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Ciao Milano: Eindrücke von der Mailänder Modewoche

Ciao Milano

Von JENNIFER WIEBKING

24.02.2017 · Die Kollektionen der New Yorker und Londoner Designer waren mit politischen Botschaften gespickt. Auch die Italiener haben hier und da etwas zu sagen – und nebenbei gute Mode zu zeigen.

Brunello Cucinelli Wenn die Mailänder Modewoche so losgeht: Vor seinem Showroom hat Brunello Cucinelli einen riesigen Wintergarten aufgebaut und mit Köchen und Antipasti, Risotto und Carne sowie süßen Köstlichkeiten aus seinem Heimatort in Solomeo, in der Nähe von Perugia, ausstatten lassen. Ein paar Schritte weiter, im Mailänder Showroom der Marke, gibt es dann Mode zu sehen. Brunello Cucinelli experimentiert mit breitem Cord, dafür fallen die Hosen dazu so locker, dass das Ergebnis alles andere als konservativ aussieht. Dieser Cord hat nichts im Umfeld von holzvertäfelten Wänden zu suchen. Überhaupt mutet seine Kollektion für den Herbst überraschend aktiv an, mit den schnittigen Jacken und Steghosen geht auch die Städterin als fitte Skifahrerin durch. Selbst wenn sie gerade ein großes italienisches Mittagessen nach Art des Hauses Brunello Cucinelli verzehrt hat.

© Brunelli Cucinelli

Gucci Was wäre die Mode ohne Alessandro Michele? Und was wäre Alessandro Michele ohne seine philosophischen Theorien, die er anwendet, um wiederum die Mode auf den Kopf zu stellen? Wer weiß, ob ohne sie, Frauen jetzt zum Beispiel extrem bedruckte Hosenanzüge zu riesigen Glitzer-Brillengestellen tragen würden? Und Männer selbst im Februar Schlappen mit Pelzsohle? Wenn sich Michele an die Arbeit macht, dann muss er zunächst zum Kern unseres Seins vordringen. Bei ihm entsteht die Mode nicht im Atelier, sondern in einer Art Sozial-Labor, und am Mittwoch gibt er neuen Einblick in seine Forschungsergebnisse.

Herren- und Damenmode hat er jetzt zusammengelegt, obwohl zwischen beiden ohnehin kaum ein Unterschied auszumachen ist. Wenn ein Mann ein bestickt-bedrucktes Cape trägt, dann hätte das ebenso seinen Platz über den Schultern einer Frau haben können. Während sich der freiheitlichere Teil der Gesellschaft gerade an die Idee von geschlechtsloser Mode gewöhnt, hat er das Konzept mit entworfen. Er zeigt es hier an den Models hinter einer Plexiglas-Gangway, zwischen dem zu erwartenden wie gleichermaßen stets überraschenden Michele-Mix der Referenzen, von den Renaissance-Kleidern bis zur geschlechtslosen Mode der Zukunft hat er alles bedacht. In Zeiten, da nicht ganz klar ist, wie man diese Welt so nehmen soll, ist es einer der schönsten Blicke auf sie. Die Haare sind etwa unter einer dicken Wollkappe versteckt, der Hals hingegen mit großen Blüten geschmückt. Oder das traditionell asiatische Geisha-Kostüm passt jetzt auch als Hosenanzug. Oder der zurückhaltende Herrenanzug ist am Hosenbein mit Schlag ausgestellt. Der Designer hält es mit den Philosophen: In jedem Individuum steckt in Wahrheit eine vielschichtig bis gegensätzliche multiple Persönlichkeit. Vermutlich macht das seine Mode so lebendig.

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Wunderkind Wolfgang Joop will es noch einmal wissen. Den Sitz seiner Marke Wunderkind hat er schon vergangenes Jahr von Potsdam nach Berlin-Charlottenburg verlegt. Jetzt zieht er auch privat um, aus der „Villa Wunderkind“ am Heiligen See zur Familie seiner Tochter nach Potsdam-Bornstedt. Und seit vergangenem Jahr zeigt er die Kollektionen seines Labels in Mailand. Das Triennale-Museum könnte mit seiner eklektischen Sammlung an Design-Stücken ‎ nicht besser zur Marke Wunderkind passen. Die Blazer und Mäntel mit markanten Schultern, die überhaupt besonders großen Hosenanzüge, das Grunge-Karo, das zum typisch floralen Wunderkind-Mustermix kommt, bilden den Auftakt der Modewoche in Mailand am Mittwoch. Selbst wenn Wolfgang Joop die Modenschau freimütig Défilé nennt. Im Land der „sfilate“ schaut man über diese typisch französische Bemerkung großzügig hinweg.

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No 21 Alessandro dell'Acquas Bild von Schönheit könnte nicht besser in die Zeit passen: Für sein Label No 21 hat er schon mit Marabufeder gearbeitet, als alle anderen noch bei minimalistischem Doubleface-Kaschmir waren. Sie entdecken den Sturm von Marabu erst jetzt. Alessandro dell’Acqua ist da nicht unbedingt weiter, er bleibt seinen Codes stets treu, also den schweren Stoffen, den Anzügen und Baseball-Jacken, den wohlanständigen Tea-Dresses, garniert mit Kristallbroschen, Kristallknöpfen, ‎mit dicken Gürteln und goldenen Schließen, die interessanterweise auf dem Rücken sitzen. Dazu gibt es für den nächsten Winter einen Spritzer Rot und eine besonders schöne Strandszene mit großem Oldtimer als Strickmuster. Saisonmode ist ohnehin überbewertet.

