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Veröffentlicht: 04.05.2017, 13:52 Uhr

Monobloc Der meistgehasste Stuhl der Welt

Der Monobloc ist für viele der hässlichste Stuhl der Welt. Was kaum jemand weiß: Hinter dem Entwurf steckt ein bekannter Designer.

von Florian Siebeck
© Picture-Alliance Muammar al-Gaddafi 2010: Der Monobloc ist für alle da.

Dass es eine Welt vor diesem Stuhl gab: Für junge Menschen kaum vorstellbar. (Für mittelalte übrigens auch.) Keiner weiß, woher er kam, keiner weiß, wohin er geht – der stinknormale Plastikstuhl, in Fachkreisen Monobloc genannt, ist einfach da. Er ist nicht besonders hübsch, aber er ist ein ehrliches, ein demokratisches Möbel. Der Monobloc ist für alle da. Er steht bei Angela Merkels Lieblingsitaliener auf Ischia und im Foltergefängnis Abu Ghraib, auf der Gartenparty in Oer-Erkenschwick und in den Ruinen von Aleppo. Er ist unverwüstlich und effizient, doch müsste man ihn in einem Wort beschreiben, wäre es wahrscheinlich: „billig“. Er ist der meistgehasste Stuhl der Welt.

Verwunderlich, schließlich verbindet jeder Gefühle mit dem Monobloc. Jeder kennt es, das Gefühl, wenn die schwitzende Sommerhaut am Plastik festklebt, und jeder kennt die Geräusche, die der Stuhl macht, wenn er über die Terrassenfliesen kratzt. „Viele Menschen verbinden sehr persönliche Erlebnisse mit diesem Stuhl“, sagt Heng Zhi. Die Kuratorin am Vitra Design Museum hat dem Monobloc eine eigene Ausstellung gewidmet. „Die Designgeschichte ist immer noch dominiert von ikonischen Entwürfen von Mies van der Rohe, Charles und Ray Eames, Le Corbusier. Die Menschheit hat eben ein Faible für die Stars und Helden“, sagt Zhi. „Dabei besteht unsere materielle Umgebung aus so vielen anonymen Objekten, von denen wir oft nicht einmal wissen, woher sie eigentlich kommen.“

46209914 © Picture-Alliance Vergrößern Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem: „Viele Menschen verbinden sehr persönliche Erlebnisse mit diesem Stuhl.“

Einer, der dieser Frage auf den Grund gehen wollte, ist der Unternehmer Jens Thiel. Seit er den Stuhl auf einer Kunstmesse sah und ihn dort merkwürdig deplaziert vorkam – ein Gedanke, der ihm dann wiederum merkwürdig vorkam – sah er den Monobloc plötzlich überall. „Wenn es im ‚Tatort‘ und arme Leute geht, dann dauert es nicht lang, bis ein Monobloc ins Blickfeld rückt“, sagt er. Thiel hat den Monobloc wissenschaftlich untersucht, über zehn Jahre lang, es mündete in einer Obsession. „Der Monobloc ist eine geniale Erfindung. Leicht stapelbar, beinahe unkaputtbar, wetterfest, abwaschbar. Und er kostet fast nichts – was für viele heute das wichtigste Argument überhaupt ist.“

„Ich folgte vielen falschen Fährten“

Es dauerte etwas, bis er den Urheber des Monoblocs fand. Zunächst dachte Thiel, er würde bei Allibert fündig – dem Kunststoffproduzenten, der den gleichnamigen Spiegelschrank fürs Bad erfunden hatte. „Ich folgte vielen falschen Fährten“, sagt Thiel – bis er irgendwann in einem Schuppen in Nurieux-Volognat landet, einem 1000-Seelen-Dorf in Frankreich, unweit von Genf. Es ist der Schuppen von Henry Massonnet. „Und der sagte: Ich war’s. Ich bin Schuld.“ Massonnet war kein Designer im herkömmlichen Sinne. Er war Ingenieur, ein Tüftler, das, was man in Frankreich einen „bricoleur“ nennt. Da, wo er wohnte, hatte sich die Plastikindustrie von Frankreich etabliert, es waren goldene Zeiten für die einst arme Region. Massonnet war, was maßgeblich für seinen Erfolg war, seinen Nachbarn immer einen Schritt voraus: Als alle Knöpfe produzieren, macht Massonnet bunte Knöpfe. Später ist er der erste in der Gegend, der größere Plastikstücke zu gießen vermag. Was heute einfach scheint, war damals eine rechnerische Meisterleistung.

46209921 © plainpicture/Oscar Vergrößern Wer will sich setzen?

Henry Massonnet bringt erste Möbel auf den Markt, der größte Erfolg sein sanduhrförmiger „Tamtam“-Hocker. Als Brigitte Bardot in der „Paris Match“ auf einem sitzt, verkauft Massonnet 14 Millionen Stück davon. 1973 bringt Henry Massonnet den „Fauteuil 300“ auf den Markt. Der Monobloc war keine Innovation in dem Sinne. Die Beine mit stabilisierendem Winkelprofil kannte man vom Tolix-Hocker, und der erste Plastikstuhl war es auch nicht (vorher kamen Joe Colombos „Universale“, der „Panton Chair“, der Bofinger-Stuhl und der Entwurf „Selene“ des italienischen Designers Vico Magistretti). Doch der „Fauteuil 300“ ist der Urtyp des billigen Plastikstuhls. Seine Ähnlichkeit mit den heutigen Exemplaren ist unverkennbar.

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