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Ungarische Schneiderkunst : Savile Row in Budapest

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Die traditionellen ungarischen Herrenschneider haben sich in den vergangenen Jahrzehnten entweder in den Bankrott oder in den Ruhestand verabschiedet. Bild: Daniel Kaldori

In den Sechzigern galten die Ungarn als die besten Schneider Londons. Heute droht die Kunst selbst in ihrer Heimat auszusterben. Zu Besuch bei einigen der Letzten ihrer Zunft.

          Auf dem Andrássy-Boulevard in Budapest reiht sich Tür an Tür, was in der Modewelt Rang und Namen hat: Louis Vuitton, Ermenegildo Zegna, Gucci, Burberry oder Roberto Cavalli. Stolze Ware für einen stolzen Preis. Die Branche hat die ungarische Hauptstadt längst für sich entdeckt – und die nimmt es dankend an.

          „Die Dinge haben sich definitiv verbessert, ein eleganter Stil ist nach Budapest zurückgekehrt“, sagt Simon Skottowe. In einer kleinen Seitenstraße des Andrássy-Boulevards, nur einen Steinwurf von Budapests prächtigem Opernhaus entfernt, führt der Engländer seinen Salon. Was er hier macht, hat in der ungarischen Hauptstadt heute Seltenheitswert. Simon Skottowe ist einer der letzten traditionellen Herrenschneider von Budapest. Jedes seiner Produkte ist ein Unikat, individuell gemessen und geschneidert, ganz im Stile des klassischen englischen bespoke. Er kleidet, sagt er, nicht den Kunden ein, sondern dessen Persönlichkeit. Er führt ihn, er versteckt, was es zu verstecken gilt, er hebt hervor, was es hervorzuheben gilt.

          Die traditionellen ungarischen Herrenschneider haben sich in den vergangenen Jahrzehnten entweder in den Bankrott oder in den Ruhestand verabschiedet. Skottowe aber sah zur Jahrtausendwende die Möglichkeit für einen Neuanfang. „Der Markt war offen, die Leute hatten Geld, und die Nachfrage war da, doch es war sehr schwer für die Kunden, Qualität zu kaufen“, sagt der 45 Jahre alte Engländer, der nach seinem Abschluss am Harrow College zunächst zehn Jahre in Mailand arbeitete, bevor er Ende der neunziger Jahre zu einer großen englischen Bekleidungsfirma nach Budapest wechselte. Nachdem sein Vertrag ausgelaufen war, entschied er sich, in der Stadt zu bleiben und eine Tradition wiederzubeleben, die Budapest fast schon vollständig verloren hatte.

          Arbeiterklasse im Anzug

          An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte sich Budapest zu einer der am schnellsten wachsenden, spannendsten Metropolen Europas entwickelt. Arbeiter strömten vom Land in die Stadt, die Jobs in der Industrie sorgten dafür, dass das Proletariat bald die größte Klasse stellte, doch der Ton der Stadt war bourgeois. „Die bürgerliche Uniformität von europäischen Kleidungstilen wurde allgegenwärtig“, schreibt John Lukacs in seinem kulturhistorischen Meisterwerk „Budapest 1900“. Auch die junge Arbeiterklasse nahm die städtischen Gepflogenheiten schnell an, stellte die Stiefel in die Ecke und kleidete sich in Schuhe und Anzug. Für die Herrenschneider waren es goldene Zeiten.

          Die Tradition der Budapester Herrenschneiderei führten die emigrierten ungarischen Juden nach dem Zweiten Weltkrieg in London fort. Skottowe hat noch heute seinen ehemaligen Meister im Ohr: „Die besten Schneider in London sind die Ungarn.“

          Dort, vor allem in der weltbekannten Savile Row, liegt seit dem 18. Jahrhundert das Zentrum dieser von Männern für Männer ausgeübten Kunst, von hier wandert der Begriff des gentleman in die Welt. Während Schneider bis zum 17. Jahrhundert von der Mode beherrscht wurden, avancierten sie nun zu Herrschern der Mode.

          Nach allen Abzügen bleiben 360 Euro

          Einer, der sein Handwerk mit in die Wiege gelegt bekam, ist Tamás Jáni. „Die Menschen haben sich früher sehr elegant gekleidet, und wenn jemand einen Anzug brauchte, ging er zum Schneider“, erzählt er und hantiert nebenbei mit Fingerhut und Nadel. „Úriszabó“ steht schlicht auf dem Schaufenster seines Geschäfts auf der Budaer Seite der Stadt: Herrenschneider. Einige Stufen geht es vom Bürgersteig in die Tiefe, dann öffnet sich ein Zeichensystem aus Stoffen, Falten, Formen und Farben. Die Werkstube eines Herrenschneiders, wie sie vor knapp einem Jahrhundert ausgesehen haben mag.

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