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Hedwig Bollhagen : Ton, Stein, Erbe

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Denn Bollhagen baute ihre Firma keineswegs aus dem Nichts auf. Sie übernahm den stillgelegten Betrieb der jüdischen Keramikerin Margarete Heymann-Loebenstein, die in den zwanziger Jahren mit ihren Haël-Werkstätten große Erfolge gefeiert hatte. 1933 musste Loebenstein schließen, sie wurde bedroht und sah im Nationalsozialismus keine Perspektive mehr. Außerdem lief der Betrieb infolge der Weltwirtschaftskrise schlechter. Im April 1934 stimmte sie schließlich dem Verkauf zu, unter Wert, wie das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam 2008 feststellte.

Geschichte der Manufaktur erforschen

Der neue Eigentümer, NS-Handwerksfunktionär Heinrich Schild, übertrug die Leitung Hedwig Bollhagen, die er schon länger als Mentor begleitet hatte. Heymann-Loebenstein emigrierte 1936 nach England, wo sie nicht an ihre früheren Erfolge anknüpfen konnte. Alexander Grella treibt die Geschichte der Manufaktur um: Er hat im Potsdamer Landesarchiv in Bollhagens Nachlass recherchiert, um sich selbst ein Bild zu machen. Etwa über die Umstände der Ausgleichszahlung, die Bollhagen Anfang der neunziger Jahre an die Jewish Claims Conference geleistet hat. Gerne würden Dittrich und er weiter forschen, dafür fehlten aber die Mittel, so Grella. Und sie planen, die Arbeit Heymann-Loebensteins mit einer eigenen Kollektion zu würdigen. Doch zuerst müssten sie mit den Nachfahren klären, wie mit der Marke und damit verbundenen Rechten umzugehen sei.

Freizusprechen ist Hedwig Bollhagen von dem vor einigen Jahren geäußerten Vorwurf, sie habe mit dem Nazi-Regime sympathisiert. Tatsächlich bot sie in den dreißiger Jahren anderen Künstlern Zuflucht und Arbeit in ihren Werkstätten, etwa dem von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkten Künstler Charles Crodel. Sie entließ einen Ofensetzer, der ihre jüdische Freundin Nora Herz angegriffen hatte. Nach dem Krieg führte HB den Betrieb alleine weiter. Trotz sozialistischer Mangelwirtschaft konnte sie ihre „Bude“ erhalten, wie sie die Werkstätten nannte. So arrangierte sie sich mit dem Regime und nahm – wie schon in der NS-Zeit – offizielle Aufträge an. Durch die Verstaatlichung 1972 wurde Bollhagen zur Angestellten in der eigenen Firma. Die Zugehörigkeit zum Staatlichen Kunsthandel der DDR ermöglichte gewisse Freiheiten.

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Die Stücke mit der HB-Marke waren gute Devisenbringer. Nach der Wende, mit 85 Jahren, erhielt sie ihre Bude zurück. Auch wenn HB seit 16 Jahren tot ist und nicht mehr jeden Morgen um 6.15 Uhr die Fabrik aufschließt: Ihre Gegenwart ist zu spüren, zum Beispiel in der dauernd virulenten Frage „Wie hätte sie es gemacht?“, in den schwarzweißen Porträtfotos, die überall in den Räumen hängen und in den Erzählungen der Mitarbeiter. Mal erinnern sie sich an ihre strenge Seite, an ihre Entschlossenheit. Mal denken sie an ihre weiche Seite zurück, dass sie zum Beispiel für Kinder immer Spielsachen in ihrem Büro bereithielt. Während der Weihnachtsfeiern trat HB als Knecht Ruprecht auf, in voller Verkleidung, wie eine Kollegin lachend erzählt. „Für uns hat sie sich immer Zeit genommen.“

In der öffentlichen Wahrnehmung allerdings verschwindet der Mensch fast hinter der Ikone. Dazu mag ihre straffe Erscheinung beitragen, der Haarknoten und die Arbeitsuniform, ein hochgeschlossener Kittel aus blauweiß kariertem Stoff. Zudem wurde sie vielfach für ihr Lebenswerk geehrt, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Pragmatisch und sparsam, wie sie war, verkörpert sie eine Generation von Frauen, die sich mit eiserner Disziplin durch die Umbrüche des 20. Jahrhunderts kämpfen mussten. Für Ehe und Kinder war kein Platz, die Firma war ihre Familie. Zugleich war HB eine so einfallsreiche wie experimentierfreudige Künstlerin – die Schatzkammer auf dem Dachboden offenbart es.

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