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Schneiderei des Vatikans : Der Erfolg fällt nicht vom Himmel

Vom Schaufenster in den Petersdom: Die Gammarellis fertigen drei Roben für den neuen Papst. Ob er eine davon trägt, ist noch so unbekannt wie sein Name. Bild: action press

Die Schneiderei des Vatikans hat keine Wahl: Um den neuen Papst als Kunden zu gewinnen, nehmen auch die Chefs Nadel und Faden in die Hand. Ein Besuch in Rom.

          Es gibt Zufälle, von denen sagen die Leute, dass sie ein echter Segen seien. Oder sie nennen diese ein Geschenk des Himmels. Stefano Gammarelli würde jenen Zufall, der ihn am Montag vor zwei Wochen ereilte, wohl kaum so umschreiben. Mit den Worten, die er verwendet, geht er ähnlich vorsichtig um wie mit einem teuren Stoff. Und überhaupt, um länger mit dem Besuch plaudern zu können, dazu sei er eigentlich zu beschäftigt. So erging es an Tagen wie diesen schon seinem Vater, Annibale, seinem Großvater, seinem Urgroßvater und allen weiteren Generationen von Vorfahren, seit der erste Gammarelli, Giovanni Antonio, im Jahr 1798 mit der Arbeit begonnen hatte.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Gammarellis sind die Schneider des Vatikans, seit über 200 Jahren. Offiziell statten sie den Papst aus. Nur gibt es inoffiziell einen Konkurrenten, der seit ein paar Jahren mitmischt. Auch deshalb ist der Rücktritt des Heiligen Vaters, der einige erschütterte und andere hoffen lässt, wenigstens für die Gammarellis ein schöner Zufall. Weil überraschend ein neues Oberhaupt gewählt werden soll, hat Stefano Gammarelli kaum eine Minute zu verschenken. Für die Gammarellis bedeutet der Termin eine Chance - und großen Aufwand.

          Da trifft es sich für die Familie dieser Tage gut, dass man das Geschäft des Schneiders in der römischen Altstadt, eingequetscht zwischen einem Antiquitätenladen rechts und einer dicken Hausmauer links, beinahe übersehen könnte. Direkt vor dem Laden hat sich dazu noch - wie zum Schutz - einer dieser mindestens sechseckigen Zeitungskioske postiert, die eine ordentliche Größe haben und in deren Schatten es sich ruhig arbeiten lässt. Das ist nicht unwichtig. Das weiß man schon mit einem Blick auf die Titelseiten am Kiosk vor der Tür. Vor allem von einem Thema ist zu lesen: vom Rücktritt Papst Benedikts XVI. und den Neuwahlen.

          Drei Größen sind vorgesehen: S, M und L

          Stefano Gammarelli, ein junger Mann Ende zwanzig mit braunen Locken, ist größer als die meisten Italiener. Besseres Englisch spricht er auch. Da man an diesem Montagvormittag um 11 Uhr, eine Woche nach Bekanntgabe des Rücktritts, den Weg zu ihm in den Laden gefunden hat, lehnt er sich im Verkaufsraum also netterweise ein paar Minuten lang entspannt zurück, als stünde er nicht hinter dem Holztresen, sondern an einer Kaffeebar. In seinem Rücken quellen aus dunklen Holzschubladen feine Brokatstoffe und Seide hervor, mal in Juwelentönen, mal in Kalkweiß. Sofern die Gammarellis den Auftrag vom Vatikan erhalten, müssen die rund 15 Mitarbeiter bis zum Konklave in wenigen Wochen aus dem weißen Stoff Soutanen für den neuen Papst geschneidert haben. „Wir haben sofort mit der Arbeit begonnen“, sagt Gammarelli.

          Drei verschiedene Größen sind vorgesehen, S, M und L, so bestimmt es die Tradition. Schließlich weiß man vorab nicht, ob der neue Papst korpulent sein wird wie etwa der New Yorker Erzbischof Timothy Dolan oder eher schmächtig. „Eine Robe berücksichtigt fünf Kardinäle“, sagt Gammarelli. Die genauen Maße dazu stehen in über Jahrhunderte penibel geführten Büchern. Die Gammarellis kennen sich aus mit den Bauch- und Brustumfängen der Kardinäle. „Wir können ja nicht 200 verschiedene Roben fertigen.“

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