http://www.faz.net/-hrx-8y7sa

„Queen of Cashmere“ : Modeschöpferin Laura Biagiotti gestorben

Laura Biagiotti im Jahr 2007 bei einer Modenschau in Mailand Bild: AP

Laura Biagiotti, die italienische Modemacherin, ist im Alter von nur 73 Jahren an Herzstillstand gestorben. Bekannt wurde sie vor allem mit Düften.

          Den Morgen begann Laura Biagiotti mit ihrer Tochter Lavinia, einem Cappuccino und dem Horoskop aus dem „Messaggero“. Zum Spaß glaubte die italienische Kaschmirkönigin gerne ans Schicksal. Sie konnte es sich erlauben in ihrem Castello Marco Simone aus dem elften Jahrhundert in der Nähe von Rom. Denn die Designerin, geboren im Sternzeichen Löwe, hatte ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. In dieser morgendlichen Übung konnte sie ein lustiges Freizeitvergnügen sehen, das mit ihrer Existenz nichts zu tun hatte.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Dabei hatte Laura Biagiotti, die am 4. August 1943 in Rom geboren worden war, nicht sogleich den Weg genommen, den ihr die Sterne vorgezeichnet hatten. Nach dem Abitur studierte sie zunächst einige Semester Archäologie und Literatur an der Sapienza. Dann aber gab die Tochter des Managers Giuseppe und der Schneiderin Delia Biagiotti doch der familiären Bestimmung nach, wie in Italien üblich. Sie übernahm das Atelier und baute es als Managerin und Designerin zu einer der bekanntesten italienischen Marken überhaupt aus. Zeitlebens führte sie das Unternehmen, wie Lavinia einmal sagte, „mit eiserner Hand in Kaschmirhandschuhen“: Es tat nicht weh, aber man spürte es.

          Kaschmir, das Material, das sie Mitte der Siebziger für sich entdeckte, war Schicksal und Chance zugleich. Schicksal, weil das Material dem Designer nicht viel Freiheit zugesteht; Farben und Formen sind arg reduziert, wie man zum Beispiel auch bei Loro Piana sieht. Chance, weil allein das wertvolle Material, das sich in hohen Preisen niederschlägt, die Modemacherin in ganz eigene Sphären hob. Sie musste nicht die Mode revolutionieren, wie es all die Männer von Giorgio Armani über Gianni Versace bis Gianfranco Ferrè versuchten: Sie machte einfach schönen, bequemen, teuren Strick und genoss einen ebenso schönen, bequemen und teuren Ruf. „Queen of Cashmere“: In einen solchen Titel kleidet man sich lebenslang.

          Sie vergrößerte ihren Kundenstamm täglich

          Und doch war die Kaschmirkönigin von dieser Welt. Sie musste in Rom nicht bei der Alta Moda dabei sein, der Woche für Maßgeschneidertes, die damals noch in voller Blüte stand. Sie ging in die Konfektion, damals noch nicht selbstverständlich, und vergrößerte ihren Kundenstamm täglich. Die Hausanzüge, Türkenhosen, Schultertücher oder Bambolas, die wie überlange Pullover trichterförmig bis zum Boden fallen, waren schmeichelnd und vergaben viel. Oder zumindest hatten älter werdende Frauen immer den Eindruck, dass ihnen in diesen Entwürfen viel vergeben würde.

          Ihren Ruf, den sie nicht zuletzt der feinen Wolle vom Bauch der Kaschmirziege verdankte, machte Biagiotti geschickt zu Geld – zunächst noch gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Gianni Cigna, der 1996 starb. In jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit P & G lancierte sie erfolgreiche Düfte: Fiori Bianchi (1982), Roma (1988), Biagiotti Uomo (1990), Venezia (1992), Laura (1994), Venezia Uomo (1995) und weitere. Schon die Zusammenarbeit mit dem deutschen Designer Peter Schmidt in der Gestaltung der Flakons zeigte, dass die willensstarke Designerin damals auf der Höhe der Zeit war. Zugleich verband sie ihren Namen geschickt mit ihrer Heimatstadt. Rom war nicht nur eine Verheißung im Namen der Parfums, sondern auch in der Säulenform der Flaschen. 

          „Ich bin es gewöhnt, alles selbst zu machen, auch meine Fehler“, sagte Laura Biagiotti dieser Zeitung einmal. Die Designerin bewies jedenfalls viel Geschick in den Verhandlungen um die Lizenzen und das Positionieren der Düfte. Roma ist angeblich noch immer das bekannteste Parfum nach Chanel No. 5. Allein in Deutschland (dem wichtigsten Markt neben Italien) lag der Jahresumsatz mit den Parfums in zweistelliger Millionenhöhe.

          Ihre Tochter wurde zur treibenden Kraft

          Seit der Jahrtausendwende war es nicht mehr nur sie, die alles selbst machte, auch die Fehler. Ihre Tochter Lavinia, 1978 geboren, begann im Büro am Kopierer und wurde schnell neben ihrer Mutter zur treibenden Kraft im Unternehmen. Als Markenbotschafterin und Kommunikatorin ist die Betriebswirtin die beste Besetzung, die man sich vorstellen kann. Aber eine Modemarke lebt von ihrem kreativen Kern. Und der schmolz im Laufe der Jahre immer weiter zusammen. Die Modenschauen übten sich in der Variation des Immergleichen, und die letzten anderthalb Jahrzehnte waren bestimmt von Rückzugsgefechten. Die Läden in Berlin, New York, Mailand und weiteren wichtigen Städten mussten schließen. Vor zwei Jahren gab P & G die Lizenzen für Biagiotti-Düfte dann ab – ein Indikator dafür, dass man diese Marke nicht mehr für allzu zukunftsträchtig hielt.

          Laura Biagiotti kümmerte sich in letzter Zeit viel um die Fondazione Biagiotti Cigna, in die ihre Sammlung von Werken des futuristischen Malers Giacomo Balla aufgegangen ist. Aber der Druck des nachlassenden Geschäfts muss der Designerin, die schon lange an einem schwachen Herzen litt, zugesetzt haben. Nach einem Herzstillstand am Donnerstag ist sie am Freitag im Alter von nur 73 Jahren in Rom gestorben. An diesem Samstag findet der Trauergottesdienst in Santa Maria Degli Angeli statt, ebenfalls in ihrer Heimatstadt, der sie so viel verdankt.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.