwirkzeiten und Pflegeprodukte sie kombinieren muss. „Manchmal wird es noch ein bisschen blaustichig, manchmal ein bisschen lilastichig, aber der Grundton Grau bleibt inzwischen immer“, erzählt sie.

          Sie will für immer grau bleiben

          Allerdings hatte sie auch schon lange vorher Erfahrung mit dem Färben. Von Natur aus ist sie dunkelblond, doch sie färbt sich die Haare seit ihrem elften Lebensjahr, immer wieder in anderen Farben. Jetzt aber will sie für immer grau bleiben: „Ich mag auch in der Mode die Farben Grau, Weiß und Schwarz, und ich finde wirklich, dass graue Haare toll aussehen. Außerdem bin ich doch erwachsen, ich muss doch nicht jung aussehen, um cool zu sein.“

          Auf die Idee gekommen sei sie, als sie zum ersten Mal das Model Kristen McMenamy, 50 und grauhaarig, auf dem Laufsteg gesehen habe. „Da dachte ich: Manche Trends sehen alt aus und sind trotzdem cool. So will ich auch aussehen.“ Sedgwick, die Mode-Bloggerin aus Berlin, sagt über ihre Motivation: „Graues Haar bei jungen Frauen ist ungewöhnlich, aber nicht so künstlich wie eine bunte Haarfarbe, sondern auf eine kuriose Art natürlich.“

          Dass hinter Grau auf prominenten Köpfen auch noch ein anderes Interesse steckt, ist offensichtlich: Denn Medienresonanz ist einer bekannten jungen Frau gewiss, wenn sie von Blond zu Silbergrau wechselt anstatt zu Rot oder Schwarz. Als junge Frau das Haar grau zu färben bleibt paradox. Der Subtext dieses Looks könnte lauten: Guckt her, ich bin so jung und selbstbewusst, dass ich mir freiwillig das zulege, was die Alten mit aller Gewalt ablegen wollen.

          Quelle: F.A.S.

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