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Shoppen in Berlin : Das KaDeWe wird viergeteilt

Gedrehte Rolltreppen: So sieht der Entwurf der Rotterdamer Architekturfirma OMA für den Umbau des KaDeWe aus. Bild: OMA

Das größte kontinentaleuropäische Kaufhaus wird in den nächsten Jahren einen epochalen Umbau erleben. Architekt Rem Koolhaas entwirft es neu. Die zukünftige Aufteilung soll dann auch ein Problem beseitigen, das jeder Shopper beim Bummel in Kaufhäusern hat.

          Vittorio Radice kann es nicht fassen: „Wir haben das größte Restaurant in Berlin – und es ist sonntags geschlossen.“ Und nicht nur das: „In der Woche ist hier mit dem Ladenschluss Ende“, sagt der italienische Manager und zeigt auf die Spezialitätenauslagen im sechsten Stock des KaDeWe. In Mailand, wo er schon das Kaufhaus La Rinascente modernisiert hat, sieht das anders aus: „Letzte Bestellung im Restaurant um 24 Uhr, geöffnet ist bis ein Uhr nachts.“

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Wenn es nach Vittorio Radice geht, wird das bald auch im „Kaufhaus des Westens“ so sein. Denn der Chef des Verwaltungsrats der Kaufhauskette La Rinascente, die im Besitz der thailändischen "Central Group" ist und im vergangenen Juni die Mehrheit an der KaDeWe Group übernahm (zu der auch das Alsterhaus in Hamburg und der Oberpollinger in München gehören), ist nun auch der Chef des größten kontinentaleuropäischen Warenhauses. Gemeinsam mit der österreichischen Signa Group, die 49 Prozent hält, wird er bei laufendem Betrieb einen epochalen Umbau des Einkaufspalasts am Tauentzien vorantreiben, der in den nächsten Jahren einen hohen dreistelligen Millionenbetrag verschlingen wird.

          Woher komme ich? Wohin gehe ich?

          Bei Tafelspitz vom Simmentaler Ox und Armem Ritter vom Guglhupf erklärt der Manager am Montagabend einer Journalistenrunde, welche grundstürzenden Neuerungen das im Jahr 1907 gegründete Haus im Westen der Hauptstadt in den nächsten sechs bis sieben Jahren zu gewärtigen hat. Dass Orientierung nicht schlecht wäre, erkennt man schon auf dem Weg vom Aufzug zur üppig dekorierten Dinner-Tafel. Die existentiellen Fragen des Lebens bekommen nämlich auf den real existierenden sechs Hektar Verkaufsfläche eine neue Bedeutung: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wo ist die Toilette?

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          Dieses komplizierte Gebäude soll neues Charisma bekommen, ohne auf dem Weg dahin auch nur einen einzigen der 10 Millionen Besucher pro Jahr zu verschrecken. Dafür hat der italienische Manager, der in London lebt und dort das Kaufhaus Selfridges modernisiert hat, den Architekten Rem Koolhaas verpflichtet, der mit seiner Firma OMA neben prestigeträchtigen Großaufträgen wie dem CCTV in Peking auch schon viele Gebäude mit kommerziellen Zwecken entworfen hat.

          Koolhaas aber ist an diesem Abend für die Theorie gekommen. In den Neunzigern habe er erkannt, dass die freie Marktwirtschaft alles beherrschen wird, auch die bisherige Planwirtschaft, sagt der niederländische Architekt, der auch Professor in Harvard ist und im „Harvard Design School Guide to Shopping“ die Karriere des Shoppens beschrieben hat. „Im 19. Jahrhundert wurde das Einkaufen zum Stadterlebnis“, sagt Koolhaas. Die Kaufhäuser schließlich, die vor gut einem Jahrhundert entstanden, seien „das Shopping-Modell schlechthin“ gewesen. Die heutigen Zeiten des Online-Shoppings, der Billig-Ketten und der Flagship Stores großer Marken scheint der Architekturtheoretiker bannen zu wollen, indem er die Erfindungen aufzählt, die erst durch Kaufhäuser bedeutend wurden – wie die Drehtür, die Kreditkarte oder die Rolltreppe.

          Die Identität des Hauses zurückgewinnen

          Verräterisch das Bild von den Galéries Lafayette in Paris, das Koolhaas an die Wand wirft, ohne es zu benennen: „Das hier hat nichts mit dem KaDeWe zu tun“, meint er lachend. Aber es hat natürlich sehr viel damit zu tun, wie man später aus den Worten des OMA-Partners Ippolito Pestellini Laparelli hört. Denn so wie das paradigmatische Pariser Kaufhaus um die zentrale Galerie-Halle angeordnet ist, so wird sich im KaDeWe in Zukunft alles um vier verschiedene Atrien drehen. Hier wie da soll die architektonische Überwältigung die Banalität des Kaufvorgangs vergessen machen. Außerdem geht es Koolhaas darum, „die Identität des Hauses zurückzugewinnen – von den Marken, die es in seiner Bedeutung nicht dominieren sollten“.

          In vier Quadranten unterteilt der Entwurf das KaDeWe. Jeder Quadrant soll sich durch Materialien vom anderen unterscheiden und so bei der Orientierung im Gebäude helfen.
          In vier Quadranten unterteilt der Entwurf das KaDeWe. Jeder Quadrant soll sich durch Materialien vom anderen unterscheiden und so bei der Orientierung im Gebäude helfen. : Bild: OMA

          Für die Ausführung also ist der italienische Architekt Ippolito Pestellini Laparelli zuständig, der sich mit Vittorio Radice viel vorgenommen hat. Das Kaufhaus wird gewissermaßen durch kreuzförmige Schnitte in vier Quadranten eingeteilt. Jedes dieser Viertel bildet eine Art Turm mit einem Atrium in der Mitte, so dass man sich dank kleinerer Geschossflächen und über die vertikale Gliederung leichter orientieren kann. Jedes Atrium ist anders gestaltet, teils mit schräg versetzten Rolltreppen wie im Frankfurter „MyZeil“, teils streng geordnet. Auch verschiedene Materialien und Oberflächen sowie ein eigener Eingang für jeden Quadranten helfen bei der Orientierung. „Man soll immer wissen, wo man ist“, meint Laparelli hoffnungsfroh.

          Wer also schon immer den Eindruck hatte, dass das KaDeWe mehr als ein Kaufhaus ist, der wird in Zukunft Recht bekommen: Dann sind es nämlich vier Kaufhäuser in einem. Obenauf wird noch eine „urbane Erfahrung“ gesetzt: Etwa ein Viertel der Gesamtfläche des Gebäudes wird dann von einer Stahl-Glas-Konstruktion überdacht, die Aussichtspunkt und Anziehungspunkt werden soll. Das Wörtchen „soll“ allerdings darf hier nicht fehlen: Die Berliner Bürokratie hat schon ganz andere Projekte blockiert. Gegen die Innenausbauten bei laufendem Betrieb wird sie wenig einwenden können. Aber der gläserne Aufbau – der könnte einfach zu toll sein.

          Quelle: FAZ.NET

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