http://www.faz.net/-hrx-8xyat
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 03.06.2017, 14:59 Uhr

Negativpreis Plagiarius Das Original

Rido Busse hat Klassiker des modernen Designs entworfen. Oft wurden sie kopiert. Deshalb vergibt der Designer seit 40 Jahren den Negativpreis Plagiarius.

von
© Jan Roeder Der Designer mit einigen seiner Produkte: Rido Busse in seinem Unternehmen in Elchingen bei Ulm, das inzwischen von der nächsten Generation geführt wird.

Einer der dreistesten Plagiatoren, die Rido Busse in den vergangenen 40 Jahren untergekommen sind, ist Joschka Fischer. Dem einstigen Bundesaußenminister wird ein Zitat zugeschrieben, das ursprünglich nicht von Fischer, sondern von Busse stammt. Ausgerechnet bei ihm, dem Erfinder des Plagiarius, soll der Politiker abgekupfert haben. Der Designer Rido Busse macht seit 1977 Jagd auf Plagiatoren und versucht, ihnen das Handwerk zu legen. Dem Unternehmer aus Ulm geht es um den Schutz geistigen Eigentums. Die Diebe, die er mit seinem Negativpreis Plagiarius „auszeichnet“, kommen dabei meist aus fernen asiatischen Ländern. Im Fall von Joschka Fischer aber ging es um ein Zitat, das der damalige hessische Umweltminister wiedergab, ohne die Quelle zu nennen.

Peter-Philipp Schmitt Folgen:

Rido Busse ist ein Mann mit Prinzipien. Rauchen kann er nicht ausstehen, schon gar nicht an Orten, an denen nicht geraucht werden sollte. „Zigaretten“, sagt er, „habe ich Leuten auch mal aus dem Mund geschlagen.“ Schon zu Zeiten, als noch fast überall geraucht werden durfte, war das Rauchen in Busses Unternehmen verboten. „Das stand sogar im Anstellungsvertrag.“ Das Rauchverbot als Teil der Firmenpolitik fand das ZDF Mitte der achtziger Jahre so berichtenswert, dass der Sender ein Fernsehteam nach Ulm schickte, um die Angestellten zu befragen. Auch der Chef kam zu Wort und sagte unter anderem den prägnanten Satz, ein Umweltminister, der rauche, sei so glaubwürdig wie ein Justizminister, der klaue.

Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

Joschka Fischer als Ehrengast beim Plagiarius

Gemünzt war das auf Joschka Fischer, der als Turnschuhe tragender Staatsminister für Umwelt und Energie seit Ende 1985 in Wiesbaden für Furore sorgte. Das einprägsame Busse-Zitat fand sich bald in einigen Zeitungen wieder, weil Fischer es in einer Talkrunde verwendet hatte, um zu begründen, warum er mit dem Rauchen aufgehört habe. „Ein Umweltminister, der raucht“, so lautete der Satz nun, „ist wie ein Staatsanwalt, der klaut.“

Waage © Aktion Plagiraius e.V. Vergrößern 1977: Brief- und Diätwaage Nr. 8600 von Soehnle (links) und das Plagiat aus Hongkong

Daraufhin schrieb Busse an den Politiker: Die Summe aller Laster bleibe eben doch gleich. Der Herr Minister rauche zwar nicht mehr, dafür klaue er nun die Sprüche von anderen. Zugleich drohte Busse ihm im Spaß an, ihn als Plagiator für seinen Negativpreis Plagiarius vorzuschlagen, wenn er sich nicht bereit erkläre, als Laudator an einer Verleihung teilzunehmen. Das war ein gewitzter Schachzug. Joschka Fischer nahm die Sache mit Humor. 1989 kam er tatsächlich als Ehrengast zur Plagiarius-Verleihung, wenn auch nicht mehr als Minister, sondern als Fraktionsvorsitzender der Grünen im Hessischen Landtag.

Negativpreis sollte Gesetzgeber aufmerksam machen

Im ersten Jahr der Verleihung hatte Rido Busse den Preis noch selbst vergeben. Wie so oft kam der Preisträger aus Fernost – aus Hongkong. Busse hatte zufällig auf der Frühjahrsmesse in Frankfurt das exakte Plagiat eines seiner ersten Erfolgsprodukte entdeckt. Das Original hatte die „busse design ulm gmbh“ bereits Anfang der sechziger Jahre entwickelt, 1965 war die Brief- und Diätwaage Nr. 8600 dann von der Firma Soehnle aus Murrstadt auf den Markt gebracht worden.

Mehr zum Thema

Der Ladenpreis betrug 26 Mark. Der chinesische Hersteller bot die Kopie nun im halben Dutzend billiger an: sechs Stück für 24 Mark. Allerdings, sagt Busse, sei die Ähnlichkeit der Produkte nur äußerlich gewesen: „Statt hochwertigem ABS-Kunststoff verwendete der Plagiator Polypropylen, was die Wiegegenauigkeit beträchtlich beeinflusste.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite