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Veröffentlicht: 01.06.2013, 19:23 Uhr

Stöckelschuh-Nachhilfe Wie eine ungelenke Marionette

Unsere Autorin trägt vornehmlich flache Sohlen und ist somit die richtige Kandidatin für eine Nachhilfe im Stöckelschuh-Kurs. Auf 14 Zentimetern übt man dort mehr als einen grazilen Gang.

von Katja Gelinsky
© Jens Gyarmaty Vielleicht sieht’s bei mir nicht so staksig aus? Unsere Autorin in High-Heels.

Für den letzten Selbstversuch im Auftrag der Zeitung habe ich Zikaden verzehrt. Damals in Washington. Milliarden Singzikaden der sogenannten Brut X, deren Larven nur alle 13 bis 17 Jahre schlüpfen, bevölkerten die amerikanische Hauptstadt. „Keine Kohlenhydrate, wenig Fett, viel Eiweiß - der ideale Snack“, pries die amerikanische Biologiestudentin die Insekten, die sie zu einem Kochbuch mit Zikadengerichten inspiriert hatten. Frittiert oder in Plätzchenteig gerührt; die zart-knusprige Note der Singzikade wurde durch Erdnüsse oder Schokostückchen unterstrichen.

Wieso tauchen auf der Fahrt zum High-Heels-Workshop in Berlin-Schöneberg Erinnerungen an geröstete Zikaden auf? Vielleicht liegt es an der Jahreszeit. Die Zikaden sangen beziehungsweise brutzelten im Sommer. Heute, an diesem Samstagnachmittag, ist es ebenfalls warm - so warm, dass es herrlich wäre, die Füße in kühles Wasser zu tauchen, anstatt sie mit Stöckelschuhen zu malträtieren. Abwehrinstinkte melden sich. Zehen, die in Stöckelschuhe gezwängt werden, reagieren bekanntlich empfindlich. Manches geht einfach nicht, fügt sich nicht zusammen. Genau das ist ja die Pointe dieser Selbstversuchsberichte.

Ich besaß bislang keine High Heels. Wiederholte Versuche, im Schuhgeschäft ein paar Schritte auf den Dingern zu gehen, scheiterten so kläglich, dass die Energie, die Frauen ja angeblich beim Schuh-Shopping haben, nicht einmal für einen Fehlkauf reichte. Im Büro bewege ich mich auf Trichterabsätzen von höchstens fünf Zentimetern - nachdem ich die Straßenturnschuhe im Aktenschrank verstaut habe. Meine Ausgehpumps mit sieben Zentimetern Höhe kommen nur bei kurzen Stehempfängen oder Sitzveranstaltungen zum Einsatz.

Zu Beginn des Kurses verlegene Stille

Für den Stöckelschuh-Kurs habe ich bei einem Schuhdiscounter die höchsten Stilettos gewählt, die einigermaßen passten. Immerhin 14 Zentimeter hoch. Trotz Einlegesohle „Komfort“ und Fersenschonern fühle ich mich schon im Stehen äußerst wacklig. Aber noch dürfen wir Teilnehmer des High-Heels-Lauftrainings sitzen - barfuß, auf Socken oder in Nylonstrümpfen, die Zehen mit dunklem Nagellack überspannen. Wir haben auf harten Stühlen Platz genommen, die an der Wand eines großen, kahlen Zimmers einer Altbauwohnung aufgereiht sind. Jemand hat blasse Buddhabilder an die Wände gehängt und Blumenetageren mit Grünpflanzen in die Zimmerecken gestellt.

Es herrscht verlegene Stille, bis unsere Trainerin Ksenia Kotina hereinfedert - auf enormen Plateau-Stiefeletten aus schwarzem Velours mit goldfarbenen Reißverschlüssen und Ösen. Dazu trägt sie schwarze Strumpfhosen und Shorts mit einem dunklen T-Shirt. Darauf der Schriftzug „I Would Die For“ über einem großen Bild mit Stilettos. Früher war Kotina Balletttänzerin. Aber schon bald bekam sie gesundheitliche Probleme. Auch das Musicalfach bot nicht die erhoffte Perspektive. Also gründete sie „WalkOnHeelz“ und tourt als Stöckelschuhtrainerin durch deutsche Städte.

Unser Workshop beginnt mit einer Art Musterung. Gleich die erste Teilnehmerin, eine junge Frau mit Schuhkoffer, aus dem sie für den Probelauf ein Paar violette Veloursstiefeletten zieht, geht so elegant, dass ich mich frage, wieso sie überhaupt Nachhilfeunterricht braucht. Später erfahren wir, ihre besorgte Schwester hat sie zu dem Kurs gedrängt, damit sie durch das häufige Tragen von High Heels keine Knieschäden bekommt. Die nächste Überraschung ist der unscheinbare Mann, den ich bislang für einen Mitarbeiter von „WalkOnHeelz“ hielt. Auf gewaltigen Hochplateau-Boots durchquert er souverän das Zimmer. Bin ich versehentlich im Fortgeschrittenenkurs gelandet?

„Kleine Korrekturen. Gar nicht schlimm“

Die beiden nächsten Teilnehmerinnen plagen sich allerdings ähnlich befangen auf ihren hohen Absätzen wie ich. Zum Schluss ist das attraktive Mutter-Tochter-Duo dran, das verspätet eintraf. Der Gang der Mutter scheint stärker durch den eleganten, aber äußerst eng anliegenden Lederrock als durch die hohen schwarzen Pumps beeinträchtigt, die sie statt ihrer Prada-Ballerinas übergestreift hat. Die hübsche Tochter im fortgeschrittenen Teenageralter packt mit widerwilligem Gesicht ein Paar pfirsichfarbene Abendschuhe mit Goldbuchstaben an der Ferse aus. Ob sie das Lauftraining tatsächlich so peinlich und langweilig fand, wie es den Anschein hatte, oder ob es Verlegenheit war? Am Ende habe ich sie dann doch nicht gefragt.

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