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Paris When It Sizzles

Von JENNIFER WIEBKING

2. März 2017 · Beim Prêt-à-porter gehören die ersten Tage den Jungstars der Designer-Szene. Dazwischen zeigt ein Modemacher seine einhundertste Schau.

Koché Wenn sich Christelle Kocher vom angesagten Label Koché in den vergangenen Saisons stets Locations suchte, die dem Streetwear-Hang ihrer so lässigen wie schicken Mode gerecht werden, dann passt jetzt auch dieser Ort. Sitzplätze gibt es für die Gäste noch immer keine, aber dafür betont das bezaubernde Varietétheater Folies Bergère in dieser Saison Kochés weichere Seite. Zwischen den großen Rugby-Style-Shirts und Shorts wie Basketballhosen, arbeitet sie ihr Patchwork geradezu elegant auf. Wer im nächsten Herbst auf der Suche nach besonderen wie tragbaren Stücken ist, kann an diesen Strickpullovern mit Glitzer-Materialmix oder an den Jacken, die so aussehen, als wären sie aus verschieden farbigen Mosaiksteinen zusammengesetzt, kaum vorbeigehen. Auf den zweiten Blick sieht man dann: Es sind nicht selten bunte Federn. Bei aller Sportswear, Christelle Kocher ist eine Meisterin ihres Handwerks. Aus den Lautsprechern zwitschern die Vögel. Die Designerin dürfte spätestens jetzt in geschäftlicher Hinsicht ihren ersten großen Frühling erleben.

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Dries van Noten Sie sind nicht erst seit gestern Models: Amber Valletta, Erin O’Connor, Carolyn Murphy, Nadja Auermann, um nur ein paar der legendären Frauen zu nennen, die am Mittwochnachmittag in Dries van Notens wunderbarer Schau laufen. Aber der Belgier ist ja auch nicht ‎erst seit gestern Designer. Streng genommen ist es seine einhundertste Schau, und das Jubiläum begeht der Modemacher mit einer Ode an die Frauen. Sie tragen hochgekrempelte Jeans, gesteppte Mäntel, Zweireiher-Blazer und natürlich Blumendrucke. Was wäre eine Dries-van-Noten-Schau auch ohne Blumen? Zum Jubiläum hat er seine Liebsten aus den Archiven geholt: Da wäre das Palmen-Motiv von Frühjahr/Sommer 2012, die Orchideen aus dem Jahr zuvor oder jene Blumen von 2008, die wie ein Rorschach-Print gehalten sind. Es sind noch Dutzende weitere, die in dieser Kollektion einen zweiten Auftritt haben. Auch die selbstbewussten wie wunderschönen Frauen, die diese Blumenmuster jetzt tragen, sind in der Vergangenheit alle schon mal für den Designer aus Antwerpen gelaufen. Sie sollen sich nicht lange haben bitten lassen müssen. Zum Finale laufen sie nebeneinander die Reihen entlang. Das Bild ist mit den Spiegeln links und rechts umso dramatischer. Es passt weder in ein Instagram-Bild noch in eine Video-Story. Man muss es echt erleben.

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Olivier Theyskens Ein eigenes Label nach Jahren des Angestelltendaseins ist auch für einen Designer ein Wagnis. Selbst wenn er zuvor als Kreativ-Direktor anderer Marken tätig war. Aber Olivier Theyskens zeigt mit seiner zweiten Kollektion unter eigenem Namen, dass der Schritt so mutig wie spannend sein kann. Für seine Art von Kleidern, lange Mäntel und kurze Kleider aus Leder, Zweireiher-Blazer mit scharfen Schultern, Hosen mit extra-markanten Bügelfalten, gibt es nämlich durchaus Kundinnen. Selbst wenn sie gezählt sind. Sinnvoll also, dass Theyskens sich nun nicht mehr mit zahlenorientierten Geschäftsführern absprechen muss, sondern den Dialog mit dieser Kundin allein führen kann. Vor Jahren, bei Nina Ricci, entwarf Theyskens Kleider, die coole Frauen zur eigenen Hochzeit trugen. Eines der letzten Modelle dieser Kollektion, eines in Weiß, zeigt: Nicht alles aus der Zeit des Angestelltendaseins muss er heute anders machen.

