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Hedwig Bollhagen : Ton, Stein, Erbe

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Mit den Schätzen: Alexander Grella (links) und Lars Dittrich auf dem Dachboden der Manufaktur Bild: Andreas Müller

In Marwitz in Brandenburg arbeiten neue Eigentümer in den alten HB-Werkstätten am Erbe der Keramikerin Hedwig Bollhagen. Auch die Geschichte der Manufaktur im Nationalsozialismus treibt die beiden Unternehmer um.

          Hedwig Bollhagens Schatzkammer ist unter dem Dach. Eine enge, steile Treppe führt nach oben, die Tür knarzt filmreif, und da sind sie, die Schätze der HB Werkstätten für Keramik: Pötte, wie Bollhagen in ihrer schnodderigen Art gesagt hätte. Auf dem Boden, in Kisten, in Regalen: überall Pötte, mehrere Räume voll. Vasen, Kannen, Schalen, Teller, Tassen. Blauweiß, schwarzgrün, schwarzgelb, gestreift, gepunktet, geritzt. Durch die Fenster fällt schräg die Nachmittagssonne auf den Ertrag eines Keramikerinnen-Lebens.

          Mehr als 60 Jahre lang hat Hedwig Bollhagen in dem alten Backsteingebäude in Marwitz ihre Manufaktur betrieben. Und über all die Jahre Experimente, Probestücke und Designvorlagen hier oben auf dem Dachboden gesammelt. Ein Teeservice mit eingedrückten Seiten und Terrakotta-Vasen mit dicker weißer Glasur wie Zuckerguss. Nach Typ und Größe sortiert, mit einer dünnen Staubschicht überzogen, warten sie darauf, wiederentdeckt zu werden. Der Dachboden ist zu einer Art geflügeltem Wort geworden für die jetzigen Eigentümer der Werkstätten, Lars Dittrich und Alexander Grella. Der Dachboden ist Schatzkammer und Rückversicherung zugleich. Er ist der Fundus, aus dem heraus sie die Marke Hedwig Bollhagen weiterentwickeln wollen. „Wir haben über 500 Formen und über 600 Dekore“, sagt Grella, der zugleich Geschäftsführer des Unternehmens ist. „Es gibt so viele Varianten. Eigentlich müssen wir nur entscheiden, welche wir nun ins Sortiment aufnehmen.“

          Aus dieser alten Küche kann man doch was machen: Am Fortleben der Keramikerin wird jedenfalls schon lasiert, geschleift und geritzt. Bilderstrecke
          Aus dieser alten Küche kann man doch was machen: Am Fortleben der Keramikerin wird jedenfalls schon lasiert, geschleift und geritzt. :

          Im Jahr 2013 sind die beiden angetreten, den Keramik-Werkstätten in Marwitz nordwestlich von Berlin eine Zukunft zu geben. Nach dem Tod der Gründerin und Matriarchin Hedwig Bollhagen im Jahr 2001 folgte eine Phase der Unsicherheit mit wechselnden Eigentümern. Oder wie es eine langjährige Mitarbeiterin sagt, während sie gebrannte Gefäße vom Ofenwagen herunternimmt: „Wir haben so manchen kommen und gehen sehen.“ Einige der rund 35 Mitarbeiter sind seit 30 oder sogar 40 Jahren im Unternehmen, sie haben noch bei „HB“ gelernt, wie Bollhagen hier alle nennen. Andere erzählen, dass schon Vater oder Mutter in den Werkstätten arbeiteten. Lars Dittrich und Alexander Grella jedenfalls sind gekommen, um zu bleiben. „Wir wollen den Betrieb wirtschaftlich so aufstellen, dass die Idee weitergeführt werden kann“, sagt Dittrich. „Aber gleichzeitig soll er kostendeckend funktionieren. Das ist eine Herausforderung, für die es einen langen Atem braucht.“ Es ist ihm wichtig zu betonen, dass die Werkstätten kein Liebhaber-Projekt sind. Das Ziel: möglichst bald schwarze Zahlen zu schreiben.

          Das Geld für den Kauf haben die Schulfreunde aus dem Nachbarort Hennigsdorf in einer ganz anderen Branche verdient. Sie hatten Mitte der Neunziger als Studenten eine Firma für den Vertrieb von Mobiltelefonen gegründet. In wenigen Jahren wurde daraus ein Unternehmen mit mehr als 60 Filialen, sie belieferten Geschäfts- wie Privatkunden. 2006 verkauften sie mit Millionengewinn an Debitel, Dittrich blieb bis 2009 im Vorstand. Seitdem mischt er als Unternehmer und Investor in verschiedenen Bereichen mit, in der Immobilienbranche wie im Film. 2015 koproduzierte er die Hitler-Komödie „Er ist wieder da“. Außerdem ist er Partner in der Berliner Galerie Dittrich & Schlechtriem. Warum aber engagieren sich die beiden Unternehmer in Marwitz, wo sie sich herumschlagen müssen mit zerbrechlichen Produkten, mit immer strengeren Normen und mit Stammkunden, die nicht verstehen, dass sie heute so viel mehr für eine Teetasse bezahlen sollen als vor 20 Jahren? Sie wollten etwas zurückgeben, sagt Dittrich. „Wir haben hier in dieser Region mit vielen Mitarbeitern einen ganz großen Erfolg geschafft“, sagt er mit Blick auf das erste Unternehmen. Die Manufaktur kennen beide noch aus ihrer Kindheit. Grella erinnert sich, dass Hedwig Bollhagen selbst hinter dem Tresen stand, wenn er den Werksverkauf besuchte.

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