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Fay Nicht nur der Bass ist bei Fay hart. Die Designer Tommaso Aquilano und Roberto Rimondi arbeiten vornehmlich mit Schwarz, mit Leder, das sie dazu noch mit dicht gesetztem Nietenmuster versehen. Die Reißverschlüsse sind markant, das Lackleder auf Hochglanz poliert. Die Fay-Frau ist im nächsten Herbst in jedem Fall nach ein bisschen Krawall zumute. Jedenfalls sobald sie im Nachtclub angekommen ist oder zumindest in der Bar. Denn die Mäntel, Markenzeichen des Hauses und wichtigster Geschäftszweig, sind dann doch typisch Fay. Also handelt es sich dabei um Dufflecoats, um Modelle, die mit Kristallen bestickt oder mit etlichen Taschen und Gürteln versehen sind. Ein Mantel ist winters schließlich mehr als Show. Ein Mantel muss winters mindestens ebenso sehr schützen.

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Fendi Vor einem Jahr kam Fendi auf die Idee der Bag Straps, Riemen, die sich beliebig an jede Tasche anknüpfen lassen. Heute haben etliche andere Marken diesen Einfall längst übernommen. Auch die Mini-Bags hatte das römische Haus als eine der ersten. Beide Ideen sind auch etwas für die Generation der Millennials. Aber für den Herbst könnte ebenso die etwas ältere signora wieder ganz oben auf Fendis Prioritäten-Liste stehen. Die Pelze sind tiefbraun und „originale“, wie ein Gast beim Rausgehen bemerkt. Wenn sie verziert sind, dann mit einem botanischen Muster von der Sorte, dass man sich damit sagen wir auch Richtung Mailänder Scala aufmachen könnte. Zugleich dürften die großzügigen Cut-Outs und Anzüge mit Prince-of-Wales-Karo in einer Saison, da karierte Anzüge gerade zum großen Trend werden, keine Frage des Alters sein.

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Prada Wer, wenn nicht Miuccia Prada hätte etwas zum aktuellen Feminismus in der Mode beizutragen? Das Thema ist schon so passend, man hätte fast davon ausgehen können, dass sie sich gerade deshalb, in typisch unerwartbarer Prada-Manier, davon distanziert. „Eigentlich will ich nicht politisch in meinem Job sein“, sagt sie nach der Schau. „Aber nach allem fast passiert ist, hätten wir es nicht bleiben lassen können, uns darum zu kümmern.“ Signora Prada trägt dabei einen jener wunderbaren Cord-Anzüge, die soeben durch das Teatro Prada gezogen sind, als Teil ihrer Stadt der Frauen. Ihre Frauen tauchen als Drucke im Stil alter, glamouröser Filmfiguren auf den Röcken auf. In persona tragen sie zu den Cord-Anzügen Riesenschals, im Nacken geknotet, die so selbstgestrickt aussehen, wie es wiederum sogar Ungeübte schaffen würden, die Lederjacken mit etlichen Perlensträngen zu versehen. Diese Stücke sind auf den ersten Blick so simpel wie die vielen Slogan-T-Shirts dieser Tage, dabei ist ihre Botschaft natürlich komplexer. „Es ging mir um Verführung“, sagt Prada. „Wir nutzen doch noch immer dieselben Instrumente zur Verführung wie vor fünfzig Jahren. Das wurde niemals wieder diskutiert, dabei sollten wir das tun.“

Also führt Prada – damals in den Siebzigern selbst große kommunistische Aktivistin wie Verfechterin der Frauenrechte – diese Debatte nun auf dem Laufsteg, indem sie das Gegenteil von konventionell verführerischer Mode vorlegt: die Gürtel sind breit und mit dickem Lammfell versehen, ein Mohair-Twinset mit passendem Rock ist in den Farbtönen Gelb, Pink, Grau gehalten und mit denselben Perlen bestickt wie die Lederjacken. Das alles ist vor dem Hintergrund typischer Jugendzimmer zu sehen, deren Besitzer noch auf bessere Jahre warten, denen es an Idealismus aber schon heute nicht fehlt. In der Stadt der Frauen trägt man also auf dem Kopf Helme sowie an den Füßen Eskimo-Stiefel aus dickem Fell. „Alles sollte haarig sein.“ Die Federn an den Säumen sind extra-dick, wie überhaupt die Saumvolants an den paar Cocktailkleidern, die Ausschnitte tief und weit. Es ist schließlich nicht umsonst eine Debatte, und Miuccia Prada ihr Wortführer.

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Max Mara In Zeiten, da Saisons für die Kundin eine zunehmend geringere Rolle spielen, sie sich nicht im Herbst eine neue Herbstgarderobe zulegt und im Frühjahr ein neues Frühjahrssortiment und sowieso immer irgendwo Sommer ist, sollte Max Mara hingegen bestenfalls immer Winter-Kollektionen zeigen. Mäntel sind schließlich die Stärke des Hauses sowie überhaupt Stücke für die kalte Jahreszeit. Man sieht es an dieser Kollektion für den nächsten Herbst. Eines der besten, weil direkten Statements von Max Mara seit langem. Ein dunkles Braun ist ein dunkles Braun von Kopf bis Fuß. Ein Rot ein Rot. Ein Anthrazit ist ein Anthrazit. Die Besonderheit liegt in den Materialien, das Lammfell kräuselt sich, das Zopfmuster schlängelt sich über Pullover wie Mäntel, und der Samt der Anzüge glänzt gerade genug, dass diese Stücke echte Optionen für den Abend sind.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 24.02.2017 12:24 Uhr