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Anréalage Dienstag, der erste Tag der Pariser Modewoche, ist jener der jungen Designer. Das Label Anréalage steht so sehr für diese Szene wie kaum ein zweites. Der Japaner Kunihiko Morinaga eröffnet mit zwei Models, die einen Berg aus blauem Sand besteigen. Sie tragen eher Skulpturen als Kleider, die der Designer an der Oberfläche mit Drei-D-Spiralen bearbeitet hat. Das Muster hat weder Anfang noch Ende, und es taucht daraufhin auf den gegen die Skulpturen geradezu kommerziell anmutenden Stücken auf, mal als geschichtete weiße Seide, dann als Reißverschlüsse, dann als Nähte. Selbst die Strickserie ist Teil dieser Endlosschleife von Muster. Bis zum nächsten Herbst werden seine Fans, so viel ist schon jetzt klar, jedenfalls nicht den Faden verlieren.

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Saint Laurent Dienstagabend im Olymp der Mode: Saint Laurent zeigt jetzt in zweiter Saison am ersten Tag, den die Modeleute nun eigentlich nicht mehr ruhigen Gewissens schwänzen können. Jedenfalls wenn der neue Designer an der Spitze, Anthony Vaccarello, auch etwas halbwegs Neues vorlegen würde, statt wie schon im September einen schwachen Aufguss von jenen sexy dresses anzubieten, für die Vorgänger Hedi Slimane so berühmt wie berüchtigt war. Mit dessen Vision konnte der Luxuskonzern Kering für Saint Laurent 2016 ein geradezu unverschämtes Umsatzwachstum von 25,3 Prozent erzielen.

Für 2017 werden die Zahlen aller Voraussicht nach erheblich einbrechen, dazu geht es unter Vaccarello zu brav und zu kompliziert zugleich zu. Mikro-Kleider kennt man bereits von Slimane, aber mit rechteckigen Schulterpolstern wirkt das Ergebnis jetzt geradezu behäbig. Die Lederröcke mit abstehenden Schürzen muten wie lästige Anhängsel an, und die Abendkleider aus Leder sehen so schwer aus, als müsste man die Models darin tragen. Es wird nicht besser, wenn Vaccarello dazwischen Basic-Teile mischt, die sie getrost im Showroom hätten lassen können. Im Olymp der Mode weht ein strengerer Wind, etwa jene Brise, die den Models jetzt bei der Schau unter freiem, verregneten Himmel die Haare zerzaust.

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Lanvin Zwei Seelen wohnen in Bouchra Jarrars Brust als Kreativ-Direktorin von Lanvin. Da ist das für Lanvin typische Drama, die dicken Rüschen, das Rosa, die Federn, die diese Modemacherin auch backstage nach der Schau um den Hals trägt. Und da ist Jarrars Talent, Frauen Anzüge auf den Leib maßzuschneidern oder zum Beispiel mit einem Mantel mit Lurexstreifen in Gold eine coole Alternative für den Abend zu bieten. In ihrer zweiten Kollektion für das Traditionshaus führt sie diese zwei Welten zusammen. Sie scheint sich jetzt einzuleben. Wenn ihr Debüt im September an die Kollektionen ihres eigenen Hauses erinnerten, das sie zuvor für den Job bei Lanvin geschlossen hatte, dann liegt die Betonung jetzt vor allem auf Lanvin. Und auf dem Leben der Frauen, die diese Kleider tragen sollen. In ihren Schauen-Notizen dankt sie schon mal der Bürgermeisterin Anne Hidalgo, in deren prächtigen Rathaus-Räumlichkeiten sie an diesem Mittwochmittag zeigt.

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Lemaire Bei der Schau von Lemaire stehen am Eingang etliche Grünpflanzen. Jetzt, da es an diesem Mittwochabend in Paris vom Himmel schüttet, erwecken sie den Eindruck, als stünde man mitten in einem Regenwald. Das Setting passt zum Rahmen einer Lemaire-Kollektion, die zugleich so schlicht wie extrem ist. Man sieht es an den Hemden mit übergroßen Trompetenärmeln, an den weiten schwarzen Kleidern mit Tunnelzug‎, die mit bronzefarbener Seide‎ gefüttert sind, an den Hosen, die auf den ersten Blick transparent ausschauen, es dann aber doch nicht sind. Christophe Lemaire und seine Geschäfts- wie Lebenspartnerin Sarah-Linh Tran legen schließlich ebenso viel Wert auf die Tragbarkeit ihrer Stücke wie darauf, sich kreativ auszuleben. Es ist der Grund, warum auch die Models auf diesem Laufsteg an die stets beneidenswert gutgekleideten Pariserinnen auf der Straße erinnern. Dass ihnen hier die Statement-Ohrringe dabei nur so über die Schultern fliegen, ist in dieser Hinsicht kein Widerspruch.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 02.03.2017 14:59 Uhr